Weinheim

Weinheimer Kinder stehen bald ohne Psychiater da

Die Versorgungslage in der Zweiburgenstadt verschlechtert sich zusehends. Nun schließt die einzige Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie ihre Pforten. Kinderärzte schlagen Alarm.

Kinderärztin Dr. Ute Cerny-Willersinn hat zunehmend Probleme, ihre jungen Patienten bei Kinder- und Jugendpsychiatern unterzubekommen. Nun schließt auch noch die einzige Praxis in Weinheim ihre Pforten. Foto: Thomas Rittelmann
Kinderärztin Dr. Ute Cerny-Willersinn hat zunehmend Probleme, ihre jungen Patienten bei Kinder- und Jugendpsychiatern unterzubekommen. Nun schließt auch noch die einzige Praxis in Weinheim ihre Pforten.

Die ohnehin schwierige psychiatrische Versorgungslage in Weinheim und Umgebung verschlechtert sich nun noch einmal deutlich. In der 45 000-Einwohner-Stadt gibt es mittlerweile ohnehin nur einen einzigen praktizierenden Facharzt für Erwachsene (wir haben berichtet). Bald schließt auch noch die einzige Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie ihre Pforten. Das könnte Auswirkungen für das ganze Gebiet Rhein-Neckar haben – vom Stadtkreis Mannheim im Westen bis nach Buchen (Neckar-Odenwald-Kreis) im Osten.

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Dr. Ute Cerny-Willersinn erlebt es in ihrer Hirschberger Gemeinschaftspraxis für Pädiatrie Tag für Tag. Eltern wenden sich Hilfe suchend an die langjährige Kinderärztin, weil ihr Nachwuchs nicht mehr in die Schule möchte, sich selbst Verletzungen zufügt oder nichts mehr isst. Eigentlich bräuchten sie so schnell wie möglich psychiatrischen Beistand. So schnell wie möglich: Das bedeutet jedoch meist eine Wartezeit von vielen Monaten. Wie in vielen eher ländlich geprägten Regionen ist die Zahl der niedergelassenen Fachärzte überschaubar. Abseits der Ballungszentren Mannheim und Heidelberg gibt es im Rhein-Neckar-Kreis nur noch sechs Fachärzte. Sie sitzen in Sinsheim, Wiesloch, Dossenheim, Hockenheim. Und noch gibt es einen in Weinheim.

Kinderärzte schlagen Alarm

Wenn das so bleiben soll, müsste der Kinder- und Jugendpsychiater aus der Zweiburgenstadt einen Nachfolger finden, der seine Praxis übernimmt. Denn während die Kinderärzte aufgrund der mangelhaften Versorgung Alarm schlagen, spricht der aktuelle kassenärztliche Bedarfsplan (Stand Oktober) bei 14 niedergelassenen Fachärzten von einer Überversorgung in diesem Bereich von 111 Prozent. Soll sich dennoch ein Psychiater in Weinheim niederlassen, müsste das schon im fliegenden Wechsel und durch eine Praxisübernahme in der Zweiburgenstadt geschehen, wie Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg bestätigt.

Laut Cerny-Willersinn, die als Leiterin des Qualitätszirkels für Kinderärzte auch für ihre Kollegen spricht, gebe es aber keine entsprechenden Signale seitens des Facharztes. Die Weinheimer Nachrichten fragten bei dem Kinder- und Jugendpsychiater nach. Unter anderem wollte unsere Redaktion wissen, welche Bemühungen er unternommen hat, um eine Nachfolge zu finden. Per E-Mail lässt der scheidende Facharzt wissen, dass er keine Stellungnahme abgeben und nicht namentlich erwähnt werden wolle. Nicht einmal zum Zeitpunkt der Betriebsaufgabe will er Angaben machen. Aus der Praxis war aber zu erfahren, dass diese bereits zum Jahresende schließen wird.

Ländliche Bereiche im Nachteil

Für die Region Rhein-Neckar besteht jedoch laut KV-Sprecher Sonntag noch Hoffnung, zumindest den Status quo zu erhalten. Bislang sehe es so aus, dass die Versorgungslage durch die Betriebsaufgabe des Weinheimer Facharztes die Niederlassung eines neuen Kinder- und Jugendpsychiaters erlaube. Das sei nämlich noch bei einer Abdeckung von bis zu 110 Prozent grundsätzlich möglich. Ob sich der 14. Kinder- und Jugendpsychiater dann auch in Weinheim niederlässt, ist eher unwahrscheinlich. Denn hier kommt das ganze Versorgungsgebiet mit einer Länge von über 100 Kilometern infrage. Mit Blick auf die vergangene Entwicklung wohl am ehesten in den Ballungszentren Heidelberg oder Mannheim. Ein Steuerungselement, um bei den Niederlassungen auch die ländlichen Bereiche stärker zu berücksichtigen, gebe es laut KV-Sprecher Sonntag nicht.

Blickt man auf die Sorgen von Kindern und Eltern, erschließt sich der Begriff Überversorgung freilich nicht. Auf den Facharztlisten, die Kinderärzte den Eltern an die Hand geben, finden sich mittlerweile Adressen aus angrenzenden Bundesländern wieder, was wiederum dort die Lage verschärft. Aber: „In ihrer Verzweiflung steuern Eltern alle Anlaufstellen an, die zur Verfügung stehen“, erklärt Cerny-Willersinn. In besonders akuten Fällen greifen die Kinderärzte zum Hörer und machen die Sache dringlich. Wie die Pädiaterin erläutert, gelte das bei Schicksalen, bei denen aufgrund einer Depression eine suizidale Gefahr bestehe oder eine Essstörung derart schwerwiegend ist, dass das Kind im Begriff ist, einen kritischen Gewichtszustand zu erreichen.

Mehr Erkrankungen bei Kindern und Heranwachsenden

Die Abnahme an Psychiatern stößt auf eine kontinuierliche Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Heranwachsenden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Juli stellten psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen 2021 die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen dar. Rund 81 000 der etwa 427 600 Krankenhauspatienten im Alter von 10 bis 17 Jahren wurde ihretwegen stationär behandelt – 19 Prozent. Cerny-Willersinn hat in ihrer 30-jährigen Tätigkeit nie so hohe Fallzahlen erlebt wie jetzt. In den Kinderarztpraxen der Region seien es gut und gerne fünf Betroffene am Tag, die Zugang zu psychologischer Therapie benötigen.

Das Gebiet der psychischen Erkrankungen sei breit gefächert. Zu ihnen gehören etwa schwere Depressionen oder Essstörungen, auch Angststörungen sowie psychosomatische Beschwerden. In weniger akuten Fällen ist beispielsweise ein Psychiater nötig, weil ein Patient auf ADHS, Autismus oder Verhaltensprobleme getestet werden muss. In den vergangenen Jahren, spätestens seit der Pandemie, habe es noch einmal einen „gigantischen“ Anstieg gegeben. KV-Sprecher Sonntag stellt im Gespräch mit den WN klar, dass die Bedarfsplanung mitnichten den tatsächlichen Bedarf widerspiegele. Vielmehr sei es das Kontingent, das die Politik den kassenärztlichen Vereinigungen an Mitteln zur Verfügung stelle. Und so war es ihm auch wichtig, zu betonen: „Ich will diese Systematik nicht verteidigen.“