Weinheims älteste Bürgerin bringt OB Just in die Zwickmühle
Gertrud Möll aus Lützelsachsen feiert ihren 105. Geburtstag — mit einer Partie Mühle gegen Weinheims Oberbürgermeister. Wie sie ihn in Grund und Boden spielt und warum sie täglich ein Mon Chérie nascht.
Abgemacht ist abgemacht: Schon vor einem Jahr, am 22. Februar, gaben sich Gertrud Möll und Oberbürgermeister Manuel Just die Hand darauf. Die älteste Bürgerin Weinheims und der Rathauschef, der mit 44 Jahren locker ihr Enkel sein könnte, vereinbarten eine Partie Mühle. Damals wurde Gertrud Möll 104 Jahre alt – jetzt am Donnerstag feierte sie ihren 105. Geburtstag. Und tatsächlich: Sie lieferten sich ein Brettspiel-Match. Hier zeigte sich: Übung macht den Meister. Die Jubilarin spielte Just in Grund und Boden.
„Aber wir spielen nur, wenn Sie auch gut verlieren können.“ Gertrud Möll
„Es ist unglaublich, wie fit und klar Sie sind“, bescheinigte der OB und kalkulierte eine Niederlage ein. Schon im Vorfeld hatte die Jubilarin schelmisch erklärt: „Aber wir spielen nur, wenn Sie auch gut verlieren können.“ Es wird viel gelacht im Viergenerationenhaus in der Lützelsachsener Schlossgasse direkt gegenüber dem Alten Rathaus. Gertrud Möll, genannt Mutti, wohnt dort im Erdgeschoss des Hauses ihrer Tochter Marliese Lehr und von deren Mannes Friedrich. In den Nachbarhäusern wohnen die Enkelkinder Nadja und Matthias mit ihren Familien. Fünf Urenkel in der Weinheimer Großfamilie haben immer noch ihren Spaß mit der hochbetagten Dame, die jeden Tag das Leben genießt.
„Ich kann es selbst nicht glauben"
Am Vormittag hatte bereits Lützelsachsens Ortsvorsteherin Doris Falter zu den ersten Gratulanten gezählt. Sie ist mit der Familie gut bekannt und befreundet. „Ich kann es selbst nicht glauben, dass ich schon so alt bin“, schmunzelte Gertrud Möll beim OB-Besuch. Als der Gast den Raum betrat, legte sie das Buch weg, in dem sie gerade gelesen hatte. Einen Roman. Seit sechs Jahren wohnt Gertrud Möll in Lützelsachsen bei der Familie ihrer Tochter. Bis dahin lebte sie weitgehend selbstständig in Mannheim-Seckenheim, wo sie die meiste Zeit mit ihrem Mann und den beiden Kindern zuhause war; seit 2006 ist sie Witwe.
„Meine Oma ist eine Kämpferin“ Enkelin Nadja Weiß
„Meine Oma ist eine Kämpferin“, sagt Enkelin Nadja Weiß. Im Zimmer stehen Pedalos, mit denen Gertrud täglich trainiert. Vor zwei Jahren war sie mit ihrem Rollator noch im Ort spazieren. Besonders gerne besucht sie mit ihren Enkeln und Urenkeln den Weg rund um den Waidsee. Das Gewässer erinnert Gertrud Möll an ihre Jugend in Mannheim-Neckarau. Sie war eine gute Schwimmerin und durchquerte sogar den Rhein. Bis zur Pensionierung war sie berufstätig, unter anderem arbeitete sie als Direktionssekretärin bei BBC und in der Personalabteilung. Bis heute hält sie sich auch geistig fit. Sie liest, spielt gerne Mühle und sogar Schach mit einem sportlichen Ehrgeiz.
Kein Tag ohne Schnapspraline
Gertrud Möll verbringt ihren Lebensabend an einem durchaus historischen Ort. Hier lebte der frühere Lützelsachsener Bürgermeister Rudolf Lehr, der Ende der 40er-Jahre auch zu den Gründern des Lützelsachsener Winzerfestes gehörte. Dessen Sohn wiederum, ihr Schwiegersohn Friedrich Lehr, war Ortschaftsrat und lange Jahre Vorsitzender im Heimat- und Verkehrsverein. Enkeltochter Nadja Weiß, ehemalige Winzerkönigin, führt die kommunalpolitische Ära der Familie fort. Die Jubilarin isst noch immer mit gutem Appetit und verrät gerne ihr Geheimrezept für gepflegtes Altern: Sie nascht jeden Tag ein Mon Chéri. Nur eins am Tag, aber keinen Tag ohne die Schnapspraline. Tochter Marliese muss sie im Frühjahr im Vorrat kaufen, um sie den Sommer über im Kühlschrank aufzubewahren, bis sie im Herbst wieder in die Regale zurückkehren.