Weinheim

„Kartoffelbrieh – die Woch is hie“: Am Kochtopf mit Markus Weber

Am liebsten kocht Dr. Markus Weber, Apotheker und Mundart-Künstler, aus „de la main", also frei Schnauze und ohne Rezept. Aber heute nicht. Für unsere Leser bindet er sich die Kochschürze um und bereitet ein Gericht aus seinem neuen Kochbuch zu: Kartoffelsuppe nach Weber-Art. In der eigenen Küche und nach Anleitung. Ein echter Genuss!

Dr. Markus Weber kocht wie bei Oma. Foto: Ann-Kathrin Weber
Dr. Markus Weber kocht wie bei Oma.

Druckfrisch liegt das 120 Seiten starke Kochbuch auf der Arbeitsplatte. Der Titel: „Kartoffelbrieh – die Woch is hie“. Das Weinheimer Kochbuch ist gespickt mit alten Rezepten, überliefert von Weinheimern und von Markus Weber zusammengetragen und – wie es ihm am Herzen liegt – zweisprachig aufgeschrieben: in Hochdeutsch und in Woinemerisch. Passend dazu „babbelt“ Weber am Kochtopf, wie ihm „de Schnawwl gewachse is“, während er schnippelt und rührt. Nach und nach duftet es nach Suppe und auch nach kulinarischer Heimat.

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Das kommt rein in Webers Kartoffelsuppe. Foto: Ann-Kathrin Weber
Das kommt rein in Webers Kartoffelsuppe.

Zwei „Küchehogger“

Die Zutaten für vier Portionen sind schon zurechtgelegt: sechs Karotten, zwölf Kartoffeln, drei Lauchzwiebeln, eine rote Zwiebel, zwei Liter Gemüsebrühe, Salz, Pfeffer und zum Anbraten eine rein pflanzliche Alternative zum Butterschmalz. Vegan ist angesagt, das liegt im Trend. In früheren Zeiten war „fleischlos“ aus der Not geboren. Wer dennoch nicht auf Fleisch verzichten will, der darf sich später ein Würstchen reinschneiden. Davon profitiert auch Webers Hund Mogli, der es sich unter dem Küchenstuhl gemütlich gemacht hat. „Aber wenn er Wienerle riecht, dann wird er ganz verrückt“, kündigt Weber schon mal an, was sich später bewahrheiten wird. Hier in der kleinen Bistroecke der weißen Küche sitzen sie oft, die beiden: der schwarze Cocker aus dem griechischen Tierschutz und sein Herrchen. Weber: „Mer sind Küchehogger.“

Die Arbeit kommt vor dem Vergnügen: Karotten schälen kann der Apotheker gut. Foto: Ann-Kathrin Weber
Die Arbeit kommt vor dem Vergnügen: Karotten schälen kann der Apotheker gut.

„Schoppe“ als Maßeinheit

Doch sitzen ist jetzt nicht möglich. Denn vor dem Vergnügen steht bekanntlich die Arbeit. Während Weber Karotten, Kartoffeln und Zwiebeln schält, wird schon mal die Brühe in einem Topf aufgesetzt. „Vier Schoppe“, zählt Weber ab. Halb-Liter-Gläser also, die Maßeinheit für die Hausfrau von damals. Heute ebenso unüblich wie die Pfundangaben, mit denen die Rezepte in Mundart versehen sind. Bei der Brühe gehen die Webers dagegen moderne Wege. Sie wird nicht frisch aus Gemüse gekocht, sondern ist „instant“. „Me wolle's ja ah net iwertreiwe“, winkt Weber nonchalant ab. Auch bei ihm und seiner Frau Ulla muss es schnell gehen, wenn es abends spät wird in der Apotheke.

Erst werden die Zwiebeln angeschwitzt, bis sie leicht braun werden. Foto: Ann-Kathrin Weber
Erst werden die Zwiebeln angeschwitzt, bis sie leicht braun werden.

Der Magen knurrt schon

Behände schneidet er das Gemüse in kleine Würfel. Dann wird's schneller gar. Und der Magen knurrt ohnehin schon. Ein Stück Pflanzenfett landet in einem großen Topf. „Net zu wenisch“, erklärt Weber. Es soll ja nichts anbrennen. Als das Fett spritzt, kommen die Zwiebeln rein. Die sollen schön glasig werden, sogar einen leicht braunen Ton annehmen. Weber fächelt sich den Duft zu: „Ahh, Röstaromen!“ Die sind wichtig für den Geschmack.

Dann kommt das Gemüse portionsweise dazu. Immer schön umrühren! Sonst brennt das "Gemies" an. Foto: Ann-Kathrin Weber
Dann kommt das Gemüse portionsweise dazu. Immer schön umrühren! Sonst brennt das "Gemies" an.

Hochdeutsch und „Muddasproch“

Als Nächstes kommt das Gemüse in den Topf. „Nach und nach, und dabei immer rühren, damit nichts am Boden kleben bleibt“, schwenkt Weber ins Hochdeutsche. Er kann beides, nicht nur die „Muddasproch“. Die will er aus der Ecke niedriger Bildung holen, in die sie oft gesteckt wird. Bestes Beispiel ist sein „Märchenbuch“ samt CD, das den hiesigen Dialekt regelrecht adelt. Der Erfolg, so weiß Weber, liegt in der Rückkehr zu den Wurzeln, die im Dialekt und den Märchen der Kindheit verschmelzen.

Hmm! Wie das schmeckt! Redakteurin Iris Kleefoot ist sichtlich begeistert. Foto: ann
Hmm! Wie das schmeckt! Redakteurin Iris Kleefoot ist sichtlich begeistert.

Vom Magen direkt ins Herz

Und so wie der Dialekt ein Stück Heimat ist, die es zu bewahren gilt, ist es auch die Küche unserer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter. „Vun de Omas halt“, sagt Weber, für den Heimat schon immer vom Gaumen zum Magen und dann direkt ins Herz ging. Deshalb hat er betagte, aber auch junge Weinheimer Köchinnen gebeten, ihre überlieferten Rezepte aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen. Und das Schöne dabei ist: Die traditionellen Gerichte lassen sich auch heute noch einfach nachkochen und sie sind hochaktuell, denn viele von ihnen kommen auch ohne Fleisch aus – und sie regen dazu an, schon beim Einkaufen wieder regional zu denken.

Hat das Gemüse etwas Farbe angenommen, wird die Brühe angegossen. Immer nur soviel, dass die Masse bedeckt ist. Foto: Ann-Kathrin Weber
Hat das Gemüse etwas Farbe angenommen, wird die Brühe angegossen. Immer nur soviel, dass die Masse bedeckt ist.

„Hopp, hopp!“, ruft Ulla

„Was gibt's denn Schöneres, als samstags auf dem Markt einzukaufen oder auf dem Bauernhof, den man kennt?“, fragt Weber, der ins Plaudern kommt und seinen Topf vernachlässigt. „Hopp, hopp!“, ruft denn auch Ulla Burkhardt-Weber dazwischen und treibt ihren Mann an. Er soll die Brühe zum Gemüse schütten. Auch hier gilt: nicht alles auf einmal angießen, sondern in Etappen. Auf das Gemüse kommt nur so viel Flüssigkeit, dass die Masse gerade bedeckt ist. Was verdampft, wird nachgegossen. Die Suppe darf jetzt köcheln, bis die Kartoffeln und Karotten bissfest sind. Weber: „Sie dürfen nicht zerfallen.“ 20 Minuten dauert's, bis die Suppe fertig ist.

Während der rund 20-minütigen Kochzeit kann schon mal der Tisch gedeckt werden. Foto: Ann-Kathrin Weber
Während der rund 20-minütigen Kochzeit kann schon mal der Tisch gedeckt werden.

Zurückversetzt auf die Eckbank in Omas Küche

Ulla Weber deckt schon mal den runden Holztisch, ihr Mann macht sich ein Bier auf. Dann wird abgeschmeckt – mit Salz und Pfeffer. Wer will, verfeinert noch mit Muskatnuss oder bringt Schärfe mit Chili ins Gericht. „Peterle“ (Petersilie) darf natürlich nicht fehlen. Fast fühlt man sich zurückversetzt auf die Eckbank in Omas Küche. „Ja, Geschmack weckt Erinnerungen“, weiß Weber und macht die Suppentassen voll. Es duftet herrlich! Und schmeckt noch besser. Die erste Fuhre wird vegetarisch genossen, den Nachschlag gibt's mit Würstchen. Ja, die Würstchen, die Mogli „närrisch“ machen. Da wird aus dem Küchenhocker plötzlich ein begeisterter Fan der Weberschen Kartoffelsuppe. Und es werden sicher viele folgen. In diesem Sinne: Guten Appetit! Oder wie es auf Woinmerisch heißt: En Gude!

Die vegane Variante kommt vollkommen ohne Fleisch aus. Foto: Ann-Kathrin Weber
Die vegane Variante kommt vollkommen ohne Fleisch aus.