Weinheim

Zwei Rohrbrüche pro Monat: Ist das Weinheimer Wassernetz marode?

Sperrung der Birkenauer Talstraße, Sturzbach auf der Friedrichstraße und Kellerüberflutung in Lützelsachsen: In den vergangenen Monaten machten sich Rohrbrüche im Weinheimer Wassernetz bemerkbar. Die Stadtwerke geben eine Einschätzung zum Zustand des Netzes.

Ein Sturzbach floss im Februar von der Friedrichstraße auf die Bergstraße / B3. Grund war ein Wasserrohrbruch. Foto: Gabriel Schwab
Ein Sturzbach floss im Februar von der Friedrichstraße auf die Bergstraße / B3. Grund war ein Wasserrohrbruch.

Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein. Aber nicht nur den: Große Teile des Weinheimer Trinkwasser-Leitungssystems erreichen nach Jahrzehnten der Nutzung ihre Mindesthaltbarkeitsdauer. Im vergangenen Jahr gab es im Schnitt mehr als zwei Rohrbrüche pro Monat, teils mit erheblichen Auswirkungen auf den Straßenverkehr. Erst vergangene Woche war die Birkenauer Talstraße dicht, weil es zu einem Leck auf der Höhe der Eisenbahnbrücke gekommen war. Insbesondere Autofahrer aus Richtung Birkenau wurden im Berufsverkehr auf die Geduldsprobe gestellt.

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Welche Straßen waren jüngst betroffen – und wie sehr?

Nicht nur die Birkenauer Talstraße, wo es bereits Ende August zu dem Schaden gekommen war, hielt die Stadtwerke und Einsatzkräfte auf Trab. Einen Monat zuvor musste die Feuerwehr in die Erbsengasse ausrücken, wo Wasser nach einem Rohrbruch einen Keller überflutete. Im Vormonat ereignete sich Ähnliches in der Lützelsachsener Bachwiesenstraße. Auch dort mussten die Brandschützer einen Keller auspumpen, in dem das Wasser knöchelhoch stand. Auf der Friedrichstraße bildete sich im Februar sogar ein kleiner Sturzbach, der auch die angrenzende Bergstraße/B 3 flutete.

Mittlerweile sind die Reparaturen fertig - auch die Fahrbahndecke der Birkenauer Talstraße ist wieder geflickt. Foto: Henrick Höhn
Mittlerweile sind die Reparaturen fertig - auch die Fahrbahndecke der Birkenauer Talstraße ist wieder geflickt.

Obwohl sich das Wasser dort Bahn brach, ereignete sich der eigentliche Rohrbruch an der Hauptversorgungsleitung im Bereich zwischen Hübschstraße/Bismarckstraße. Drei Wochen davor kam es in der Albert-Ludwig-Grimm-Straße zum Rohrbruch. Auch hier floss das Wasser bergab – und gefror wegen der kalten Temperaturen umgehend. Um Unfälle zu vermeiden, musste auch der Bauhof ausrücken, der auf der Eisschicht großzügig Salz streute.

Wie viele Rohrbrüche hat es also im vergangenen Jahr gegeben?

Pressesprecher Torsten Friedrich erklärt, dass die Weinheimer Stadtwerke im Zeitraum von September 2023 bis August 2024 insgesamt 27 Rohrbrüche verzeichneten. „Dies entspricht 0,1 Rohrbrüchen pro Kilometer Leitung. Wir bewegen uns damit im Fünfjahresdurchschnitt auf gleichbleibendem Niveau“, so Friedrich.

Wie sind diese Zahlen zu bewerten?

Für einen Vergleich verweist Friedrich auf den sogenannten Infrastruktur-Leckverlust-Index (ILI), bei dem sich die Stadtwerke in der untersten Kategorie bewegen. Der ILI ist eine international gebräuchliche Kennzahl, mit der der reale Wasserverlust in einem Netz berechnet wird, wie der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) auf seiner Seite informiert. Der Verlust soll Rückschlüsse darauf geben, wie es um die Infrastruktur des Wassernetzes bestellt ist. Der DVGW weist auf seiner Homepage jedoch ebenfalls darauf hin, dass sich bei der Anwendung der Methodik Probleme ergeben. „Zum Beispiel hinsichtlich der Qualität der Ausgangsdaten, der Ermittlung der Eingangsgrößen sowie der Vertrauenswürdigkeit der Kennzahl“, so der Verein.

Wie steht es also um das Weinheimer Wassernetz?

„Ein Großteil der Weinheimer Trinkwasserleitungen ist zwischen 40 und 60 Jahre alt“, erläutert der Stadtwerkesprecher. „Angesichts einer technischen Nutzungsdauer von 60 bis 80 Jahren ist klar, dass in den kommenden Jahren gezielte Sanierungsmaßnahmen erforderlich sein werden.“ Die Stadtwerke hätten bereits ein umfassendes Sanierungskonzept erarbeitet, das auf einer digitalen Erfassung aller Leitungen samt Material und Dimension basiert.

Stadtwerke-Chef Alexander Skrobuszynski begründete die jüngsten Preissteigerungen mit Investitionen ins Trinkwassernetz. Foto: Marco Schilling
Stadtwerke-Chef Alexander Skrobuszynski begründete die jüngsten Preissteigerungen mit Investitionen ins Trinkwassernetz.

Wie hoch das geplante Investitionsvolumen ist, wollte Friedrich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten. Bekannt ist jedoch, dass die Stadtwerke in den vergangenen fünf Jahren sechs Millionen Euro in die Trinkwasserversorgung investiert haben, unter anderem in den Bau der neuen Leitung „DN 400“ von 5,6 Kilometern Länge vom Wasserwerk in Hemsbach bis nach Weinheim.

Wie wird der Zustand der Trinkwasserrohre überhaupt geprüft?

Im Gegensatz zu Abwasserleitungen stehen beim Trinkwasser keine vorgeschriebenen Schächte für die regelmäßigen Inspektionen zur Verfügung. Wasserversorger müssen sich also anders behelfen. In Weinheim wird das System tagesaktuell auf zwei Weisen überwacht. „Erstens ist das Netzgebiet physisch in verschiedene Zonen unterteilt, deren Zufluss kontinuierlich gemessen und übertragen wird“, so der Stadtwerkesprecher. Dadurch könnten Abweichungen im Wasserverbrauch frühzeitig erkannt werden, was auf mögliche Leckagen oder Rohrbrüche hindeute. „Zweitens sind im Netzgebiet an strategischen Punkten Geräuschlogger installiert“, erklärt Friedrich. Diese hochsensiblen Sensoren würden Rohrbrüche frühzeitig anhand der charakteristischen Geräuschentwicklung erkennen.

Kommen auf Verbraucher höhere Kosten zu?

Damit ist zu rechnen. Bereits die Anhebung der Trinkwasserkosten zum Beginn des Jahres wurde mit den Investitionen ins Netz begründet. Weitere kontinuierliche Ausgaben, um auch in Zukunft eine „zuverlässige und qualitativ hochwertige Versorgung“ zu gewährleisten, seien unerlässlich. Dennoch: Aktuell bewege man sich mit Kosten von 2,72 Euro pro Kubikmeter Wasser im baden-württembergischen Durchschnitt, wie Stadtwerke-Geschäftsführer Alexander Skrobuszynski in der Vergangenheit betonte.