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Soziales

Warum es immer weniger Erzieher gibt

Warum der Beruf im Kindergarten so unattraktiv ist und was Träger sowie Politik gegen den Fachkräftemangel tun können: Wir haben uns unter den Erzieherinnen entlang der Bergstraße umgehört.

Das Thema ist allgegenwärtig und sorgt immer wieder für Diskussionen: der Fachkräftemangel in den Kitas. Der Deutsche Kitaverband geht von bundesweit 100.000 fehlenden Erziehern aus und warnt davor, dass sich die Situation noch weiter zuspitzen wird. Träger finden kein Personal, Betreuungszeiten müssen gekürzt werden, was für Unmut bei den Eltern sorgt. Und die Erzieherinnen arbeiten häufig nicht mehr an der Belastungsgrenze, sondern sind schon längst darüber hinaus. Wir haben Mitglieder des Verbandes Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg sowie weitere Erzieherinnen aus dem Verbreitungsgebiet gefragt: Warum reduzieren immer mehr Beschäftigte ihre Arbeitszeit oder hören mit dem Beruf sogar komplett auf? Wie kann der Job wieder attraktiver werden? Und: Ist beim Fachkräftemangel nur die Politik gefordert oder müssen sich auch die Träger verändern? Hier kommen die Antworten.

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Stimmt es, dass immer mehr Erzieherinnen ihre Arbeitszeit reduzieren und sogar einen kompletten Berufswechsel vornehmen?

„Es ging gesundheitlich immer mehr bergab, und als ich dann einen ganzen Monat krank war und mit Fieber nur im Bett lag, dann musste ich nach vier Jahren Ausbildung und sechs Jahren als Vollzeitkraft die Reißleine ziehen. Die Kinder werden auch oft krank in den Kindergarten geschickt, man ist häufig alleine, man steht dauerhaft unter Stress. Und wenn man sich krank zur Arbeit schleppt, ist das auch kontraproduktiv. Man muss auch mal krank sein dürfen ohne Angst haben zu müssen, dass gleich der komplette Kindergarten geschlossen werden muss.“ (anonym)

„Ich bin selbst ausgestiegen. Nach 20 Jahren bin ich ausgebrannt und die Bedingungen wurden immer bescheidener. Es kann nicht sein, dass Erzieher ständig mit dem Satz ,Irgendwie geht es immer‘ im Hinterkopf arbeiten. Arbeit darf einen nicht kaputtmachen. Es kann nicht sein, dass so ein systemrelevanter Job immer unattraktiver wird. Es fehlt die Zeit für die Kinder: Heute hatte ich 25 Kinder für zehn Stunden allein – irgendwie geht immer. Es fehlt die Zeit für den kollegialen Austausch, der meistens aufgrund von Überstunden nur privat stattfindet, und für den Austausch mit den Eltern. Sie wünschen und wir machen – irgendwie geht immer. Es fehlt die Zeit für gute Ausbildung: Oft muss man für eine Kollegin einspringen und kann keine Azubi-Anleitung durchführen, versucht es, sich aber in drei, fünf oder sieben Wochen vorzunehmen oder am späten Abend die Ausarbeitung durchzulesen – denn irgendwie geht immer. Man spricht von multiprofessionellen Teams, aber rettet sich durch Tage mit Aushilfen, die man nie alleine lassen würde, damit die Anzahl der ,Erwachsenen‘ stimmt. Ich habe sehr gerne viele Jahre in der Frühpädagogik gearbeitet, aber irgendwann war irgendwie genug.“ (anonym)

„Reduziert von 100 auf 80 und dann auf 50 Prozent Wochenarbeitszeit, und jetzt drei Monate im Sabbatical. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Drei Bekannte sind vorerst aus dem Job ausgestiegen, bis auf eine Person kenne ich nur Teilzeitkräfte. Der Grund für den Ausstieg? Der erste Impuls: Ich kann nicht mehr. Mehrarbeit entsteht, da ich meiner Meinung nach mit vielen fachfremden Kolleginnen zu tun habe, die nach kurzer Schulung gleich als Fachkräfte gelten. Ich muss gefühlt überall sein, um Schäden abzuwenden. Handelst du pädagogisch korrekt, kannst du schon mal ausgelacht werden. Der Stand der Wissenschaft wird viel zu oft missachtet, lieber wird veraltete Pädagogik angewendet. Arbeitet man dagegen an, ist das sehr kräfteraubend. Ich kann mit diesen Rahmenbedingungen nicht so arbeiten, wie ich will… und sollte – der Gewissens- und Loyalitätskonflikt ist kräfteraubend. Ich bekomme es mit mir selbst nicht mehr vereinbart. Mein privates Dasein leidet auch darunter. Ich habe keine Kraft und keine Zeit. Das Gehalt, es ist einfach zu wenig für das, was wir leisten.“ (anonym)

„Erzieher sitzen oft auf dem Boden oder auf Kinderstühlen. Das sorgt irgendwann für gesundheitliche Probleme, das kann man nicht jahrelang mitmachen. Deswegen hören viele im höheren Alter auf. Die Lautstärke ist teilweise extrem, und in alten Gebäuden mit schlechter Dämmung wird es dann noch schlimmer. Und alleine für eine Gruppe von 20 Kindern verantwortlich zu sein, ist einfach extrem anstrengend. Als Leitung oder stellvertretende Leitung ist man froh, wenn man sich in Ruhe in ein Büro zurückziehen und den Papierkram erledigen kann. Ich verstehe jede Erzieherin, die sich zur Reduzierung der Arbeitszeit entscheidet oder darüber nachdenkt.“ (anonym)

„Es gibt immer mehr, die mit diesem Job aufhören. Viele arbeiten nur noch zu 70 Prozent in der Kita und machen noch einen Nebenberuf als Ergänzung. Die Rückmeldungen sind immer dieselben und für mich sind es die gleichen Gründe: der nicht enden wollende Stress, die Rahmenbedingungen, die immer schlechter werden, und die Politik, die uns immer mehr Steine in den Weg legt, statt sie wegzuräumen. Ich selbst bin auch am Überlegen, ob diese Welt noch meinem pädagogischen Herzen entspricht.“ (anonym)

„Ich glaube, für mich ist diese Machtlosigkeit und Ahnungslosigkeit am schlimmsten. Jeder spielt es runter, keiner hat einen echten Plan. Und als ob das nicht genug ist, agieren wir in Teams, die aufgerieben sind. Wenn man mal Luft bekommt, zerfetzt man sich, weil man mal wieder Energie hat, um ,kindgerecht‘ zu arbeiten. Ich war und bin es noch leid, meinen Kopf dafür hinzuhalten. Und es ist kaum zu ertragen, die Kinder zu sehen und zu wissen, was man alles tun könnte, um sie zu fördern, und dass sie sich über alle Vorurteile hinwegsetzen könnten. Aber alles, was einem bleibt, ist das Glück, das alle den Tag überleben und überstehen.“ (anonym)

„Ich muss jetzt aussteigen aus dem Beruf, den ich sehr geliebt habe. Ich habe noch keine Ahnung, wohin es geht. Der Beruf, den ich mit Liebe und Hingabe ausgeübt habe, hat mich krank gemacht – über 20 Jahre lang, davon sieben als Leitung. Zu viele Erwartungen, die unter den Bedingungen nicht erfüllbar waren. Kaum Freistellung. Man ist Mädchen für alles, für wirklich alles. Jetzt bin ich gezwungen, auszusteigen. Das, was ich vor vielen Jahren gelernt habe, und worin ich mich ständig fortgebildet habe, ist in diesem System nicht umzusetzen.“ (anonym)

„Meine neue Kollegin, die gerade die Ausbildung beendet hat, meinte zu mir: Schon die Ausbildungszeit, die Praxisintegrierte Ausbildung (PiA), sei abschreckend. Sie erzählt: Ein Drittel der Absolventinnen möchte studieren, ein Drittel macht erst mal ein Jahr ,Work and Travel‘ und nur ein Drittel geht in die Kitas.“ (anonym)

Woran liegt es, dass es einen akuten Fachkräftemangel gibt? Welche Rolle spielen dabei die Träger, und: Sind die Probleme „hausgemacht“?

„Azubi anleiten in der Küche, während man das Essen für 30 Kinder vorbereitet, weil die Hauswirtschaftskraft fehlt. Kein Erzieher in der Gruppe, dafür aber Azubis und Tageskräfte. Das ist multiprofessionell. Eine Erzieherin in der ganzen Kita und diese ist Leitung. Sonst Azubis, Kindheitspädagogin, Tageskräfte, Heilerziehungspfleger, ehemalige Lehrer. Auch das ist multiprofessionell. Genau das beschreibt es so gut.“ (anonym)

„Weil es immer weniger passende Rahmenbedingungen gibt. Träger, die auf individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiter nicht eingehen, sind tatsächlich mitverantwortlich. Genauso, wenn sie Konzepte fordern, aber nie überprüfen, ob diese auch wirklich korrekt durchgeführt werden. Man bekommt vermittelt: Der Träger ist froh um jede Person, die er bekommen kann, egal ob qualifiziert oder nicht. Und solange der Laden läuft, ist doch alles gut. Das vorhandene Personal muss alles auffangen, manche Kollegen sind keine Unterstützung und man bekommt es vorgehalten, wenn man selbst krank ausfällt. Das sind nur einige Faktoren, die dafür sorgen, dass immer weniger Erzieher diesen Beruf ausüben wollen. Und die Kollegen, die dann noch die Stellung halten, werden erst recht verheizt. Die Träger ruhen sich oft darauf aus, was der Bund und das Land vorgeben.“ (anonym)

„Schlechte Bezahlung, ständiger Druck von allen Seiten, immer anspruchsvoller werdende Eltern, zu große Gruppen, keine wirklichen Aufstiegschancen und immer mehr Aufgaben, die man bewältigen muss: Das sind die Gründe, die mir sofort eingefallen sind.“ (anonym)

„Der Fachkräftemangel liegt zum Teil an den langen Arbeitszeiten, den Schichtplänen und rotierenden Arbeitszeiten, die es leider immer mehr gibt. Der Beruf der Erzieherin besteht aus viel mehr als der Betreuung der Kinder. Die Eltern verlangen viel mehr, da die Betreuungszeit der Kinder oftmals täglich über sechs Stunden liegt. Die Vorbereitung, die Übergaben in den einzelnen Gruppen, Benachrichtigungen und wichtige Informationen bleiben oft auf der Strecke. Kolleginnen sind krank, und man versucht auf jeden und alles Rücksicht zu nehmen, was nicht möglich ist. Geplante Programme können so nicht stattfinden, und leider sind die Kinder die Leidtragenden. Für alle entstehen eine große Unzufriedenheit und Unsicherheit, nicht nur bei den Erzieherinnen. Vonseiten des Trägers gibt es oftmals keine Hilfe, eine Vertretung ist nicht möglich. Woher nehmen, wenn es keine Fachkräfte gibt? Es werden Löcher gestopft und mehr nicht. Gutes Personal ist selten zu bekommen und die Betreuungszeiten sind ja immer aufrechtzuerhalten. Dies habe ich in den vergangenen Jahren in Weinheim erlebt: Den Eltern wird vorgemacht, dass es in der Einrichtung läuft.“ (anonym)

„Es gibt viele Gründe: Die Ausbildung muss attraktiver werden zum Beispiel durch die Bezahlung. Der Mindestpersonalschlüssel, an dem sich die Träger orientieren, ist nicht mehr zeitgerecht. Aufsichtspflicht, Interaktionsmöglichkeiten mit den Kindern, Toilettengänge: Um alles abzudecken, muss man in der Gruppe mindestens zu zweit sein. Auch die Verfügungszeit reicht hinten und vorne nicht für Vorbereitung, Team, Entwicklungsdokumentation, Austausch mit den Eltern und so weiter. Hinzu kommt, dass viel zu wenig Fehlzeiten durch Krankheit oder Fortbildung miteingerechnet werden. Weiterbildungen oder anderweitige Qualifikationen werden nicht honoriert, denn die Gehaltseingruppierung bleibt die gleiche. Die Leitungseingruppierung errechnet sich aus der Kinderzahl (Krippen daher schlechter bezahlt, Hort aufgrund der Kinderzahlen besser), und die Mitarbeiterzahl bleibt unberücksichtigt trotz Personalführung. Es fehlt auch die Anerkennung, zum Beispiel im Vergleich zu Lehrern: Warum ist die Bezahlung besser, je älter die Kinder sind? Die Ausweitung der Betreuung (Rechtsanspruch U3, Ganztagsgruppe etc.) erfolgte viel zu schnell, ohne die Anzahl der Fachkräfte anzupassen.“ (anonym)

„Das Erste, was ich jedem Praktikanten beibringe, sind eigentlich mehr Überlebensregeln: Du bist nicht allein, wehre dich, zu Hause ist zu Hause. Aber sie erleben ja uns. Ich kann meine Wut nicht verstecken, wenn ich als Leitung mit dem Träger darüber streiten muss, ob ich früher zumache, nur weil es genehm ist oder nicht. Ich menschle auch, wenn ich schon morgens nicht mehr ans Telefon gehe, weil ich genau weiß, dass jemand wieder ausfällt. Ich rolle mit den Augen und weiß, wie der personelle Plan in sich zusammenbricht, weil ich irgendwie versuchen muss, den Spätdienst abzudecken. In letzter Zeit habe ich vielleicht 20 bis 30 Prozent der vorbereitenden Angebote umgesetzt, mehr war nie möglich. Ich habe gegen Windmühlen gekämpft: Selbst Praktikanten merkten bei manchen Kollegen und Trägern, wie ,schwarze Pädagogik‘ betrieben und massive Aufsichtspflichtverletzungen begangen wurden. Leider muss ich auch sagen: Ich habe Teams von Frauen erlebt, die massiv gegen andere mit Lästern und Mobbing vorgingen. Und dass es trotz Trägerinformation keinen Rückhalt für betroffene Personen gab. Was aber wirklich prägend ist: In der Berufsschule lernt man den Idealzustand, so wie es sein sollte. Und dann landet man in der heutigen Kitawelt, wo nichts auch nur im Entferntesten an den Idealzustand erinnert.“ (anonym)

„Das liegt für mich klar auf der Hand: Mangelnde Wertschätzung von egal welcher Seite. Der Träger drückt uns jedes Jahr noch ein Kind zusätzlich rein – zusätzlichen zu all den Kindern mit Diagnosen, die wir schon haben. Wir machen seit Monaten Vertretung in anderen Kindergärten. Die Eltern schnauzen einen an, wenn das Kind seinen Schal nicht anhat oder nicht gegessen hat. Der Spagat zwischen Kolleginnen kann groß werden, wenn die Ansätze verschieden sind. Die Kinder haben gefühlt nur noch Diagnosen und Verhaltensauffälligkeiten. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dieser Beruf nicht wirklich kompatibel mit Familienleben oder gar kleinen Kindern ist. Und die Bezahlung ist eine Sache für sich. Im Normalfall können wir auch nie unseren Urlaub selbst bestimmen, er wird einfach geplant. So können wir zum Beispiel nie günstig Urlaub machen oder zusammen mit Familien aus einem anderen Bundesland verreisen.“ (anonym)

„Lasst uns mal in andere Länder schauen: Schweiz, Finnland, Schweden. Dort ist ganz klar: Kitas sind Bildungseinrichtungen und Erzieher haben den gleichen Stand wie Lehrer. Und hier? Wir sind ja nur zum Basteln und Kaffeetrinken da. Was braucht es? Aufgeklärte Politiker, die unseren Beruf nach außen tragen, wie er ist – mit Achtung, Wertschätzung und Respekt. Politiker, denen klar ist, dass der Beruf über mehr Gehalt oder Ansehen aufgewertet werden muss. Denen klar ist, dass nicht noch mehr Kinder in die Kitas gesteckt werden können, dass erst einmal die Familien gefördert werden müssen. Damit mehr (nicht ganz, aber mehr) zu Hause betreut werden kann. Was haben die Träger damit zu tun? Naja, diese haben ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und noch nicht geübt, auch mal Nein zu sagen. Sie machen noch alles möglich, wegen der Finanzen und der armen Kinder. Ein Nein aus Liebe wäre hier angebracht.“ (anonym)

„Seit Jahren hört man nicht auf die Basis. Und man hat noch nicht daraus gelernt. Wenn wir uns überlegen, was es für ein Kraftakt ist, dass die Politik und die Öffentlichkeit uns als Verband ernst nehmen und uns Gehör verleihen, brauchen wir uns nicht wundern. Auch hier werden wir immer wieder belächelt. Jahrelang hat man die Bedürfnisse der Fachkräfte nicht ernst genommen. Viele Fachkräfte haben immer wieder alles möglich gemacht – es geht ja um die Kinder – und dabei sich und ihre Bedürfnisse vergessen. Es ist noch gar nicht so lange her, da wusste im Vorstellungsgespräch keine Fachkraft ihre Gehaltseingruppierung und kam da ins Stottern. Was die Eingruppierung an Bruttoverdienst bedeutet, ist für viele heute noch ein großes Fragezeichen. Eingruppierung war lange Zeit nicht so wichtig. Zum Glück ändert sich das gerade. Und wie wenig wertschätzend ist es denn, dass man beim Arbeitgeberwechsel seine Erfahrung verlieren soll? Zum Glück können sich Trägervertreter diese Rückgruppierung heute nicht mehr leisten. Ich freue mich, dass die Fachkräfte hier selbstbewusster werden und ihren Wert kennen.“ (anonym)

„Welchen Anteil tragen die Träger? Viele Träger waren so mit dem Ausbau der Betreuungsplätze beschäftigt, dass sie vergessen haben, mehr im Blick zu haben. Vielen Trägern ist es wichtig, dass es in den Einrichtungen läuft. Es macht schon oftmals den Anschein, dass es egal ist, wie es läuft. Hier würde ein einfaches und ernsthaftes Interesse an den Einrichtungen schon weiterhelfen, sowie die Überprüfung, wie die Ressourcen genutzt werden. Trägervertretern fehlt oftmals aber auch eine gute Beratung. So bleibt ihnen nur, sich an die Vorgaben des Kommunalverbands für Jugend und Soziales (KVJS) zu halten und mit dem Mindestpersonalschlüssel zu besetzen. Einrichtungen, die hier schon vorher großzügiger bedacht wurden – durch realistische Leitungsfreistellung, eine stellvertretende Leitung, ausreichend Vor- und Nachbereitungszeit, Fort- und Weiterbildungen sowie Vertretungen – wurden meiner Meinung nach vom Personalmangel noch nicht so stark getroffen. Im Gegensatz zu den Einrichtungen, in denen immer Spitz auf Knopf kalkuliert wurde. Hier wandern die Fachkräfte zuerst ab und suchen sich bessere Rahmenbedingungen. Teamhygiene spielt bei vielen Trägern eine untergeordnete Rolle, dabei ist sie für eine gut funktionierende Einrichtung maßgeblich, und auch hier lohnt sich jede Investition. Die Antwort lautet: Ja, die Probleme sind hausgemacht und könnten punktuell durch Kleinigkeiten schnell verbessert werden. Nur ganz ohne Investment wird es nicht funktionieren.“ (anonym)

Wie kann der Beruf attraktiver gestaltet und somit das Thema Fachkräftemangel angegangen werden? Sind nur die Bundes- und Landespolitik gefordert oder muss sich auch auf kommunaler Ebene etwas verändern?

„Ich glaube, der Schlüssel sind die aktuellen Erzieher. Geht es uns gut und können wir unseren Job machen, sind wir die beste Werbung gegenüber Schulen, Praktikanten, Eltern und so weiter. Wichtig wäre es, Zeit und Luft zu schaffen, damit wir nah an den Idealzustand kommen. Beispielsweise sollte es viel mehr Austausch zwischen den Fachkräften, auch außerhalb der Einrichtung, geben. Zur Entlastung der Gruppen braucht es eher weniger als mehr Kinder. Da ist die Politik gefordert mit anderen Elternzeiten. Lieber den Rechtsanspruch aufheben und erst, wenn erfüllbar, neue Ziele setzen. Und nicht mit der Schulkindbetreuung das Problem verschärfen. Es braucht auch Aufstiegsmöglichkeiten fernab der Leitung. Was spricht dagegen, Entspannungspädagogen einzustellen und überall einzusetzen? Was spricht dagegen, feste Integrationskräfte in die Häuser zu setzen? Die Sprachkita zu reaktivieren? Das schafft Entlastungen. Und ich finde, es sollte jeder, der über uns entscheiden soll und will, mehrere Praktika in Einrichtungen machen – egal, ob Politiker, Bürgermeister und Fachberatungen. Ich habe mal in der Ausbildung gelernt: Nur was man kennt, schützt man. Vielleicht wird dann verstanden, dass wir mehr machen als nur doof dastehen und kaputt aussehen. Und ich fände es auch mal toll, wenn man über mehr als fünf Urlaubstage frei bestimmen kann.“ (anonym)

„Leitung und Fachkräfte von allem entlasten, wofür man keine pädagogischen Kenntnisse braucht, wie Verwaltungsarbeiten und hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Für Kinder, die besondere Aufmerksamkeit brauchen und Personal binden, dementsprechend auch Personal einkalkulieren. Diesen Bedarf auch schneller feststellen, nicht erst kurz vor dem Schulanfang. Coaching und laufende Evaluation durch eine fachliche Person, die Einblick in die Arbeit hat und Ansprechperson für die Fachkräfte ist. Kontinuierliche Springerinnen, damit sich die Kinder nicht ständig an neue Gesichter gewöhnen müssen. Die Kommunen sollten den Mut aufbringen, deutlich zu sagen, dass der Rechtsanspruch auf Vollzeitbetreuung langfristig nicht eingehalten werden kann. In den nächsten Jahren werden viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen und die verbleibenden Kinder bekommen. Wer soll das ausgleichen?“ (anonym)

„Wie wird der Beruf attraktiver? Durch Entlastung! Eine Kita-Erzieherin hat so viele Aufgaben, die mit Pädagogik wenig bis gar nichts zu tun haben. Die eben nebenher gemacht werden und Zeit kosten. Der Job wird auch attraktiver, wenn man Anspruch auf spezielle Hilfen erhält, zum Beispiel durch Heilpädagogen oder Logopäden. Wir sollen alles, dürfen aber nichts.“ (anonym)

„Viele Probleme sind politisch hausgemacht, wenn Gesetze beschlossen werden, für die es gar nicht das Personal gibt. Der Anspruch von Kindern im Grundschulalter auf Nachmittagsbetreuung oder der Anspruch von Dreijährigen auf einen Kitaplatz sind zwei Beispiele. Das wird beschlossen, und dann heißt es, dass Kitas gebaut werden müssen. Aber es gibt ja kein Personal, das müsste auch erst einmal ausgebildet werden. Dann werden Quereinsteiger geholt, die keine Fachkräfte sind und weniger Aufsichtspflichten haben, die keine Elterngespräche führen dürfen und so weiter. Sie haben weniger Arbeit, verdienen weniger und sind als Unterstützung gedacht, werden aber im Personalschlüssel als Fachkräfte miteingerechnet.“ (anonym)

„Ich bin leider auch keine ausgebildete Erzieherin oder wie immer so schön gesagt wird: pädagogische Fachkraft. Auch wird mir meine zusätzliche Ausbildung zur Fachkraft für Inklusion und Integration, die ich selbstständig berufsbegleitend an den Wochenenden in der Pfalz absolviert habe, in Baden-Württemberg oder Hessen nicht anerkannt. Ich habe einen erlernten Beruf, und leider wurde mir eine Kurzausbildung/Pia-Ausbildung nicht gewährt. Seit über acht Jahren arbeite ich als Begleitung/Ergänzungskraft/Zusatzkraft, immer auf ein Jahr befristet – begründet auf Basis der Bewilligung der jeweiligen Maßnahme des Kindes. Das ist unbefriedigend und nicht motivierend! Die Bezahlung ist wesentlich schlechter, und man weiß nicht einmal, ob man weiterbeschäftigt wird, und wechselt ständig die Einrichtung. Ich verstehe die Begründung, dass ich eben keine Fachkraft bin, aber ich bekomme immer zu hören, dass ich meine Arbeit gut mache. Ich spreche auch niemandem die Wichtigkeit der Ausbildung ab; ärgere mich jedoch nach wie vor darüber, nicht die Chance bekommen zu haben.“ (anonym)

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es überall gleich ist: Die Arbeit wird mehr, die Kolleginnen älter, die Einarbeitung schlechter, weniger Personal für immer mehr Kinder, die wesentlich längere Betreuungszeiten und die schlechteren Bedingungen. Oft gibt es veraltete Spielgeräte, die von den Kindern kaum oder gar nicht genutzt werden können, das verlangt vom Personal mehr Aufmerksamkeit. Hinzu kommen immer mehr Kinder, die integriert und begleitet werden müssen. Dies erfordert Zusatzkräfte, da es die Zeit nicht zulässt, sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen. Das Bildungssystem sowie der Betreuungsschlüssel müssen daran angepasst werden. Es müssen dringend attraktivere Arbeitsmodelle und bessere Bedingungen für alle geschaffen werden.“ (anonym)

„Der gesetzlich geregelte Personalschlüssel muss sich ändern. Es braucht mehr Personal, das auch tatsächlich da ist. Teilweise werden auch Azubis als Fachkraft verrechnet, damit man auf die Mindestpersonalanzahl kommt. Kleinere Gruppen und ein besserer Betreuungsschlüssel tun allen gut, nicht nur den Erziehern.“ (anonym)

„Für Kinder mit Autismus oder Epilepsie erhält man keine Inklusionskräfte. Wenn doch, dann dauert es beispielsweise ein Dreivierteljahr, und dann wird einem die Fachkraft für ganze vier Stunden in der Woche bewilligt. Das bringt natürlich nichts, wenn das Kind die gesamte Woche da ist. Dann leiden alle darunter: das Kind, die anderen Kinder, die Eltern und wir Erzieher auch. Es heißt immer, Integration und Inklusion seien so wichtig, aber diese Kinder brauchen auch eine andere Betreuung.“ (anonym)