So geht ein Rimbacher den Weg zur wahren Judo-Meisterschaft
Michael Stay von der TG Rimbach hat die Prüfung zum 5. Dan geschafft. Dabei geht es um viel mehr als nur Technik - und es braucht vier Jahre der Vorbereitung.
Wenn ein Judoka die Prüfung zum schwarzen Gurt absolviert hat, darf er damit den 1. Dan tragen. Damit wird der Übergang vom Schüler und Trainer zum Meister symbolisiert. Doch das ist erst der Beginn des Weges zur wahren Meisterschaft, denn insgesamt gibt es zehn Dan-Grade. In Deutschland kann derzeit durch Prüfungen der 5. Dan erreicht werden, die höheren Gürtel werden für besondere Leistungen verliehen.
Michael Stay, der in Ober-Liebersbach wohnt und bei der TG Rimbach trainiert, hat nun diesen 5. Dan erreicht – damit gehört er zu einem exklusiven Kreis von rund 150 Judoka in Deutschland, die diesen oder einen höheren Meistergrad tragen.
Vier Jahre Vorbereitung
Vier Jahre Vorbereitungszeit steckte der 62-jährige Stay in das Projekt, bevor er sich an drei Terminen einer hochrangigen Prüfungskommission aus Trägern der Dan-Grade fünf bis sieben stellte. In vier Fächern musste er sich dort beweisen: Vorkenntnisse, Technik/Taktik, Theorie und Kata. „Bis zum 3. Dan steht eher die Technik im Vordergrund. Danach geht es auch um weitergehende Aspekte, etwa Judo als Lebensphilosophie oder als Weg der Erziehung.“ Dan-Träger ist Stay schon lange, den ersten Meistergrad erlangte er schon 1982, weitere folgten 1985 und 1989. Dann musste er wegen einer schweren Wettkampfverletzung – und auch berufsbedingt – eine längere Judopause einlegen. Ein Besuch in der weltberühmten Judoschule Kodokan in Tokio, der Wiege des Sports, war für ihn die Initialzündung, sich auf den Weg zu machen, ein wahrer Meister zu werden.
Erfahrung in Japan
2010 führte ihn eine Geschäftsreise in Japans Hauptstadt, und er ließ sich die Chance nicht entgehen, im Kodokan zu trainieren. „Das ist eine einmalige Stimmung dort. Es ist ein achtstöckiges Hochhaus, und ganz oben im Dojo, der Übungshalle, trainieren 150 Dan-Träger. Manche Trainer haben den 10. Dan“, berichtet Stay. Jeder Judomeister kann dort mitmachen, und das alles beeindruckte den Odenwälder nachhaltig, „weit über das Sportliche hinaus“, wie er sagt. Und es motivierte ihn. Zurück in Deutschland machte er sich an die Prüfung zum 4. Dan, die er 2011 ablegte – um sich ein paar Jahre später der ultimativen Dan-Herausforderung zu stellen.
Schriftliche Ausarbeitung
Das ist wahrlich nicht übertrieben, denn es geht dabei um viel mehr als nur um die reine Technik. Denn der Kandidat soll durch die Prüfung auch sich selbst und vielleicht auch den Judosport weiterentwickeln. Er hat die Welt des Judo tief durchdrungen und kennt die wichtigste deutschsprachige Literatur der Sportart. Darum musste Stay vor den eigentlichen Prüfungen der Kommission eine schriftliche Ausarbeitung vorlegen, welche die geplanten technischen und theoretischen Inhalte detailliert beschreibt. „Das ist von Art und Umfang mit einer Bachelor-Arbeit vergleichbar“ sagt Stay.
Auch die weiteren geforderten Inhalte stehen einer Studienprüfung in nichts nach. So wird vom Prüfling etwa erwartet – und stichprobenartig abgeprüft –, dass er alle Aufgaben der Schüler- und Dan-Ausbildungsstufen kennt, unter anderem alle offiziellen 69 Würfe, sieben Haltegriffe, zwölf Würge- und zehn Hebeltechniken, dazu Kombinationen, Konter, Finten und mehr. Für diese Mammutaufgabe hatte Stay mit Luca Jochum von der TG Rimbach einen jungen, talentierten Judoka als Trainings-und Prüfungspartner an seiner Seite. Im Fach Technik/Taktik müssen unter anderem zwei unterschiedliche Möglichkeiten zur Entwicklung von Judotechniken dargestellt werden. Hier musste Stay auch vorbereitende Spiel- und Übungsformen, Kombinationen und Finten oder auch spezielles Krafttraining demonstrieren und erläutern. Im Fach „Theorie“ soll sich der Prüfling grundlegende Gedanken zur weiteren Entwicklung des Sports machen. Die größte Herausforderung ist aber die Kata, eine Abfolge von festgelegten Bewegungsabläufen.
Dabei geht es nicht darum, den Gegner zu besiegen, sondern mit einem Partner eine Serie von Techniken perfekt auszuführen. Für wettkampforientierte Judoka stellt dieses Fach die größte Hürde dar, weil zum Teil komplett neue Techniken, zum Beispiel Schläge, Tritte oder Abwehr gegen Messerangriffe gefordert werden, die sonst im Judo nicht vorkommen.
Bei den Kata für höhere Dan-Grade kommt hinzu, dass es dafür nur wenige geeignete Partner und Lehrer gibt. „Das ist organisatorisch eine Herausforderung – gerade, wenn man nicht in einem Ballungsraum lebt“, so Stay. Zwei Katas werden für den 5. Dan gefordert, und Stay holte sich dafür mit Armin Dingert und Christian Heck zwei erfahrene Partner. Mit Dingert nahm er auch an Kata-Meisterschaften teil, und das mit Erfolg: Bei den Hessischen Titelkämpfen erreichten sie den zweiten Platz, bei den „Deutschen“ Rang vier. Am 8. Oktober nehmen sie an den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Hanau teil.
Zwei Mal pro Woche trainierte Stay ab 2019 mit seinen verschiedenen Partnern, wegen der Corona-Pandemie musste er eine erzwungene Pause einlegen und danach wieder in einen Rhythmus finden.
Auch darum dauerte es vier Jahre, bis Stay und seine Trainingspartner sich fit für die Prüfungen fühlten. Körperlich sei das alles kein Problem gewesen. „Die Kata ist ja an sich nicht anstrengend, aber mental ist es eine Herausforderung. Man muss fokussiert sein und die innere Spannung aufrechterhalten. Und man kann ein Training nicht einfach mal so ausfallen lassen.“ Am Ende war er erfolgreich und hat nun einen Meistergrad erreicht, den nicht viele Judoka für sich in Anspruch nehmen können.
Verstärkt bei der TG einbringen
Das ist auch für die Judoabteilung der TG Rimbach von Vorteil, denn jemanden in den Reihen zu haben, der sich so tiefgründig mit dem Judosport beschäftigt hat, kann nur gut für die Trainingskonzeption sein. Hier will sich Stay nun wieder verstärkt einbringen: zum einen im Kinderbereich, zum anderen bei der Vorbereitung von Braungurt-Trägern auf die erste Dan-Prüfung. „Wir wollen dafür eine eigene Gruppe starten, die auch für Mitglieder von anderen Vereinen offen ist“, erklärt Stay. Und ein wenig denkt er auch über seinen weiteren Weg zur Judo-Meisterschaft nach. Denn der Deutsche Judobund hat die Dan-Prüfungsordnung geändert und ermöglicht ab 2024 auch Prüfungen zum 6. Meistergrad. „Aber ob ich mir das noch mal vornehme, muss ich mir noch gut überlegen“, sagt Stay - und zitiert am Ende den großen Kano Jigoro, den Begründer des Judo: „Er wird weiter trainieren, um ein wahrer Meister zu werden.“ ste
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