Wie schwierig ist Judo? Ein Selbstversuch
Zweimal in der Woche findet das Judo-Training der Erwachsenengruppe im AC 92 Weinheim statt. Unsere Volontärin stellt sich der Herausforderung – und lernt Hinfallen.
Das Judo-Training für Erwachsene findet dienstags von 19.30 Uhr bis 21.30 Uhr statt, donnerstags ist freies Training. Dienstags (18 - 19.30 Uhr), donnerstags (17.15 - 19.45 Uhr) und freitags (16 - 18.30 Uhr) ist Training für Kinder ab sechs Jahren.
Als ich die Tür des Dojos beim AC 92 Weinheim öffne, schlägt mir der beißende Geruch von Schweiß entgegen. Ich merke: Hier wird seit Jahren hart trainiert. Der Raum ist größtenteils mit grauen und roten Matten ausstaffiert. An der Wand hängt eine Japanflagge mit asiatischen Schriftzeichen: Sie bedeuten „Judo“. Daneben schmückt ein schwarz-weißes Bild die Wand. Es zeigt einen eher hageren, alten Mann, der mir mit ernster Miene entgegenblickt. Wie ich später erfahren werde, handelt es sich um Kan(¯o) Jigor(¯o), der 1882 die Kampfsportart begründete. Bei meinem Selbstversuch stehe ich unter seiner strengen Beobachtung.
Zwei Braungurt-Träger als Trainer
Etwas mulmig ist mir ja schon zumute. Als Volontärin der Weinheimer Nachrichten wage ich das Experiment, mich als Laie zwei Stunden lang im Judo unterrichten zu lassen. Mir ist bewusst, dass ich mir die Decke heute des Öfteren im Liegen anschauen werde. Das heißt, nachdem ich vorher auf den Boden geworfen wurde.
Ich treffe Luca Gilles und Ben Bögi. Sie sind beide 19 Jahre alt und tragen den braunen Gürtel. Neben ihrem eigenen Training engagieren sie sich auch als Kindertrainer und bringen jungen Judoka ab sechs Jahren die grundlegenden Techniken bei. „Dann sollte das doch auch bei mir klappen“, denke ich.
Eine besondere Begrüßung
Bevor es losgeht, stellen wir uns alle im Kreis auf. Bögi sagt „Rei“ und wir verbeugen uns kurz voreinander. Das Judo-Begrüßungsritual ist eine wichtige Tradition, die zu Beginn eines jeden Trainings durchgeführt wird. Es symbolisiert Respekt, Disziplin und die geistige Vorbereitung auf das bevorstehende Training. „Normalerweise begrüßen wir uns ausführlicher, heute sind nur unsere Senseis nicht da“, erklärt Bögi. Mit Senseis, das bedeutet Lehrer, meint er Daniel Goldberg und Michael Hofmeister. Sie trainieren die Erwachsenen jede Woche. Wenn sie fehlen, übernimmt derjenige mit dem nächsthöchsten Gürtel die Trainingsleitung – heute Bögi.
Judo-Rugby zum Aufwärmen
Zum Aufwärmen spielen wir eine Runde „Judo-Rugby“. Es handelt sich im Grunde genommen, um den englischen Mannschaftssport. Nur, dass wir uns mit Judogriffen umwerfen, statt uns zu tacklen. Als Anfänger improvisiere ich. Schließlich bin ich ins Judo-Training gegangen, um die Techniken zu erlernen. Ich bin in der Gewinnermannschaft. Es gelingt mir sogar, einen Punkt zu zielen.
Danach finden wir uns in Paaren zusammen – meiner ist Gilles. „Die Partner sind bei jedem Training gleich“, erklärt er. Zuerst bekomme ich die Fallschule (Ukemi-Waza) erklärt. Ich probiere Vorwärtsrollen aus der Hocke und im Stehen aus. „Wichtig ist, dass du nach jeder Übung abklatschst, sodass die Kraft vom Rücken in die Hand geleitet wird“, erklärt Gilles. Nachdem ich die richtige Art zu Fallen fürs Erste genug geübt habe, geht es ans Werfen. Gilles erklärt mir vorab die fünf Wurfphasen: „Ein typischer Wurf beginnt mit dem Greifen (Kumikata), dann folgt der Gleichgewichtsbruch (Kuzushi) und die Vergegenwärtigung des Wurfs (Tsukuri). Erst jetzt erfolgt der eigentliche Wurf (Kake) und zum Schluss die Absicherung (Nage).“
Der Große Hüftwurf
Jetzt bin ich dran und lerne den Großen Hüftwurf (O-goshi). Gilles wirft mich mehrmals über seine Hüfte auf die Matte. Nach einigen Versuchen bin ich selbst an der Reihe und darf den Spieß umdrehen. Ich merke schnell, wie anspruchsvoll das ist und mache dabei auch Fehler. „Deine Hüftstellung ist das Problem“, stellt Gilles fest. Er bringt mir noch zwei weitere Würfe bei, und am Ende liege ich außer Atem auf dem Boden.
Währenddessen übt Bögi mit seinem Partner die sogenannte Kata. Die beiden stellen sich mit Abstand gegenüber voneinander auf und verbeugen sich. Plötzlich laufen sie in einer bestimmten Schrittfolge aufeinander zu und versuchen, sich möglichst ästhetisch umzuwerfen. Es geht um die Schönheit des Falls.
Kata – wie ein Tanz
Die Kata im Judo ist eine choreografierte Abfolge von Techniken, die allein oder mit einem Partner ausgeführt wird. Sie besteht aus Angriffs- und Verteidigungstechniken, die in fester Reihenfolge erfolgen. „Man kann sich das so ähnlich wie einen Tanz vorstellen“, erklärt Gilles.
Nach einigen Übungskämpfen der Teilnehmer (Randori) neigt sich das Training langsam dem Ende zu. Vorher zeige ich den anderen zusammen mit Gilles, was ich gelernt habe. Bögi klopft mir abschließend auf die Schulter. „Du hast dich gut geschlagen fürs erste Mal.“ Es war eine intensive und herausfordernde Erfahrung, die mir einen Einblick in die Welt des Judos gegeben hat.