Wie geht der SV Unter-Flockenbach mit dem Abstieg um?
Die ersten Neuzugänge des SV Unter-Flockenbach stehen fest. Ein ehemaliger Bundesliga-Profi könnte weiterhelfen. Wir kommentieren das Hessenliga-Jahr.
Es gibt kein „Endspiel“ am letzten Spieltag gegen den SV Hadamar. Nach der 1:2-Heimniederlage gegen den FC Gießen stand für den SV Unter-Flockenbach am späten Sonntagnachmittag der Abstieg in die Fußball-Verbandsliga Süd fest, als schließlich die Nachricht vom 3:1-Sieg des SV Weidenhausen gegen Viktoria Griesheim kam. Am Pfingstsamstag geht es beim Mitabsteiger in Hadamar um nichts mehr, dennoch wird sich der SVU mit dem zweiten Saisonsieg verabschieden wollen. Die Aufarbeitung des Abstiegs hat indes bereits begonnen – wir geben Antworten und stoßen auf einen bekannten Namen.
Wie ist die Stimmung beim SV Unter-Flockenbach nach dem Abstieg aus der Hessenliga?
Gedrückt – zumal für Manager Rana Nag der Abstieg unnötig war: „Wir hätten es packen können, wenn nicht sogar müssen.“ Die Verantwortlichen trafen sich gleich am Montag, um nach dem ersten Schock die Situation zu analysieren und für die kommende Saison zu planen. Die beiden neuen Trainer Nico Hammann und Dalio Memic nehmen mit großer Motivation ihre Arbeit auf, sagt Nag.
Welche Lehre wird aus dem Abstieg gezogen?
Beim Blick auf die Tabelle ist klar: „Wir bekommen zu viele Tore“, sagt Nag. Bisher sind es 106 (davon 71 auswärts) – und am Samstag steht noch das letzte Spiel beim SV Hadamar an. „Wenn die Mannschaft mit ein oder zwei Toren in Rückstand geriet, war das Vertrauen weg und man hat sich dem Schicksal ergeben. Wir müssen mehr dagegenhalten – so hohe Ergebnisse dürfen nicht vorkommen“, sagt Nag, für den die teilweise deftigen Pleiten nicht zuletzt eine Kopfsache sind.
Das Onlineportal Sport1 gibt 202 Zuschauer im Schnitt bei Heimspielen des SVU an. Insgesamt kamen 3832 Zuschauer, davon aber alleine 1000 Fans gegen die U21 von Eintracht Frankfurt. Ist der Verein mit der Unterstützung zufrieden?
Im Großen und Ganzen ja, sagt Manager Nag. Der SVU befindet sich bei den Besucherzahlen in der unteren Hälfte, habe aber organisatorisch bewiesen, „dass wir Hessenliga können“. Es sei viel Aufwand gewesen, wovor man vor dem Start großen Respekt hatte, doch letztlich bekam der SVU von den Gästen und nicht zuletzt Schiedsrichtern viel Lob. „Ich glaube, sie sind gerne nach Südhessen gefahren“, sagt Nag.
Welche Neuzugänge stehen fest?
Vom Regionalligisten FC Astoria Walldorf wechselt Mittelfeldspieler Morris Nag (23) zu seinem Heimatverein, den er als 13-Jähriger in Richtung SV Darmstadt 98 verlassen hatte. Der Liebersbacher Dominic Rück kommt aus der A-Jugend des SV Waldhof Mannheim, zuvor spielte der 21-jährige Innenverteidiger unter anderem für SV Wehen Wiesbaden, Astoria Walldorf und Wormatia Worms. Bereits in der Winterpause kamen die US-Amerikaner Michael Mulligan (20) und Owen Lobo (er ist wahrscheinlich erst einmal für die zweite Mannschaft geplant). Mittelfeldspieler Mulligan hatte bereits drei Einsätze in der Hessenliga. „Wir sind sehr zufrieden mit ihm“, sagt Nag.
Wie sind die weiteren Personalplanungen?
In der Mannschaft gibt es noch vier Fragezeichen – darunter Kareem Baumann. Die Winter-Verpflichtung vom FC Kitzbühel konnte sich nicht wie erhofft durchsetzen und der Defensive die nötige Sicherheit verleihen. „Wir sind im Gespräch mit ihm“, sagt Nag. Weitere Spieler werden kommen, darunter auch ein Torwart. Gesucht wird insbesondere ein erfahrener Abwehrspieler, der junge Spieler, wie beispielsweise künftig Dominic Rück, führen kann.
Ist Ex-Profi Michel Fink vom FC Gießen beim SV Unter-Flockenbach ein Kandidat?
Der SVU bemüht sich jedenfalls um den 41-Jährigen, den Rana Nag aus seiner Zeit beim SV Waldhof kennt. „Ich habe ihn tatsächlich am Sonntag nach unserem Spiel gegen Gießen aus Spaß angesprochen, ob er nicht noch ein Jahr bei uns machen will“, meint Nag und gibt zu, dass ein gestandener Spieler wie Fink, der in Frankfurt wohnt, der jungen SVU-Mannschaft zumindest kurzfristig weiterhelfen würde. Ansonsten liegen die Hoffnungen auf Marco Kaffenberger, der wegen Achillessehnenbeschwerden in der Rückrunde zwar kaum spielte, mit seiner Regionalliga-Erfahrung aber der Abwehrchef sein kann.
Mit Nico Schütz hat nach elf Jahren der dienstälteste Spieler des SVU seine Karriere beendet. Wer wird die neue Nummer eins?
Das Trainerduo Hammann/Memic traut Artur Kovis diese Rolle zu. Der 19-Jährige kam bereits in der Winterpause aus der A-Jugend des SV Waldhof zu seinem Heimatverein und war zuvor im NLZ des FC Heidenheim ausgebildet worden. „Bei seinen Trainingsleistungen war Artur Kovis mit Nico Schütz auf Augenhöhe. Letztlich hat die größere Erfahrung den Ausschlag für Schütz gegeben“, sagt Nag. Der SVU wird jedoch noch einen weiteren, älteren Torwart verpflichten.
Trainer Mirko Schneider hatte am Sonntag nach dem Abstieg angedeutet, dass man die Spieler ein wenig professioneller machen müsse, damit sie sich noch mehr um ihre Gesundheit kümmern. Immerhin hatte der SVU viele Ausfälle zu verkraften.
Diese Aussage bestätigt der Manager und gibt sich selbstkritisch: „Wir als Verein vertrauen natürlich unseren Spielern, dass sie alles dafür tun, um schnell wieder gesund zu werden. Aber wir müssen sie an die Hand nehmen und können nicht nur auf Eigenverantwortung setzen. Da hat der Verein geschlampt.“ Das hört sich nach künftig mehr Kontrolle an.
Wie sind die Aussichten in der Verbandsliga Süd?
Sehr gut. Der SV Unter-Flockenbach wird als Absteiger mit seiner Mannschaft, die noch einmal verstärkt wird, zu den Topfavoriten zählen. So weit will sich Rana Nag aber nicht aus dem Fenster lehnen und wünscht sich erst einmal „Stabilität und dass wir in keine Negativspirale kommen. Es wäre vermessen, zu sagen, dass wir gleich wieder aufsteigen.“ Der Manager ist im Übrigen davon überzeugt, dass es für den SVU bei einem zweiten Jahr in der Hessenliga und nicht zuletzt mit weniger Absteigern besser gelaufen wäre „Ich bin sowieso der Meinung, dass es immer leichter ist, die Klasse zu halten, als aufzusteigen.“ Nag will nicht verhehlen, dass die Hessenliga für den SVU das Ziel bleibt.
Wird der Saisonetat in der Verbandsliga reduziert?
Nein. Der Etat bleibt in etwa gleich. „Wir haben bereits nach dem Aufstieg keine großen Sprünge gemacht“, halten sich für Nag die Finanzen die Waage.
Welche Rolle spielen die zweite und dritte Mannschaft?
In der Winterpause hat der SVU die Reserve durch junge Spieler mit Potenzial verstärkt, was auch erforderlich war, um die Kreisoberliga zu halten. In Zukunft erwartet Nag einen Platz im oberen Tabellenmittelfeld, „denn es kann nicht sein, dass die zweite Mannschaft jedes Jahr gegen den Abstieg spielt“. Die dritte Mannschaft wurde in der Schlussphase durch Zweitmannschaftsspieler unterstützt und braucht theoretisch noch einen Punkt für den Klassenerhalt in der Kreisliga C.
Als einzige SVU-Mannschaft spielen die Frauen um den Aufstieg mit.
Darüber freuen sich laut Nag alle im Verein. „Sie spielen eine tolle Saison, womit gar nicht zu rechnen war“, sagt der Manager. Großen Anteil am Erfolg hat Thomas Faulstich, der eigentlich nur ein halbes Jahr als Trainer aushelfen wollte, aber nach Drängen der Mannschaft seine Zusage auch für die neue Saison gab.
Kommentar
Am 21. Mai 2022 feierte der SV Unter-Flockenbach die Meisterschaft in der Fußball-Verbandsliga Süd – kampflos, weil der Gegner aus Großkrotzenburg keine Lust hatte, sich abschießen zu lassen. Kurioserweise ist der SVU auf den Tag genau ein Jahr später am vergangenen Sonntag aus der Hessenliga abgestiegen.
Dazwischen liegen zwölf Monate, in denen der Neuling vieles, aber eben nicht alles richtig machte. Bereits im Meisterjahr zeigten die Unter-Flockenbacher Schwächen in der Abwehr, die sich angesichts des 129-Tore-Sturms verspielten. Das Problem im Defensivverhalten bekam der SVU jedoch nie in den Griff – und weil vorne in der Hessenliga eben nicht mehr so oft getroffen wurde, blieben die (möglichen) Punkte aus. Die Gegentore summieren sich dagegen vor dem letzten Spieltag auf 106. Keiner bekam mehr Die „Schießbude“ der Liga zu sein, war nach vielen Jahres des Erfolgs ein neues Gefühl – und das tat weh.
Keine Stabilität
Vom ersten Spieltag an suchte Trainer Mirko Schneider eine stabile Verteidigung. Eigentlich war nur Max Heckhoff gesetzt – ein 21-Jähriger, der aus Wald-Michelbach gekommen war. Die anderen waren verletzt, mussten arbeiten oder waren einfach formschwach. Vielleicht hatte der SVU den Abgang des erfahrenen Christian Mühlbauer oder auch von Thorben Schmidt unterschätzt, jedenfalls fehlte dem SVU die Sicherheit. Jeder patzte mal und gerade in Auswärtsspielen war man nicht in der Lage, nach einem Rückstand eine Partie noch zu drehen.
Die Defizite waren bekannt und konnten in der Winterpause nicht behoben werden. Schon die Vorbereitung verlief zäh. Der mit viel Vorschusslorbeeren aus der österreichischen Regionalliga gekommene Kareem Baumann floppte. Der SVU vertraute auf seinen Kader (der zeitweise arg gerupft war), doch nach fünf Niederlagen zum Start in diesem Jahr – darunter gegen Konkurrenten wie Dietkirchen und Weidenhausen – waren diese Hypothek und der Heimspieldruck einfach zu groß.
Die Gejagten in der Verbandsliga
Mut macht, dass der SVU– nicht zuletzt dank seiner vielen tollen Auftritte auf dem Wetzelsberg – bis zum Schluss die Chance auf den Klassenerhalt hatte (zumal sich die Zahl der Direktabsteiger von fünf auf vier reduzierte). Trainer Mirko Schneider hat in der Winterpause die richtige Entscheidung getroffen, nach 18 Jahren seinen Trainerposten abzugeben. Ein Abstieg bedeutet auch immer einen Neuaufbau. Das interne Trainerduo Nico Hammann/Dalio Memic besitzt dafür alle bisherigen Korsettstangen, und aufgrund der Neuzugänge ist der SVU eine Klasse tiefer sogar stärker als in diesem Jahr einzuschätzen. Die „Flockies“ können Hessenliga, auch wenn sie jetzt eben erst einmal als Gejagte eine Runde in der Verbandsliga drehen müssen.