Gerichtsurteil: Senegal verliert Afrika-Cup-Titel an Marokko
Das skandalöse Ende des Afrika Cups sorgte für Entrüstung, horrende Geldstrafen - und nimmt Monate später eine überraschende Wendung am grünen Tisch. Die entthronten Senegalesen kündigen Einspruch an.
Kairo (dpa) - 57 Tage nach dem skandalösen Endspiel um den Afrika Cup hat Marokko trotz der sportlichen Niederlage gegen Senegal überraschend den Sieg zugesprochen bekommen. Das Berufungsgericht des afrikanischen Fußball-Verbands CAF gab dem Einspruch der Marokkaner statt und wertete die infolge fragwürdiger Schiedsrichter-Entscheidungen völlig aus dem Ruder gelaufene Partie mit 3:0 für die Gastgeber des Finales in Rabat. Senegal hatte die von Tumulten begleitete Begegnung nach Verlängerung 1:0 gewonnen - und will nun gegen die nachträgliche Aberkennung des Titels Einspruch einlegen
Das Gericht stellte sich gegen die Entscheidung des CAF, der zunächst zwar zahlreiche Geldstrafen gegen beide Teams ausgesprochen, das sportliche Ergebnis aber nicht infrage gestellt hatte. In der Berufungsverhandlung wurde nun unter Verweis auf Artikel 82 des Regelwerks für den Afrika Cup befunden, das senegalesische Team habe durch das Verlassen des Platzes gegen Ende der regulären Spielzeit die Partie aufgegeben - und müsse daher als Verlierer gewertet werden.
Der Verband war dagegen zu dem Urteil gekommen, dass das Team die Kriterien für eine Aufgabe nicht erfüllt habe, weil es nach der zwischenzeitlichen Unterbrechung zurück auf den Platz gekommen sei. Das Berufungsgericht sah das anders und reduzierte auch die ursprünglich verhängten Geldstrafen für den Co-Gastgeber der Fußball-WM 2030.
Senegals Verbandschef wettert über «Schande für Afrika»
Senegals nationaler Fußball-Verband will die Entscheidung nicht akzeptieren und vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ziehen, wie Generalsekretär Abdoulaye Seydou Sow noch am Abend im staatlichen Rundfunk RTS ankündigte. «Wir werden Kontakt mit unseren Anwälten aufnehmen und Rechtsmittel einlegen. Wir werden vor nichts zurückschrecken. Das Recht ist auf unserer Seite», sagte er. Die Entscheidung des Berufungsgerichts sei eine «Schande für Afrika».
Skandal-Finale ging in die Geschichte ein
Das Finale in Rabat hatte als Skandalspiel weltweit Schlagzeilen gemacht - nicht nur wegen der Tumulte am Schluss, sondern auch wegen des unsportlichen Verhaltens der Gastgeber. Mehrere Balljungen hatten bei strömendem Regen mehrfach versucht, Senegals Torwart Edouard Mendy dessen Handtuch zu klauen. Sogar der frühere Dortmunder Bundesliga-Profi Achraf Hakimi schnappte sich Mendys Handtuch und warf es über die Bande. Letztlich musste ein senegalesischer Ersatzspieler das Stück Stoff an sich nehmen und verteidigen.
Und auch auf dem Platz ging es rund. Nachdem der Schiedsrichter in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit ein regelkonformes Tor für den Senegal aberkannte und dafür wenig später einen sehr fragwürdigen Elfmeter für Marokko pfiff, reichte es Pape Thiaw: Senegals Trainer zitierte seine Mannschaft aus Protest in die Kabine.
Sadio Mané schrie seine Mitspieler an
Nur wenige Spieler um Ex-Bayern-Profi Sadio Mané blieben auf dem Platz. Dann lief der Kapitän in die Kabine. «Er kam rein und schrie. Schrie uns an, auf den Platz zu gehen und das Spiel zu beenden», berichtete Mittelfeldspieler Lamine Camara später. «Wenn Sadio redet, hört jeder zu. Wir haben auf ihn gehört und es lief gut für uns.» Denn der umstrittene Elfmeter wurde verschossen: Marokkos Torjäger Brahim Díaz vergab vom Punkt, Pape Gueye erzielte schließlich das Siegtor für den Senegal.
Strafen für Senegal bleiben bestehen, Nachsicht für Marokko
Die hitzige Partie und das Chaos hatten Folgen. Der afrikanische Fußball-Verband verfügte im Nachhinein eine fünf-Spiele-Sperre und eine Geldstrafe über 100.000 US-Dollar für Trainer Pape Thiaw. Insgesamt wurde der senegalesische Verband wegen diverser Vergehen - darunter der versuchte Platzsturm senegalesischer Fans - zu 615.000 Dollar Strafe verurteilt. Zwei Spieler wurden gesperrt.
Diese Strafen ließ das CAF-Berufungsgericht unangetastet. Marokko dagegen bekam nicht nur den Sieg zugesprochen, sondern auch Straferleichterungen. Ursprünglich war der Verband zu insgesamt 315.000 Dollar Strafe verurteilt worden, der Großteil davon für das unsportliche Verhalten der Balljungen. Diesen Betrag reduzierte das Berufungsgericht von 200.000 auf 50.000 Dollar. Die 100.000-Dollar-Strafe für Mittelfeldspieler Ismaël Saibari hob das Gericht ganz auf, seine Sperre wurde von drei auf zwei Partien verkürzt, davon eine auf Bewährung. Die Strafe über 15.000 Dollar für den Einsatz von Laserpointern durch marokkanische Fans reduzierte das Gericht auf 10.000 Dollar.
Bestehen blieben bloß die Geldstrafe für den Verband über 100.000 Dollar im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Videoschiedsrichter sowie die Zwei-Spiele-Sperre für Hakimi. Ein Spiel davon war schon vom afrikanischen Verband für ein Jahr auf Bewährung ausgesetzt gewesen.