Special Olympics

Die grenzenlose Freiheit auf der Tanzfläche

Am Samstag herrscht auf der Tanzfläche von Emis Dance Academy pure Lebensfreude. Die Tanzgruppen der Special Olympics-Landesmeisterschaft vereint Menschen mit geistiger Behinderung, auch die Gruppe der Weinheimer Lebenshilfe ist schon ganz heiß

Wollen am Samstag vor allem Spaß haben: Die Tänzer der Weinheimer Lebenshilfe starten bei der Special Olympics-Landesmeisterschaft in Emis Dance Academy. Foto: Marco Schilling
Wollen am Samstag vor allem Spaß haben: Die Tänzer der Weinheimer Lebenshilfe starten bei der Special Olympics-Landesmeisterschaft in Emis Dance Academy.

Wenn heute die Knuddel-Begrüßungsrunde beendet ist, dann wird es bei der Lebenshilfe in Weinheim ein kleines Bisschen ernst. Vielleicht. Na ja, eher eigentlich nicht. Denn mit Ernst hat die Generalprobe der Tanzgruppe für die Special Olympics Landesmeisterschaft am Samstag nicht viel zu tun. Klar wollen die Weinheimer bei ihrem Heimspiel in Emis Dance Academy in der Weststadt gut aussehen. Aber vor allem wollen die Männer und Frauen Spaß haben. „Zwei Drittel des Tages sind unsere Menschen fremdbestimmt. Aufstehen, Essen, acht Stunden Arbeit in den Werkstätten“, sagt Lebenshilfe-Geschäftsführer Oliver Andres. Und Tanzlehrer Michael Zürker fügt an: „Hier sollen sie loslassen. Ich lasse sie einfach frei. Und daraus entsteht Gutes.“

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Zürker hat vor drei Jahren bei der Lebenshilfe angefangen, nimmt jedes Mal den Weg aus Böhl-Ingelheim auf sich, um Gruppen in Weinheim, Viernheim oder St. Leon zu begleiten. Zusammen mit seinem zwei- bis dreiköpfigen Assistenzteam gibt er donnerstags in der Moltkestraße Unterricht. Der 58-Jährige hat 22 Jahre Berufserfahrung als Erzieher und Leiter in Hort und Kindergarten. Und eine Ausbildung als Tanzlehrer. Seine Leidenschaft. „Mein Ausbilder Franz Doser hat mich vor 17 Jahren an Menschen mit Handicap herangeführt. Als ich bei den Tausendfüßlern angefangen habe, hat deren Leiter Oliver Gipp gesagt: Vergiss alles, was Du in Deiner Tanzlehrerausbildung gelernt hast. Und er hatte recht“, lacht der Mann, für den Tanzen Lebensinhalt ist.


Tausendfüßler sind Ausrichter


Die Tausendfüßler, ein Tanz- und Freizeitclub, der sich mit seinen vielen Gruppen von Viernheim über Mannheim, St. Leon, Landau bis Bad Dürkheim Inklusion auf die Fahne geschrieben hat, sind nun auch Ausrichter der Tanzsport-Landesmeisterschaft in Weinheim. Oliver Gipp hat selbst erste Tanzschritte in der damaligen Tanzschule Hammersdorf unternommen, kennt die Räumlichkeiten, die jetzt Emis Dance Academy beherbergt. Und die Tanzschule freut sich riesig auf das Event. „Wir hatten mit 60 Tänzern gerechnet, inzwischen sind es schon über 120. Das wird ein richtig tolles Ereignis“, sagt Annette Ulrichson von der Academy-Verwaltung. Auf der acht mal acht Meter großen Tanzfläche wird jede Menge Leben sein, Zuschauer sind bei freiem Eintritt herzlich willkommen. Um 10.30 Uhr geht es mit den Solisten los, gegen 11.15 Uhr wird auch Lisa von der Lebenshilfe zu Musik aus dem Musical Elisabeth tanzen. „Hut ab, dass sie sich das traut“, freut sich Oliver Andres über den Soloauftritt.


Zwei Gruppen und eine Solistin


Um 12.55 Uhr und 13.10 Uhr ist Lisa dann wieder Teil der gesamten Weinheimer Gruppe, die bei „Night Fever“versuchen wird, nicht allzu sehr aus der Reihe zu tanzen. Doch selbst wenn, ist das kein Beinbruch. Punktabzüge sind sogar schon einkalkuliert, weil mit Mario sogar ein blinder Tänzer Teil des Ensembles ist. Der hat zwar einen Helfer zur Seite, doch zur Marionette soll er deshalb nicht werden. „Wir wollen, dass unser toller Mix aus Menschen selbstbestimmt agiert“, sagt Andres. „Hier soll jeder mitmachen dürfen, der Lust dazu hat, egal ob mit autistischer, spastischer oder sonst einer Einschränkung.“

Für Michael Zürker ist Tanzen Ausdruck der Lebensfreude. Foto: Marco Schilling
Für Michael Zürker ist Tanzen Ausdruck der Lebensfreude.

Das sieht Michael Zürker ganz genauso. Er will Spaß vermitteln und Spaß haben. „In der Tanzschule zahlt man für eine Leistung und will danach ein adäquates Ergebnis sehen. Es gibt feste Abläufe, für den Tanzlehrer sogar manchmal eine Kleiderordnung. Hier tanzt jeder so gut er kann. Ich kann mir keine bessere Arbeit vorstellen. Man bekommt so viel zurück.“ Und schnell wird klar, warum.

Spaß haben – das ist vor allem das Motto der Tanzgruppen bei der Lebenshilfe. Foto: Marco Schilling
Spaß haben – das ist vor allem das Motto der Tanzgruppen bei der Lebenshilfe.


Noch bevor Zürker den Hector-Saal betritt, schallt schon Michael Patrick Kellys „ID“ durch die geschlossene Tür. Schließlich ist der Tanzlehrer schon zwei Minuten überfällig und seine Gruppe scharrt bereits mit den Füßen. Oliver Bach und Feli Kern haben die Box im Hector-Saal schon mal aufgestellt und auf der Tanzfläche geht es rund. Als der Song verklungen ist, stellt Zürker die Besucher vor und ruft die Gruppe zum Teamfoto zusammen. Danach gehts ganz kurz ans Proben des Samstagauftritts. Zürker und die Helfer tanzen vor, die Gruppe folgt. Jeder so gut er kann. Drei haben heute keine Lust und schauen lieber zu. „Auch das ist okay, Zwang gibt es hier keinen.“


Discorunde zur Entspannung


Danach wird die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet, Discolichter gehen an. „Das sorgt für Entspannung nach der geforderten Konzentration bei der Choreografie“, sagt Zürker, der keinen festen Plan für eine Tanzstunde hat. „Die Tänzer werfen mir manchmal zu, worauf sie Lust haben und das baue ich dann eventuell ins Programm ein“, sagt Zürker.


Bei blau-gelb-rotem Licht tanzt Stefan in der Discorunde Carmen an, die beiden bekommen zu Andrea Bergs „Es muss ja nicht für immer sein“ sogar Drehungen hin. Heike, zum ersten Mal überhaupt dabei, scheint voll in ihrem Metier. „Heike, Du gehst ja ab wie eine Rakete“, lacht Zürker und Heike dreht gleich noch eine Extrarunde. Sie ist sicher nicht zum letzten Mal dabei. „Klar lassen wir den Menschen hier ihre Freiheit. Ein ganz wichtiger Punkt. Aber dann fördert Tanzen ja auch Koordination. Konzentration und Gleichgewichtssinn.“ Vom Gruppenerlebnis einmal ganz abgesehen.

Lisa traut sich sogar allein


Nach der Discorunde führt Lisa ihren Solotanz vor, die Gruppe klatscht und Michael Zürker fragt: „Darf ich Dir was sagen?“. Als sie bejaht, flüstert er ihr noch den einen oder anderen Tipp ins Ohr. Beim Tanzen gibt es letztlich kein richtig oder falsch. „Die positiven Auswirkungen von Bewegung auf Musik gibt es auch dann, wenn man ästhetische Vorgaben wie im Takt tanzen nicht umsetzt“, schreibt Oliver Gipp in seinem Buch „Einfach Tanzen“.

Lisa  tanzt nicht nur in der Gruppe, sondern auch als Solistin. Foto: Anja Treiber
Lisa tanzt nicht nur in der Gruppe, sondern auch als Solistin.

Werten muss die Jury am Samstag dennoch nach von „Special Olympics“ vorgegeben Kriterien. Vortanzen dürfen die Tanzlehrer am Wettkampftag übrigens nicht. Eine zusätzliche Herausforderung für die Tänzer. Aber eine, der sich die Männer und Frauen aller Altersklassen ebenso stellen, wie sie das auch bei der Teilnahme am Weinheimer Altstadtlauf, der internen Kegel-Meisterschaft oder dem Hallenfußballturnier des Pilgerhauses tun, wo ebenfalls am Samstag in Hohensachsen die Special Olympics Landesmeister gesucht werden.


Im Hector-Saal läuft nach einer Trinkpause inzwischen „Rock Paper Scissors“ von Katzenjammer. Zu dem Song haben die Tänzer beim 60-jährigen Lebenshilfe-Jubiläum in der Aula des Privatgymnasiums vor Hunderten von Menschen vor Kurzem erst getanzt. Und alle mitgenommen. Die Choreografie dafür sitzt noch.


„Hier braucht alles Zeit“


Zum Abschluss bilden die Tänzer noch einen Kreis und üben den von Elvis Presleys Stimme musikalisch begleiteten Wiener Walzer. „In der Tanzschule muss der nach zehn Wochen funktionieren. Bei uns dauert die Vermittlung manchmal zwei Jahre. Hier braucht alles Zeit, aber die haben wir ja“, sagt Zürker und drückt am Ende der Stunde jeden, der das Bedürfnis danach hat. „Wenn ich hier nach der Tanzstunde rausgehe, fühle ich mich gut. Die Süßen wissen gar nicht, wie viel Energie sie mir geben.“