Bob

Großmaul, Schisser, Europameister: Handballer Thomas Berger springt in den Bob

Sie sorgen mit im Eiskanal mit dem historisch längsten Sturz für einen Rekord, doch Grund zur Trauer gibt es nicht. Wie das S3L-Logo auf den Fürther Bob kommt

Peter Hinz und Thomas Berger bei der erfolgreichen Europameisterschaft 2024. Foto: Berger
Peter Hinz und Thomas Berger bei der erfolgreichen Europameisterschaft 2024.

Normalerweise ist Thomas Berger Stammgast in der Großsachsener Sachsenhalle. Wenn nicht als Zuschauer, dann auch mal als Hallensprecher, Kommentator bei Sportdeutschland.TV und bei der neuen Handball-Spielgemeinschaft Saase3Leutershausen (S3L) gemeinsam mit Uli Roth auch als Sponsoring-Verantwortlicher. Der ehemalige Rückraum- und Rechtsaußenspieler ist Handballer mit Leib und Seele. Und ein bisschen verrückt.

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Denn nur so lässt sich die Geschichte erzählen, wie das S3L-Logo auf den Bobs prangt, die der Fürther Bob-Club unter anderem zum Senioren-Europapokal in den Eiskanal in Innsbruck/Igls geschickt hat. Ein Handballer-Logo in der Bob-Bahn? Das war eine Wiedergutmachung für den wohl längsten Sturz in der Geschichte des Olympia-Eiskanals von 1976.

„Handballer können alles“

Wie alles begann: Thomas Berger, Gast bei der Geburtstagsfeier von Luise Hinz, wurde von ihrem Sohn Aaron gefragt, ob er mal zum „Anschieben“ beim Training auf der Anschubbahn des Fürther Bob-Clubs vorbeikommen wolle und ob er sich vorstellen könne, als „Bremser“ im Bob zu agieren. „Ich als eingefleischte Handballer sagte großmaulig: ‚Handballer können alles‘. Und weil Handballer auch zu ihrem Wort stehen, bin ich dann zum Training aufgetaucht“, sagt der 50-Jährige.

Das feurige Logo der S3L macht sich gut im Eiskanal. Foto: Bob-Club Fürth
Das feurige Logo der S3L macht sich gut im Eiskanal.

Gerade am Ende der Handball-Karriere und so noch fit, machte sich Berger, der seine Handball-Karriere in Nieder-Liebersbach startete, von dort zum TSV Birkenau und später TVG Großsachsen wechselte, nicht schlecht mit dem Bobboliden auf der Trainingsstrecke. „Ich fand es witzig, habe mich zudem sportlich betätigt.“ An einen Renneinsatz dachte er damals aber noch nicht.

Bob-Bauer Peter Hinz mit Thomas Berger beim Kufen-Check. Foto: Malte Joechel
Bob-Bauer Peter Hinz mit Thomas Berger beim Kufen-Check.

Doch der Februar 2023 rückte immer näher. Zu dieser Zeit findet immer der Europapokal der Senioren auf der Olympiabahn in Igls (Innsbruck) statt. Und ehe sich Berger versah, saß er mit Peter Hinz – Junioren-Weltmeister 1998 und 1999, zwischenzeitlich sogar Trainer der japanischen Bob-Nationalmannschaft, und zu Zeiten von Georg Hackl auch Rodler – im Bob. „Wir sind dahin gefahren und ich hatte vom Trainingsgelände in Fürth nur ‚anschieben und reinspringen‘ im Kopf. Den echten Eiskanal runterzudonnern und dann bremsen zu müssen, war mir zwar irgendwie klar aber „bewusst“ wurde mir das erst vor Ort“. Als Berger die Bobbahn in Igls zusammen mit seinem Piloten Peter Hinz ablief und er ihm die Kurven erklärt hatte, „bekam ich schon tierisch „Schiss. Egal. Ich hatte ja gesagt: Handballer können alles.“

Angst vor verbrannten Schultern

Mit 123 Stundenkilometern in der Spitze und mehrfachen G-Kräften ging es dann zum ersten Mal die Bahn hinunter. „Das Gefühl danach war – neben der Geburt meiner Kinder – das Unbeschreiblichste, das ich je erlebt hatte!“, gerät Berger auch Jahre später noch ins Schwärmen.

Das Gefühlschaos setzte sich aber fort, denn Berger erlebte im Rennen selbst den Sturz des Schwesterbobs mit Martin Fischer und Peer Joechel, Weltmeister im Zweier-Bob von 1994. „Darauf bekam ich unbeschreibliche Angstzustände, da ich die verbrannten Schultern von Bremser Peer Joechel in der Umkleidekabine gesehen hatte. Dummerweise hatte Peer kein Schutzshirt an, sodass er schwerste Verbrennungen davontrug.“ Trotzdem sprang er zu Peter Hinz in den Bob und wurde sportlich belohnt: Dritter bei der Deutschen und Europameisterschaft in der Altersklasse – das pushte! „Da wir in der Vorbereitung zum Senioren-Europapokal 2024 gut trainiert hatten, wurde wir dann sogar Europameister und Deutscher Vizemeister!“

Die Odenwälder Bobs versehen mit dem Logo der Handball-Spielgemeinschaft Saase3Leutershausen im Olympia-Eiskanal in Innsbruck. Foto: Malte Joechel
Die Odenwälder Bobs versehen mit dem Logo der Handball-Spielgemeinschaft Saase3Leutershausen im Olympia-Eiskanal in Innsbruck.

In der Vorbereitung für 2025 hatte Berger seinen S3L-Handballkollegen Alexander Herrmann angesprochen, ob er nicht ebenfalls einsteigen wollte. Und auch Herrmann konnte und wollte. Weil Peer Joechel, der 2024 noch pausiert hatte, unbedingt mit Peter Hinz im ersten Bob mitfahren wollte, gab Berger seinen Bremserplatz für 2025 frei. „Peer und Peter kennen sich schon ewig und ich wollte da insbesondere zum 60. Bob-Club-Jubiläum nicht im Weg stehen.“ Berger trainierte weiter mit, fuhr auch als Helfer nach Innsbruck mit. Und kam dann auch wieder zum Einsatz, weil Peer Joechel beim „Einfahren“ noch verhindert war und Berger im wahren Wortsinn einsprang.

Wie das S3L-Logo auf den Bob kommt

Und hier beginnt die Geschichte des S3L-Logos. Peter Hinz, nicht nur Pilot, sondern auch Bobbauer, steuerte am 21. Dezember 2024, zunächst „butterweich“. Doch im zweiten Lauf dann die Katastrophe: Das Lenkseil riss und der Bob Hinz/Berger stürzte bereits in der fünften Kurve. Die Bobbahn hat insgesamt 14. Kurven. So kam leider ein bitterer Rekord zustande – der längste Sturz auf der Bobbahn in Innsbruck. „Fast eine Minute lang sind wir auf der Seite liegend die Bahn runtergeschlittert, haben uns von der einen Seite zur anderen gedreht, als wir in den Kreisel kamen“, erinnert sich Thomas Berger an den Horror-Sturz, der aber keine schwerwiegenderen Folgen hatte. „Zum Glück hatte Peter Kevlar-Shirts besorgt, sodass ich ohne Verbrennungen, nur mit blauen Schultern davon gekommen bin.“

Erster Sturz seit 30 Jahren

Peter Hinz selbst war in seiner langen Bob-Karriere bis dahin 30 Jahre lang nicht gestürzt. Es stellte sich heraus, dass ein Materialfehler bei der Verschraubung des Lenkseils zum Herausreißen der Verankerung führte. „Aber um solche Dinge herauszufinden, trainiert man. Man kann sich nur schwer vorstellen, was Alexander Herrmann durch den Kopf gegangen sein muss, der bei seiner Rennpremiere mit Martin Fischer am Start bereitstand, unseren Sturz auf der Leinwand hautnah miterlebte und noch minutenlang warten musste, bis wir den verunfallten Bob aus dem Eiskanal gehoben hatten“, konnte sich Berger gut in den vom ihm selbst rekrutierten „Rookie“ einfühlen, fand aber auch schnell sein Lachen wieder: „Nach meinem ersten Sturz wurde ich nach meiner 14. Fahrt im Bob nun als ‚richtiger‘ Bobfahrer beglückwünscht.“

Beim Europapokal 2025 im Februar fuhr Berger als Helfer mit, denn helfende Hände werden oft gebraucht, weil der Bob mehr getragen als gefahren wird. „Dafür und als kleine Entschuldigung für den Sturz durfte ich die Bobs mit entsprechenden S3L-Aufklebern bestücken“, freut sich S3L-Sponsoringchef Thomas Berger über eine Projektionsfläche, die weit über die Plakatierungen für die S3L-Heimspiele an der Bergstraße hinaus geht.

Als neuer Bob-Fan bejubelte Berger dann auch den jeweiligen zweiten Platz bei der DM und EM durch Peter Hinz und Peer Joechel in der Altersklasse IV. Martin Fischer und Alexander Herrmann verpassten als Vierte ganz knapp das Treppchen, knackten aber den Höhenflugrekord im „Kreisel“, der Kurve 7.

Am Wochenende war das Duo Hinz/Berger schon wieder im Einsatz, denn Thomas Berger will dem Bobsport treu bleiben. In St. Moritz fuhren die Odenwälder ein Cup-Rennen bei den P rofis mit. „Auch da wurde wir auf das Logo angesprochen. Als Aufhänger für die S3L ist das einfach cool.“ Sehr viel cooler als im Eiskanal geht es auch nicht.