Fußball

"Qualles" Botschaft kommt in Lützelsachsen bestens an

Schiedsrichter-Influencer Pascal „Qualle“ Martin löst im Weinheimer Stadtteil Begeisterungsstürme beim kickenden Nachwuchs aus – und übt scharfe Kritik am DFB.

„Mehr Respekt für den Schiedsrichter“, lautet die Mission von Influencer Pascal „Qualle“ Martin. Der 22-Jährige zieht am Freitag zahlreiche Nachwuchskicker der TSG Lützelsachsen in seinen Bann. Foto: Christopher Frank
„Mehr Respekt für den Schiedsrichter“, lautet die Mission von Influencer Pascal „Qualle“ Martin. Der 22-Jährige zieht am Freitag zahlreiche Nachwuchskicker der TSG Lützelsachsen in seinen Bann.

„Er wird unseren Kindern und Jugendlichen ein außergewöhnliches Ereignis bieten“, hatte Markus Sittardt, Jugendleiter der TSG 91/09 Lützelsachsen, im Vorfeld des Besuchs von Schiri-Influencer Pascal „Qualle“ Martin im Weinheimer Stadtteil prophezeit.

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Und damit hat er nicht zu viel versprochen, wie sich am Freitag zeigt: Sichtlich aufgeregt lauschen rund 100 Kinder und Jugendliche im Rahmen eines Workshops zunächst den Worten des Social-Media-Stars – allein auf TikTok folgen ihm fast eine Million Fans, auf Instagram hat der 22-Jährige noch einmal fast 218 000 Follower –, am frühen Abend dürfen sie dann im wahrsten Sinne des Wortes nach seiner Pfeife tanzen.

Oder besser gesagt: spielen. Denn in zwei Freundschaftsspielen treffen zunächst die beiden E-Jugend-Mannschaften der TSG aufeinander, im Anschluss folgen Partien zwischen den D- und C-Jugend-Teams der Saasemer.

Neue Heimat im Odenwald

Die Spiele selbst sowie die Ergebnisse geraten aber in den Hintergrund, der Stand mit Qualle-T-Shirts und Qualle-Hoodies ist genauso umlagert wie der Pizza-Truck, den Sittardt und Co. für die Kinder organisiert haben. Und natürlich sind alle heiß auf die Autogramme des Mannes, der das Schiedsrichterwesen gerade revolutioniert und nahezu täglich bei einem anderen Verein aufschlägt. Von Selfies mit dem gebürtigen Dortmunder, der seit kurzer Zeit in Fürth im Odenwald eine neue Heimat gefunden hat, ganz zu schweigen.

Sichtlich aufgeregt lauschen rund 100 Kinder und Jugendliche im Rahmen eines Workshops zunächst den Worten des Social-Media-Stars. Foto: Christopher Frank
Sichtlich aufgeregt lauschen rund 100 Kinder und Jugendliche im Rahmen eines Workshops zunächst den Worten des Social-Media-Stars.

Schon im Alter von 14 Jahren entschied sich der Fan von Drittligist Arminia Bielefeld für die Karriere als Schiedsrichter, hat inzwischen aber nicht mehr unbedingt seine eigene Profikarriere im Kopf, sondern vor allem seine Mission: eine bessere Verständigung zwischen Schiedsrichtern, Trainern und Spielern. Stichworte: Fair-Play und Respekt. Auch geht es ihm darum, für die Tätigkeit als Schiedsrichter zu werben, wofür ihm auch deutsche Spitzen-Schiedsrichter wie Deniz Aytekin Respekt zollen.

So auch in Lützelsachsen: Die Jugendspieler der TSG dürfen ihre Linienrichter-Fähigkeiten testen und Foul, Abseits, Einwurf oder Eckball anzeigen. Problem dabei: Kaum einer weiß, wie das richtig geht. Doch auch dafür gibt es Qualle.

Lukrativ, aber inzwischen auch gefährlich

Als der Influencer dann die Frage stellt, wer denn grundsätzliches Interesse daran habe, selbst mal ein Spiel zu pfeifen, bleibt kein Nachwuchskicker auf seinem Stuhl sitzen.

Er kann auch Gelb: Pascal Martin greift durch, wo es nötig ist. Foto: Dietmar Lohrer
Er kann auch Gelb: Pascal Martin greift durch, wo es nötig ist.

Das ändert sich jedoch ganz schnell, als Martin die Schattenseiten des lukrativen Nebenjobs – ein Bundesliga-Schiri bekommt pro Spiel rund 8500 Euro – aufzählt: „Wir werden regelmäßig beleidigt, manchmal geschlagen oder bespuckt, mitunter bekommen wir sogar Morddrohungen“, sagt er. „Und wenn das so weitergeht, dann könnt Ihr vielleicht in zwei Jahren kein Fußball mehr spielen.“

Dieser Entwicklung gelte es, entgegenzuwirken, ermutigt er die Lützelsachsener Jugendspieler. Vor allem durch das Verhalten auf und neben dem Platz.

Gemeinsamer Song mit Rapper M.I.K.I.

Er selbst hat seinen eigenen Weg gewählt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Auch, weil der DFB die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt habe, wie er in einem Song gemeinsam mit Rapper M.I.K.I. kritisiert.

„Wer will heut noch Schiri werden, lieber DFB? Es wird Zeit, dass ihr neue Wege geht. Ihr seid in der Sache viel zu leise bis jetzt“, heißt es darin. „Plakate, die in den Umkleidekabinen hängen, sind total 80er“, sagt Qualle am Freitag. Kinder und Jugendliche müssten über die modernen Medien angesprochen werden. Mit ihrer eigenen Sprache. „Ich weiß wie die Kids ticken, wie und wo man sie packen kann“, ist der gelernte Kinderpfleger dagegen überzeugt.

Und seine Message kommt an: Die Kinder und Jugendlichen im proppevollen Clubheim schreien sich förmlich die Seele aus dem Leib. Wenn Qualle „Respekt“ ruft, antworten sie: „für den Schiedsrichter“. Und das tun sie so laut, dass der Star des Tages nicht umhin kommt, seine Zusage für das Fuper-Camp in den Herbstferien auf dem TSG-Gelände zu geben. Das außergewöhnliche Erlebnis vom Freitag erfährt demnach schon in knapp fünf Monaten eine Neuauflage.