So wollen die Social-Media-Stars um "Qualle" in Fürth siegen
Influencer und Social-Media-Stars im „Team Qualle“ treten beim Familienfest des SV Fürth gegen die U19 der Gastgeber an. Das Motto heißt „Kick for Ref“. Wer noch keine Gratiskarte hat, sollte sich sputen.
Flach spielen, hoch gewinnen. Ob Chris Schamber seinen Social-Media-Stars einige Fußballerweisheiten mit auf dem Weg gibt, wollte der Trainer noch nicht verraten. Fest steht jedenfalls, dass Schamber zusammen mit seinem Kollegen Rudi Stalyga mit dem „Team Qualle“ um Schiri-Influencer Pascal „Qualle“ Martin gegen die U19 des SV Fürth am Sonntag (Anpfiff ist um 17.30 Uhr im Stadion) gut aussehen – und am Ende viele Likes sammeln will.
Wer ist "Qualle"
Der 22-jährige Pascal Martin spielte in der Jugend selbst leistungsorientiert Fußball und schlug mit 14 Jahren die Schiedsrichter-Laufbahn ein. Er filmt sich, wenn er Spiele pfeift, und lädt Ausschnitte davon in den sozialen Netzwerken hoch. Alles, um sich für mehr Respekt im Fußball einzusetzen.
Er selbst wurde mit 15 Jahren auf dem Platz bewusstlos geschlagen, als er einem erwachsenen Spieler die Rote Karte zeigte, und bekam schon Morddrohungen. „Qualle“ machte trotzdem weiter und sein Einsatz in den Sozialen Medien kommt so gut an, dass er inzwischen 20 bis 30 Millionen Klicks pro Monat hat. Er hat 810 000 Follower auf TikTok, 120 000 auf Instagram und 94 000 auf YouTube.
„Qualle“ rief den Hashtag #RespektfürdenSchiedsrichter ins Leben. Er wird als Schiedsrichter und Redner von Vereinen, Schulen und Unternehmen gebucht. In der Region war er unter anderem schon beim SV Affolterbach, FC 07 Bensheim, TSG 62/09 Lützelsachsen und TSG 1862/09 Weinheim zu Gast.
Das Match steht unter dem Motto „Kick for Ref“ und ist die Fortsetzung einer Partie zwischen Schiedsrichtern aus ganz Deutschland („Team Qualle“) und dem „Team Promi“, bestehend aus Ex-Profis und Influencern, die am 2. Juni 2023 in Martins ostwestfälischer Heimat rund 1500 Zuschauer anlockte. Mit der Aktion soll, damals wie heute, der Respekt vor den Unparteiischen gefördert werden. Getreu „Qualles“ Leitspruch: „Respekt für den Schiedsrichter“.
Kommen 1500 Zuschauer?
In Fürth könnten am Sonntag mehr Zuschauer kommen als bei der Erstauflage. Von den 1500 Tickets, die online kostenlos abgegeben werden, waren zu Wochenbeginn zwar noch 700 verfügbar. Aber: „Der SV Fürth ist ein großer Verein. Da kommen alle, Jugendliche und die Eltern“, sagt Pascal Martin. Mal sehen, ob es für einen Rekordbesuch reicht.
Die Euphorie im Ort sei jedenfalls riesig, sagt Martin, der selbst seit einigen Monaten in Fürth lebt. Zudem haben sich viele Fans von weiter her angekündigt, auch wenn das Gros natürlich aus der Region komme.
Da das nächste Spiel bekanntlich immer das schwerste ist, bereiten sich die Verantwortlichen um „Qualle“ schon seit Wochen akribisch auf das „Megaevent“ vor und sorgen dafür, dass das traditionelle „Grill- und Familienfest 2024“ des SV Fürth am 1. September diesmal ordentlich gepimpt wird. Pascal Martin ist jedenfalls davon überzeugt, „dass es einen Tag gibt, den man nicht vergessen wird“.
Um 12 Uhr am Sonntag ist großer Fototermin für alle SV-Mannschaften, und auch die Influencer wollen sich dann schon dazugesellen. Sportlich geht es um 12.30 Uhr gleich mit einem Derby los, wenn die zweite Mannschaft des SV Fürth in der Kreisliga B die SG Hammelbach/Scharbach erwartet. Die Impe-Brüder von der SG sind beim SV Fürth großgeworden. Man kennt sich.
Derby in der B-Liga
Und während die Mannschaft von Oliver Zeug mit drei Siegen optimal gestartet ist, geht bei den Fürthern sicherlich noch ein bisschen mehr. Sie haben vier Punkte auf dem Konto, am Donnerstag (19.30 Uhr) aber noch ein Spiel bei der SG Nordheim/Wattenheim. Schwere Beine aufgrund der englischen Woche? Kaum vorstellbar, denn die Kulisse wird den Kickern von Michael Schneider auch ohne Energydrink Flügel verleihen. Und wenn nicht, hilft immer noch Lukas Podolski, der nach seinem Wechsel vom 1. FC Köln zum FC Arsenal sagte: „Das Gute an England ist: Wir haben viele englische Wochen.“
In der Gruppenliga hat der SV Fürth alle drei Heimspiele gewonnen. Auswärts klappt es beim Aufsteiger noch nicht so mit dem Punkten, zuletzt wurde beim Tabellenführer SG Langstadt/Babenhausen mit 1:5 verloren. Die weiße Heimweste soll aber gewahrt bleiben, wenn um 14.30 Uhr die SKG Bickenbach gastiert.
E-Sport-Champion
Die Gäste haben zwar erst einen Punkt geholt, dafür mit dem ehemaligen Stürmer des FC 07 Bensheim, Benedikt Saltzer, einen der besten deutschen E-Sport-Spieler in ihren Reihen. Saltzer ist vierfacher „German Champion“ und Coach der E-Nationalmannschaft. Auf Twitch hat salz0r_tv immerhin 90 000 Follower. Eigentlich könnte er anschließend gleich die Schuhe anlassen und bei den Social-Media-Stars mitspielen. Trainer Chris Schamber wäre wahrscheinlich froh um eine routinierte Kraft, die es an der Konsole, aber auch immer noch mit dem Füßchen kann. Pascal Martin setzt seinen Trainer jedenfalls schon unter Druck, wenn er einen Sieg fordert – so wie beim Influencer-Event im vergangenen Jahr in seiner Heimat, als 1500 Zuschauer den 3:2-Erfolg gegen die U19 des SC Hövelhof sahen. „Wir haben einige sehr gute Fußballer, die auch schon höherklassig gespielt haben, in unseren Reihen“, sagt Martin, alias quallex0001, der als Kapitän vorangeht. „Die meisten Spiele, die 1:0 ausgingen, wurden gewonnen.“ Dem Zitat von Günter Netzer ist wohl wenig hinzuzufügen.
Aber wer trägt jetzt überhaupt das Star-Trikot? Die Spieler sind bekannt aus Funk und Fernsehen, hätte man früher gesagt. Heute heißt es Youtube, TikTok oder Twitch. Und wenn vielleicht die Eltern oder Großeltern der heutigen Jugendspieler nichts mit den Namen anfangen können, so wussten deren Eltern einst sicherlich auch nicht viel über Bonanza-Fahrräder, Ahoi-Brause, Jedi-Ritter, Nena und Nirvana. Fakt ist, dass Influencer heutzutage ein Millionen-Publikum erreichen – von daher wird es sicherlich interessant sein, wie sich die Internet-Könner ohne Stream und hautnah vor Ort verkaufen.
Aminho hat 1,5 Millionen Follower
Einer der Ältesten im „Team Qualle“ ist der 40-jährige Majid Cirousse. Er war beispielsweise bereits in der Regionalliga Nord aktiv, derzeit ist der Grieche Co-Trainer bei BW Lohne. Cirousse folgen auf Instagram fast 11 000 User, bekannt wurde er durch „Find The Pro“ auf Youtube. Inwieweit Momo Ronaldo an die Freistoßkünste von CR7 herankommt, oder ob der Fangzaun im Fürther Stadion erhöht werden muss, wird sich zeigen. Yaz, der singende Friseur, wird zumindest schon mal den richtigen Ton treffen und will vor Ort Haare schneiden. Nicht umsonst feierte die Vokuhila bei der EM gerade ein Comeback.
Die Influencer alle aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Auf einen Kollegen freut sich „Qualle“ jedenfalls besonders: Amin Belhadj, bekannt als Aminhoooo70, der es geschafft hat, in einem Jahr 70 Kilo abzunehmen. Er leidet an einer Stoffwechselstörung und wurde wegen seines Übergewichts schon oft gemobbt. „Aber er trickst und schießt wie wenige andere. Er liebt den Fußball und das Leben, er ist Vorbild für viele Kids, die anders sind – sei es, weil sie dick oder dünn, groß oder klein sind. Aminho zeigt ihnen, dass man nie aufgeben darf – und vieles werden kann, was man will. Man darf nur nicht verzagen“, heißt es auf Aminhos Website. Mit 1,5 Millionen Followern auf TikTok darf er zu Recht als Star bezeichnet werden.
Chris Dörsam mit Heimvorteil
Kleinere Brötchen backt dagegen Bigluda87, dafür bringt Konditormeister Chris Dörsam vom SV Fürth den Heimvorteil mit. Er ist sozusagen die Kirsche auf der virtuellen Torte. Und wenn die Influencer kurz vor Schluss noch ein Tor brauchen, dann kann sich Chris Schamber notfalls selbst einwechseln. „Ich nehme die Schuhe mit“, sagt der 34-jährige ehemalige Spielertrainer der KSG Mitlechtern. Okan Ceneli, der Content-Creator aus Rimbach, hätte ebenfalls gerne mitgespielt, doch ist er beruflich mal wieder unterwegs. Aber auch so hat Schamber genug Alternativen und kann es mit Ewald Lienen halten: „Ich habe ihn ausgewechselt, weil ich einen anderen Spieler einwechseln wollte. Da musste ich einen auswechseln.“
Natürlich haben die Influencer den Nachteil, dass sie nicht eingespielt sind und sich sogar am Sonntag zum ersten Mal in echt sehen – abseits von Teams und Co. Schamber wird mit Stalyga nach einem „Kennenlernspielchen“ schnell wissen, wer wo zu gebrauchen ist. Gibt es Stammplatzgarantien? „Das kann ich doch jetzt nicht verraten“, will Schamber den Gegner im Ungewissen lassen.
Geleitet wird die Partie von Schiedsrichter Alex Schuster vom FC 03 Arminia Ludwigshafen. Er bekommt zwei Assistenten aus der Jugend des SV Fürth an die Seite gestellt und auch einen vierten Offiziellen soll es geben. In Fürth heißt das eigentlich der Oberhannes. Auf einen Video-Assistenten im Kölner Keller muss man allerdings verzichten – das Internet in Fürth ist zu langsam.
Halbzeit-Show mit Freestyle-Rap
Für gute Laune im Rahmenprogramm sorgt unter anderem Tommy Fieber, der mit dem roten Anzug aus dem Bierkönig auf Mallorca. Wer weiß, vielleicht reicht es für den Schlagersänger anschließend noch für eine dritte Halbzeit im Grünen Baum. Hauptsache, Tommy Fieber verirrt sich nicht auf die „Alm“ des FC Fürth. In der Halbzeit-Show greift Sky Dasa zum Mikrofon, man darf gespannt sein, wie der Freestyle-Rapper „Ebbelwoi“ und „Kochkäs“ zu einer Punchline verwurstet.
Pascal Martin verdient an dem Event im Übrigen nichts. Ihm geht es, wie gesagt, um den Respekt gegenüber dem Schiedsrichter. Alle Influencer kommen kostenlos, „wir übernehmen lediglich die Hotelkosten“, sagt Martin. Und wenn am Sonntagabend nach der geplanten „kleinen Malle-Show“ – gemeldet ist zum Glück kein Fritz-Walter-Wetter, sondern Ballermann-Sonnenschein – im Stadion wieder Ruhe in Fürth einkehrt, dann ist es irgendwie beruhigend zu wissen, dass der Ball immer noch rund ist.
SV Fürth ist vorbereitet
Zum traditionellen Familienfest des SV Fürth kommen normalerweise schon 400 bis 500 Besucher ins Stadion. Das wird am Sonntag sicherlich getoppt werden, wenn die U19 des SV Fürth gegen eine Influencer-Mannschaft um Schiedsrichter Pascal „Qualle“ Martin antritt. Die Festspiele beim SV Fürth gehen nach Gruppenliga-Aufstieg und Kreispokal-Titel also in die nächste Runde. „Wir sind vorbereitet“, sagt Abteilungsleiter Philip Konrad. Etwa 70 Eltern helfen am Sonntag den Tag über mit, um beispielsweise die Getränke- und Essensstände zu besetzen. Der SV Fürth hat beim Pokalfinale gegen Eintracht Wald-Michelbach bewiesen, dass er mit vielen Zuschauern umgehen kann. Wie viele es letztlich werden, das kann Philip Konrad nicht sagen.
Ihm selbst sagen die Social-Media-Stars nichts und auch sein ältester Sohn Hannes ist erst sieben Jahre alt und hat kein Smartphone. „Aber bei den Älteren sind die alle bekannt“, sagt Konrad. So seien auch die A-Junioren sofort Feuer und Flamme gewesen, als der Vorsitzende Markus Stephan den „Kick for Ref“ vorstellte. Dass die Social-Media-Stars gewinnen wollen, kommentierte Konrad folgendermaßen: „Es ist immer gut, ein gesundes Selbstvertrauen zu haben.“
Die U19 von Trainer Oliver Endres ist gerade in die Gruppenliga aufgestiegen. „Die Jungs sind spritzig“, hat der Abteilungsleiter keine Zweifel an der Qualität seiner Spieler. Wenn er sich noch einen Star-Gast wünschen könnte, dann wäre das übrigens für Frankfurt-Fan Konrad eindeutig Sebastian Rode. Der Bensheimer hat seine Karriere gerade bei der Eintracht beendet.