"Kick for Ref": "Aminho" schießt ein echtes TikTok-Traumtor
Schiri-Influencer Pascal "Qualle" Martin bringt die Social-Media-Stars in den Odenwald. Zusammen haben sie mehr als zehn Millionen Follower. Wer einen müden Kick in Fürth erwartet hat, wird indes überrascht.
Im Stadion des SV Fürth ist es am Sonntag hoch hergegangen. Sonnenschein ohne Ende, brutale Hitze bei über 30 Grad im Schatten, umher tobende Kinder und auf den Feldern hinter dem Stadion fahren die Landwirte die Heu-Ernte ein. Ein Odenwälder Idyll, wie man es sich zum traditionellen "Grill- und Familienfest" des SV Fürth nicht besser hätte ausmalen können. Und mittendrin? Geballte Social-Media-Starpower. Denn zum diesjährigen Familienfest lud der Schiri-Influencer Pascal "Qualle" Martin viele seiner TikTok- und YouTube-Kollegen für das "KickForRef"-Spiel gegen die U19 des SV Fürth in den Odenwald. Ein Spiel, mit dem sich "Qualle" für mehr Respekt gegenüber Schiedsrichtern auf dem Fußballplatz einsetzt.
Stimmen zum Spiel
Vor dem Spiel war sich Rudi Stalyga, Trainer der "KickForRef"-Auswahl, noch siegessicher: "Ich habe mir gestern die A-Jugend des SV Fürth ein bisschen angeguckt. Die haben eine gute Mannschaft, deswegen müssen wir alles herausholen, um heute einen Sieg zu erringen. Ich denke mal, dass wir 3:1 gewinnen."
Der Co-Trainer der U19 des SV Fürth, Markus Stephan, war nach dem überzeugenden Auftritt seiner Jungs beim Ligaauftakt ähnlich optimistisch, was den Ausgang des Spiels anging: "Ich hoffe mal, dass die Jungs heute noch einen draufsetzen können und wir den ganzen Promis die Stirn bieten können. Wir wollen immer gewinnen. An uns soll es nicht liegen, dass es heute ein spannendes Spiel geben wird. Ich tippe auf 3:1 für uns."
Dem Spielergebnis am nächsten hingegen kam Mitorganisatorin Nina Schmitt-Dörsam: "Es ist schwierig, denn der SV Fürth hat eine sehr starke A-Jugend. Da ich aber vom Team "KickForRef" bin, muss ich auf 3:2 für uns tippen."
Obwohl sein Team den prognostizierten Sieg nicht erringen konnte, war Trainer Stalyga nach dem Spiel zufrieden: "Es war heute ein ganz tolles Spiel. Wir wollten den SV Fürth spielen lassen und konnten mit Kontern dann Nadelstiche setzen."
Pascal "Qualle" Martin ist zwar mit dem Ergebnis zufrieden, sein direkter Gegenspieler hat ihm im Spiel aber das Leben schwergemacht: "Als ich gesehen habe, dass Bastian Zink auf meiner Seite spielt, dachte ich erstmal 'Scheiße'. Er ist ein richtig starker Spieler und hat gezeigt, warum er die Kapitänsbinde getragen hat. Ein absoluter Teamplayer. In der zweiten Halbzeit bin ich dann auf die andere Seite des Spielfelds gewechselt. Ich wollte weg von ihm - und natürlich auch unbedingt ein Tor schießen."
Mitspieler, Gründer von Fuper und Manager von "Qualle", Chris Schamber, war nach dem Abpfiff begeistert: "Es war Wahnsinn. Verrückt, was Nina Schmitt-Dörsam und Pascal 'Qualle' Martin mit dem SV Fürth aufgebaut haben. Unglaublich, was für Influencer heute da waren. Insgesamt über zehn Millionen Follower, das war richtig cool. 3:3, ein perfektes Ergebnis. Genau so setzt man sich für mehr Respekt gegenüber Schiedsrichtern und für den Jugendfußball ein, so muss das eigentlich immer sein."
Salim Hintze, auf TikTok als "Saaliimo" für Straßenumfragen bekannt, kam derweil nicht ohne leichte Blessuren vom Platz: "Ich habe mich während dem Spiel am Knie verletzt. Es war aber ein geiles Spiel, ein spannendes Spiel. Die A-Jugend war stark unterwegs. Ich finde, wir haben das aber gut gemacht."
Hoch und weit bringt Sicherheit
Wer jetzt aber mit einem lustlosen "Ball-Hin-und-Her-Geschiebe" gerechnet hatte, musste sich die Augen reiben. Das lag wohl an Trainer des Influencer-Teams und Taktik-Fuchs Rudi Stalyga, früher unter anderem in Diensten des VfL Birkenau und TSV Aschbach. Wie der Vorsitzende des SV Fürth und Co-Trainer der U19, Markus Stephan, vor Spielbeginn sagte, bereitete sich Stalyga akribisch auf das Spiel gegen die Fürther U19 vor: "Er hat sich auch unser Spiel gegen die JSG Lorsch/Einhausen angeschaut und sich so auf uns vorbereitet."
Das ausführliche Scouting dürfte dann auch maßgeblich für die Aufstellung gewesen sein: Ein klassisches 4-4-2 mit "Qualle" auf der rechten Seite der Verteidigung neben dem Lokalmatador Chris Dörsam (auch bekannt als "Bigluda87") und dem ehemaligen Waldhöfer Yasar Acik. Als Schaltzentrale im Mittelfeld setzte Stalyga auf den Freistoßkünstler Amin Belhadj ("Aminho"), der als "Aminhoooo70" auf TikTok seine rund 1,6 Millionen Follower mit präzisen Kunstschüssen verzaubert. Exotisch wurde es im Sturm: Chris Schamber (ehemals KSG Mitlechtern, VfR Bürstadt und Starkenburgia Heppenheim), der bei "KickForRef" eigentlich nur am Ende aushelfen wollte, aber über 90 Minuten dann doch ganz in der Spielerrolle aufging, und "Momo Ronaldo", der vielleicht nicht über das Talent oder das Trophäen-Kabinett des Weltstars Cristiano Ronaldo verfügt, aber ihm wenigstens aus der Ferne ähnlich sieht.
Kein müder Kick
Gleich vor der Partie gab es die erste gelbe Karte - ausgerechnet für "Qualle". Er erschien nämlich zu spät zur Seitenwahl. Obwohl die ersten zehn Minuten ganz im Zeichen des obligatorischen "Abtasten" der beiden Mannschaften standen, ging es mit dem Eröffnungstor des 40-jährigen Majid Cirousse, aktuell Co-Trainer des Regionalligisten BW Lohne, für das "Team Qualle" richtig los. Sowohl die U19 als auch die Influencer hatten ausgewogene Spielanteile in der ersten Halbzeit, auch wenn beim bunt zusammengewürfelten Influencer-Team die Automatismen selbstverständlich überhaupt nicht saßen.
Auf der Gegenseite funktionierten zwar besagte Automatismen, aber das Spiel vom Vortag steckte den A-Junioren noch in den Knochen. Dennoch: was den Teams an Kondition mangelte, machten die hoch motivierten Spieler mit Einsatzfreude wett. Kein Weg war zu weit, kein Zweikampf zu viel, kein Pass zu ungenau. Besonders der Spieler mit der Nummer 77, Daniele von Fuper, war für das Team der unermüdliche Motor im Mittelfeld, während "Aminho" seine Mitspieler mit Zuckerpässen fütterte. Und "Qualle"? Der hatte alle Hände voll mit dem Nachwuchsspieler des SV, Bastian Zink. Den deckte Qualle nämlich wie seinen Schatten - außer vor dem 1:1 Ausgleichstreffer. "Da hat er mich ziemlich blöd da stehen lassen", gibt "Qualle" nach dem Spiel zu.
Doch der Jubel der U19 hielt nicht lange: Nach einer kurzen Periode, in der das Spiel meditativ vor sich hin plätscherte, erzielte Schiedsrichter-Kollege Niklas Kalfayan, auch bekannt als "The inked Referee", die erneute Führung. Und "Qualle"? Der konnte für den erneuten Ausgleichstreffer kurze Zeit später tatsächlich nichts. Hier konnte Bastian Zink ganz entspannt einen Handelfmeter verwandeln. Mit 2:2 ging es dann in die Halbzeitpause.
Zur zweiten Halbzeit nahm Stalyga einige taktische Änderungen vor: Schamber wechselte aus dem Sturm in die Innenverteidigung und "Qualle" mauserte sich vom Rechtsverteidiger zum linken Flügelspieler. Aber nach dem Anpfiff zur zweiten Spielhälfte hatten zunächst die A-Junioren klar die Oberhand. Die Elf von Rudi Stalyga hingegen hatte keinen Zugriff mehr auf das Spiel. Und genau in dieser Phase zauberte Zink den Ball unhaltbar in den Winkel. Das schönste Tor des Abends - wäre da nicht "Aminho". Ein harmloses Foul führte zu einem Freistoß aus etwa 35 Metern. Normalerweise ungefährlich. Nicht aber für "Aminho", der den Ball, genau wie bei seinen Videos auf TikTok gefühlvoll ins Tor verfrachtete. Zum Abpfiff stand es dann 3:3 nach einem unterhaltsamen Spiel.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Abseits des Platzes warteten die zahlreichen Fans natürlich nur auf eines: die Autogrammstunde mit ihren Lieblingsstars. Zwar wurden die Kinder und Jugendlichen kurz vor Spielende von dem Moderator des Abends, Tommy Fieber, gebeten, abseits des Platzes auf die Autogrammstunde zu warten, doch ein kleiner Platzsturm blieb nicht aus. Wahrscheinlich war es der rote Anzug des Ballermann-Entertainers, der die Bambini des SV nicht vollends von seiner Autorität überzeugte.
Freestyle Rapper "Sky Dasa" heizte den Fans nach der Autogrammstunde nochmal richtig ein. Er rappte aus dem Stegreif ein Lied über das Spiel und das Event. In seinen Freestyle-Rap fanden echte Odenwälder Begriffe wie "Kochkäs" oder "Hussmouge" leider keinen Einzug.
Zwischen 1300 und 1500 Besucher
Normalerweise kommen zum traditionellen Familienfest des SV Fürth zwischen 400 und 500 Besucher ins Stadion. Diese Zahl wurde am Sonntag nach der Einschätzung von den Jugendleitern Frank Thaller und Eugen Salwasser aber locker verdoppelt - wenn nicht sogar verdreifacht. Beide gehen davon aus, dass über den Tag verteilt 1300 bis 1500 Besucher auf dem Familienfest waren. Das dürfte angesichts der Strahlkraft der Social-Media-Stars nicht verwundern. Zusammengerechnet haben die Influencer um "Qualle" über zehn Millionen Follower. Aber trotz des deutlich höheren Andrangs war das Familienfest auf dem weitläufigen Gelände laut Salwasser "relativ entspannt".
Auch Mitorganisatorin Nina Schmitt-Dörsam und Pascal "Qualle" Martin sind sich einig: "'KickForRef' war ein richtig cooles Event." Auch wenn nach Schmitt-Dörsams Schätzung beim eigentlichen Spiel weniger Zuschauer erschienen sind, als gedacht, war es für das Team Qualle ein "voller Erfolg". Und auch für eine Erkenntnis war das "KickForRef"-Spiel gut: "Mir ist in den 90 Minuten bewusst geworden, dass ich doch lieber Schiedsrichter als Spieler bin", gibt "Qualle" zu.