Warum der Mauerweglauf für Sven Furrer etwas ganz Besonderes war
100 Meilen - umgerechnet fast 161 Kilometer - klingen schon nach einer extrem sportlichen Herausforderung. Doch der Birkenauer musste in Berlin auch jede Menge mentale Herausforderungen bestehen.
Wie kann mit Sport an Geschichte erinnert werden? Wie kann ein Lauf das Bewusstsein für ein einzelnes Schicksal verändern? Wie wird ein dunkles Kapitel deutscher Historie spürbar, oder in diesem Fall: erlaufbar? Sven Furrer hat nach seiner Teilnahme am Berliner Mauerweglauf durchaus Antworten auf diese Fragen erhalten. Die Veranstaltung liegt schon einige Tage zurück und der Birkenauer beginnt schon wieder langsam mit dem Training, als er im Gespräch mit der Redaktion nochmal an seine Zeit in Berlin zurückdenkt. Dass ihm kein normaler Lauf bevorstand, wusste er vorher schon.
Zwischenzeitlich hätte er seine Teilnahme beinahe absagen müssen, weil ihn eine Krankheit außer Gefecht setzte. Doch er wurde noch rechtzeitig fit, und konnte damit die Magie dieses besonderen Laufes aufsaugen. "Ich hatte nicht erwartet, dass das Laufen so in den Hintergrund gerät", gibt er nachdenklich zu.
In Gedenken an die Opfer
Die historischen Ereignisse standen während des kompletten Events im Vordergrund, das sei schon sehr emotional gewesen. "Es ging nicht nur darum, dass hier die Mauer stand, sondern auch, dass viele Menschen auf ihrer Flucht gestorben sind." Deshalb widmet sich der Mauerweglauf in jedem Jahr dem Schicksal eines dieser Opfer: Diesmal ging es um Erna Kelm, die am 11. Juni 1962 in der Havel am Außenring zwischen Sacrow (Kreis Potsdam-Stadt) und Berlin-Zehlendorf ertrank.
Vor dem Lauf konnten die Teilnehmer bewegende und emotionale Worte auf ein Kärtchen schreiben und es während der Veranstaltung an eine Pinnwand stecken, die in der Nähe des damaligen Leichenfundes extra dafür aufgebaut wurde. "In dem man dort kurz innehält, eine Kerze anzündet und während des Laufes immer wieder über Grenzsteine läuft, wird man immer wieder an diese Vergangenheit erinnert", schildert Furrer. Ein Streckenabschnitt führte an einem kleinen verbliebenen Stück der Mauer entlang. Der Birkenauer erzählt, dass ihm schon mehrmals vom besonderen Charakter des Berliner Mauerweglaufes berichtet wurde. "Das war tatsächlich mit keinem anderen Lauf vergleichbar und etwas ganz Besonderes. Das war einmalig."
Respektables Ergebnis: Platz 96
Dementsprechend sei das Sportliche auch in den Hintergrund gerückt. Aufgrund seiner krankheitsbedingten Pause vor dem Event wusste Furrer sowieso nicht, welche Leistung überhaupt möglich ist. "Ich wollte unter einer Zeit von 24 Stunden im Ziel ankommen. Und was soll ich sagen: Es lief besser als erwartet, ich bin gut durchgekommen." Am Ende landete er mit einer Zeit von 22:35:04 auf Rang 96 (von 566 gestarteten Einzelläufern). Auf dem ersten Platz unter den Einzelläufern landete die Norwegerin Line Caliskaner: Sie absolvierte die Strecke mit einer Länge von 100 Meilen - umgerechnet fast 161 Kilometer - in einer Zeit von 13:53:57.
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Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogenen Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzbestimmungen .Als Furrer am frühen Sonntagmorgen gegen 4.35 Uhr im Ziel ankam, musste er erst mal jemanden finden, der von ihm ein "Zielankunft"-Foto macht. Zum einen war seine Frau ausnahmsweise nicht dabei, und: "Es gab kein Halligalli, sondern es war eine sehr besondere und andächtige Stimmung beim Zieleinlauf." Der Birkenauer schnappte sich dann erstmal eine Gulaschsuppe - für ihn wie Weihnachten und Ostern zusammen. Überhaupt machte er sich nach seiner Ankunft erst einmal Gedanken über das Erlebte. Dann fing er an, in seinen Körper hineinzuhorchen. "Wenn man nach so einem Ultralauf das Mentale verarbeitet hat, muss man auch herausfinden, ob und wo es im Körper zwickt, ob es irgendwelche Blessuren gibt", verrät er.
Voll des Lobes ist Furrer auch für die Organisation des Events. "Das war toll und schon beeindruckend, was ein Veranstalter alles zu stemmen hat. An manchen Verpflegungspunkten auf der Strecken kümmerten sich Familien, die dort wohnen, um die Läufer." Da wurde fleißig gegrillt und beispielsweise selbstgemachter Kartoffelsalat gereicht, damit die Sportler durchhalten. Apropos: Von den mehr als 700 Teilnehmern kamen nur 467 ins Ziel. Wie Furrer vermutet, entstand die hohe DNF-Quote auch deshalb, weil es zeitweise sehr schwül war.
Mittlerweile ist der Birkenauer bereits wieder mitten in der Vorbereitung auf seinen nächsten Lauf: Kurzfristig hat er sich dazu entschlossen, am 9. September bei einem Qualifikationslauf in Slowenien mitzumachen. Die 60 Kilometer und 3000 Höhenmeter dort will er deshalb in Angriff nehmen, weil er damit seinem Traum näher kommen könnte: dem "Ultra-Trail du Mont Blanc".