Er kann rechnen, singen, klettern – jetzt führt er Hanau
Mit 36 Jahren wird der Hanauer Maximilian Bieri Hessens jüngster Oberbürgermeister. Was ihn antreibt und was sein Blick auf die Stadtkasse mit einem Espresso zu tun hat.
Hanau (dpa/lhe) - Maximilian Bieri ist ein Kunststück mit Seltenheitswert gelungen: Er hat Sozialdemokraten an einem Wahlabend jubeln lassen. Mit knapp 60 Prozent gewann er Ende März die OB-Stichwahl in Hanau und wird heute Abend offiziell in sein Amt eingeführt. Mit gerade einmal 36 Jahren wird der Sozialdemokrat Hessens jüngster OB – als Nachfolger von Hessens dienstältestem OB, Claus Kaminsky (SPD).
Den promovierten Mathematiker Bieri als reinen Zahlenmensch zu beschreiben, greift zu kurz. In ihm schlummern noch andere Talente. So überraschte er die Besucher eines Chorkonzerts mit einer spontanen Gesangseinlage, als er Robbie Williams' Lied «Angels» auf die Bühne brachte.
Zwischen Robbie Williams und Fangesang
Vor hohen Tönen hat er keine Angst, und vor anderen Höhen auch nicht: Die beiden höchsten Berge Deutschlands und Österreichs, die Zugspitze und den Großglockner, hat er bestiegen. Für die nötige Fitness sorgt sein Volleyballtraining, auch zum Tennis- und Tischtennisschläger greift er gern.
Wie Kaminsky ist auch Bieri bekennender Eintracht-Fan. Ist das eine Voraussetzung, um OB in Hanau werden zu dürfen? «Nein», sagt er grinsend. Aber es schadet offenbar auch nicht.
Dass er Respekt vor dem neuen Amt hat, daraus macht der 36-Jährige keinen Hehl. «Wir reden bei der Stadt Hanau von einem kleinen Milliardenunternehmen. Wir sprechen über die sechstgrößte Stadt Hessens mit 107.000 Einwohner, über immense Herausforderungen, über ganz viele kleine und große Probleme, die alle unterschiedlich sind, aber alle irgendwie angegangen werden müssen.»
Doppelte Staatsbürgerschaft
Bieri ist in Frankfurt geboren. Aufgewachsen ist er aber im Hanauer Stadtteil Steinheim und kennt daher die Stadt nicht nur aus dem Rathaus, sondern auch aus der Perspektive eines Bewohners. Er hat in Frankfurt Mathematik studiert, in diesem Fach promoviert und anschließend in Aschaffenburg als Softwareentwickler gearbeitet. 2019 zog er in die Hanauer Stadtverordnetenversammlung ein, wurde später SPD-Fraktionsvorsitzender und wechselte 2023 als Bürgermeister ins Rathaus.
Seinen ungewöhnlichen Nachnamen hat er von seinem Vater Robert geerbt, einem Schweizer Mathematik-Professor. Daher hat der künftige Hanauer OB neben der deutschen auch die schweizerische Staatsbürgerschaft.
Generationenwechsel im Rathaus
Mit seiner künftigen Stellvertreterin Isabelle Hemsley (CDU) verbindet Bieri eine besondere Geschichte. Dreieinhalb Jahre arbeiteten sie als Bürgermeister und Stadträtin im Rathaus zusammen. Dann wurden bei der Kommunalwahl im März aus Kollegen politische Konkurrenten. In der Stichwahl standen sie sich direkt gegenüber. Ihrem kollegialen und fast freundschaftlichen Arbeitsverhältnis tat dies keinen Abbruch.
Hanau steht damit vor einem Generationenwechsel. Mit den beiden Mittdreißigern Bieri und Hemsley komplettiert der Mittvierziger Andreas Jäger (SPD) als Stadtrat das Führungstrio im Rathaus. Bieri sieht darin vor allem ein Signal nach vorn. Die drei seien unterschiedliche Persönlichkeiten, hätten unterschiedliche Arten zu kommunizieren und zu handeln. Gerade das sei gut.
Was er von seinem Vorgänger Kaminsky mitnimmt, ist unter anderem der Blick auf die kommunale Kassenlage. «Solide Finanzen sind nicht alles, aber ohne Finanzen ist alles nichts» – diesen Grundsatz hat der neue Rathauschef verinnerlicht. «Es geht darum, genau auf die Finanzlage zu schauen und einen einfachen Satz zu beherzigen: Das Konto lügt nicht.»
Wie Kaminsky lässt sich Bieri jeden Tag die Liquiditätsplanung vorlegen. Nur eine Sache macht er anders: Den Espresso, den Kaminsky dabei üblicherweise trank, lässt er weg.
Lob von Landesbank: «Eine Stadt schwimmt gegen den Strom»
Bieri weiß, dass der Blick auf die Kassenlage in den kommenden Jahren besonders gefragt sein wird. Hanau steht vergleichsweise gut da: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Stadt einen Überschuss von 2,6 Millionen Euro, die Rücklagen betragen 51 Millionen Euro und das Anlagevermögen beispielsweise in Schulen und Kitas wird auf von rund 1,7 Milliarden Euro beziffert. Von der Hessischen Landesbank gibt es dafür Lob: «Hanau – Eine Stadt schwimmt gegen den Strom», titelte die Helaba kürzlich.
Für dieses Jahr wird allerdings ein Defizit von etwa 15 Millionen Euro erwartet. Was nach Ansicht der Stadt viel damit zu tun hat, dass Hanau vom Land Hessen nicht gerecht behandelt wird.
So habe die Stadt mit der Kreisfreiheit zusätzliche Aufgaben übernommen, erhalte dafür bislang aber keinen vollständigen Ausgleich. Zudem belasten Mindereinnahmen den Haushalt, weil das Statistische Landesamt im Rahmen des Zensus 2022 eine deutlich geringere Einwohnerzahl für Hanau festgestellt hat, als sie das städtische Melderegister ausweist. Der Streit mit dem Land wird derzeit vor Gericht ausgetragen.
Die Gesamtlage ist herausfordernd: Die Kommunen stehen finanziell unter Druck, gleichzeitig wachsen die Erwartungen an sie. Wenn Städte und Gemeinden finanziell ausbluteten, gefährde das aus seiner Sicht auch die Demokratie, betont Bieri. Denn nirgendwo werde Demokratie so unmittelbar gelebt wie vor Ort.
Kein Rotstift bei Vereinen und Ehrenamt
Als eine seiner wichtigsten Aufgaben nennt er deshalb die Aufstellung des neuen Doppelhaushalts. Dabei geht es nach seinen Worten um mehr als um Einnahmen und Ausgaben. Sein politisches Leitwort lautet «Miteinander». Das war bereits das Motto seines Wahlkampfs und soll nun zum Prinzip seiner Amtszeit werden.
Spalten und Polarisieren wäre die einfachere Aufgabe, sagt Bieri. Schwieriger sei es, Menschen zusammenzubringen. Deshalb möchte er Orte, Formate und Möglichkeiten schaffen, an denen Begegnung stattfinden kann. Dazu gehören für ihn auch Vereine und Ehrenamt.
Gerade dort will er trotz der schwierigen Finanzlage nicht den Rotstift ansetzen: «Auch wenn die Finanzlage nicht einfach ist: Wir können es uns nicht leisten, beispielsweise bei Vereinen oder im Ehrenamt zu sparen.» Dann doch lieber beim Espresso kürzen.