Zahlenmensch und Brückenbauer: Bieri neuer Hanauer OB
Hanaus künftiger Oberbürgermeister ist promovierter Mathematiker. Der politische Aufstieg des 35-jährigen Sozialdemokraten verläuft steil.
Hanau (dpa/lhe) - Er gehört zu einer neuen Generation im Hanauer Rathaus – und tritt nun an die Spitze der Stadt. Für den 35-jährigen Sozialdemokraten ist das mehr als ein politischer Karriereschritt. «Hanau ist meine Heimat. Hier will ich gestalten, zuhören, verbinden», sagt er.
Geboren wurde Bieri am 18. September 1990 in Frankfurt. Er besitzt die deutsche und die schweizerische Staatsbürgerschaft – sein Vater stammt aus dem Alpenland. Aufgewachsen ist er im Hanauer Stadtteil Steinheim. Dort habe er früh erlebt, wie wichtig Zusammenhalt im Alltag sei, berichtet er. Ob beim Volleyball oder Tischtennis im Verein, beim Stadtteilfest oder im Gespräch auf der Straße: «Hier zählt das Miteinander.»
«Kein kleiner König, sondern ein großer Diener»
Dieses Bild von Gemeinschaft prägt auch sein politisches Selbstverständnis. Bieri beschreibt sich gern als Brückenbauer – zwischen Generationen, Themen und Menschen. «Der Oberbürgermeister ist kein kleiner König, sondern ein großer Diener», sagte er am Sonntagabend nach seinem Wahlsieg. «Und dieser große Diener werde ich ab Herbst dieses Jahres sein. Das ist mein Versprechen an Sie, an Euch alle.»
Komplexe Zusammenhänge analysieren
Sein Weg in die Politik führte über die Wissenschaft. Nach dem Abitur studierte er Mathematik an der Goethe-Universität Frankfurt und promovierte dort. Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und verständlich zu erklären, helfe ihm auch in der Kommunalpolitik, betont er: «Probleme klar benennen, Lösungen finden, Strukturen verbessern.»
Politisch engagierte er sich früh in der SPD. 2019 wurde Bieri erstmals in die Hanauer Stadtverordnetenversammlung gewählt, ein Jahr später übernahm er bereits den Vorsitz der SPD-Fraktion. Seit 2023 gehört er als Bürgermeister dem Magistrat an. In dieser Funktion verantwortet er unter anderem die Bereiche Bildung, Soziales, Demokratie und Vielfalt sowie das Immobilienmanagement der Stadt.
Überregional machte sich Bieri in dieser Zeit mehrfach einen Namen. Als ausgewiesener Zahlenmensch führte er den politischen Kampf seiner Stadt gegen die Ergebnisse des Zensus 2022 und damit gegen das Hessische Statistische Landesamt im Streit um die tatsächliche Einwohnerzahl an.
Die Behörde hatte eine deutlich geringere Einwohnerzahl für Hanau festgestellt, als sie das städtische Melderegister ausweist. Das hat für die Kommune vor allem finanzielle Auswirkungen, denn die Finanzzuweisungen des Landes hängen zum Teil an der amtlich festgestellten Einwohnerzahl.
Vorreiter bei Handyverbot in städtischen Kitas
Aufmerksamkeit erregte auch eine Initiative aus seinem Dezernat: 2024 führte Hanau ein Handyverbot in städtischen Kindertagesstätten ein – ein Schritt, der bundesweit diskutiert wurde.
Rückendeckung erhielt Bieri im Wahlkampf von einem politischen Schwergewicht der Stadt. Der langjährige Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD), der nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Spitze des Rathauses vorzeitig aus dem Amt scheidet, warb für seinen Parteifreund als Nachfolger, betonte aber auch, dass er «nicht gegen Isabelle Hemsley» ist. Die CDU-Politikerin und Stadträtin war Bieris größte Konkurrentin im Rennen um den Chefsessel im Rathaus.
Inhaltlich setzt Bieri vor allem auf klassische sozialpolitische Themen der Kommunalpolitik. Er wirbt für mehr bezahlbaren Wohnraum, gleiche Bildungschancen und eine solide Haushaltspolitik. Hanau solle eine Stadt bleiben, in der «jede und jeder seinen Platz findet», sagt er – «eine Stadt, in der Kinder gut aufwachsen, Ältere sicher leben und Vielfalt selbstverständlich ist».
Spaziergänge und Kaffee trinken in der Innenstadt
Auch eine modernere Verwaltung gehört zu seinen Zielen. Sie solle digitaler arbeiten, schneller reagieren und stärker auf die Anliegen der Bürger eingehen. Abseits der Politik ist Bieri nach eigenen Worten gern in der Stadt unterwegs – beim Sport, bei Spaziergängen oder bei einem Kaffee in der Innenstadt. Die Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern seien für ihn kein Pflichttermin, sagt er, sondern der Kern seiner Arbeit.