«Man muss nicht schuld sein» - Leben nach dem Motorradunfall
Rund 2.000 Menschen verunglücken pro Jahr in Hessen mit einem Motorrad. Einer von ihnen ist Christopher Beer. Dass er heute wieder laufen kann, hat er Chirurgen zu verdanken - und eiserner Disziplin.
Frankfurt/Rüsselsheim (dpa/lhe) - Christopher Beer ist auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, als ein Auto ihm die Vorfahrt nimmt. Der Motorradfahrer wird über die Motorhaube geschleudert und stürzt auf den Asphalt. Er hat schwere Verletzungen an beiden Beinen. Knapp ein Jahr später bestimmen noch immer Krankenhaus und Reha das Leben des 34-jährigen Rüsselsheimers.
Im Rückblick hatte er wohl Glück: Der Unfall geschah in einer Tempo-30-Zone, Beer war sogar noch langsamer. «Man muss nicht schnell gefahren sein und man muss nicht schuld sein, um schwer verletzt zu werden», sagt er heute. Auf ein Motorrad steigen würde er nie wieder. «Das könnte ich meiner Familie nicht antun.»
Kein Wort der Entschuldigung und filmende Gaffer
Wütend auf den Unfallfahrer ist Beer nicht. Der habe sich zwar bis heute nicht bei ihm gemeldet, «ich hätte mich schon über eine Entschuldigung gefreut.» Mehr schockiert hat ihn aber das Verhalten von Passanten nach dem Unfall. Statt Erste Hilfe zu leisten oder den Notruf zu wählen, zückten einige ihr Handy und begannen zu filmen.
Gerade erst sind in dieser Woche in Hessen zwei Motorradfahrer am selben Tag auf derselben Strecke ums Leben gekommen. Beide Unfälle ereigneten sich am Mittwoch mit wenigen Stunden Abstand auf der Landstraße L3004 in Oberursel. Beide Männer starben später im Krankenhaus, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte.
Der Körper hat keine Knautschzone
«Motorradfahrer gehören zu den Patienten, die am schwersten verletzt sind, wenn sie zu uns kommen», sagt Prof. Alexander Klug, leitender Oberarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie der Berufsgenossenschaftlichen (BG) Unfallklinik Frankfurt. «Der Körper auf dem Motorrad hat keine Knautschzone.»
Oft seien die Verletzungen lebensbedrohlich, Amputationen oder Querschnittslähmungen keine Seltenheit. Früher fuhr Klug selbst Motorrad - bis sein bester Freund im Studium «seine Beine an einer Leitplanke verlor».
Operationen «wie ein Puzzle»
Motorradfahrer zu operieren, sei bisweilen «wie ein Puzzle», sagt der Chirurg. Auch bei Beer war der Oberschenkelknochen gesplittert «wie wenn man einen trockenen Ast zerbricht», erklärt der Arzt und zeigt auf das Röntgenbild kurz nach dem Unfall.
Auf neueren Röntgenbildern sieht man sehr viel Metall: eine lange Platte an der Seite des linken Oberschenkels und ein ganzes Sortiment an Schrauben in den Beinen. Weil Metalldetektoren Alarm schlagen würden, hat Beer jetzt einen Implantatpass, sonst käme er nie mehr an Bord eines Flugzeugs.
Der entscheidende Unterschied: Unfall- oder Krankenversicherung?
Beers Unfall geschah praktischerweise vor einer Feuerwache. Der Rettungswagen war schnell da und brachte ihn ins Krankenhaus nach Rüsselsheim. Am nächsten Tag wurde er in die Frankfurter Unfallklinik verlegt, wo er insgesamt sechs Monate verbrachte.
Beers Glück: Sein Unfall geschah auf dem Heimweg von der Arbeit. Damit war die Unfallversicherung zuständig und nicht die Krankenkasse. Um den Patienten wieder arbeitsfähig zu machen, werde der sogenannte Wegeunfall «mit allen geeigneten Mitteln» behandelt. «In der gesetzlichen Krankenversicherung gilt das Wirtschaftlichkeitsgebot», erklärt Prof. Klug.
Beer bekam nicht nur sofort eine Reha - die Reha war auch in der BGU. Die Ärzte haben den Patienten damit ständig weiter im Blick. «Das hat sehr geholfen, dass ich jetzt schon so weit bin», sagt Beer. Zu Beginn der Reha saß er im Rollstuhl, heute braucht er nicht mal mehr Gehhilfen.
Prognose: Arbeitsfähig April 2027
Aber er kann nicht länger sitzen, die Beine nicht vollständig strecken und beugen, nicht hüpfen oder rennen. Für jemanden wie Beer, der vor dem Unfall immer viel Sport gemacht hat und noch heute sehr durchtrainiert aussieht, war das «eine herbe Umstellung».
Arbeiten kann der Speditionskaufmann aber noch nicht. Die Metallplatte macht Ärger, bei der nächsten OP wird sie entfernt. Ohne Schmerzmittel geht es nur selten. Die Prognose für seine Rückkehr in den Beruf lautet April 2027.
Deutlich höheres Risiko
«Im Vergleich zu anderen Verkehrsteilnehmern sind Motorradfahrerinnen und -fahrer besonders gefährdet», sagen die Fachleute vom ADAC. Auf Basis der durchschnittlichen Fahrleistungen hätten motorisierte Zweiräder ein vierfach höheres Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein. Die Verunglücktenrate - also die Zahl der Verunglückten je eine Milliarde gefahrene Kilometer - ist sogar siebenmal so hoch, wie eine ADAC-Analyse 2023 ergab.
2.023 Menschen sind nach Angaben des Statistischen Landesamtes 2025 in Hessen auf einem Kraftrad verunglückt. 37 von ihnen kamen bei dem Unfall ums Leben. Das geht aus der jüngsten Unfallstatistik der Behörde hervor. 2024 hatten rund 1.900 Motorradfahrer in Hessen einen Unfall erlitten. 41 von ihnen kamen ums Leben.