Sprache

Von Äbbelwoi bis Zores - Hessisch steht für Vielfalt

Hessisch ist nicht gleich Hessisch: Von Dorf zu Dorf klingt die Mundart anders. Was den Dialekt so vielfältig macht und warum er heute wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Die hessischen Dialekte zeichnen sich vor allem durch ihre große Vielfalt aus, sagt der Sprachwissenschaftler und Dialektforscher Alfred Lameli. (Foto Archiv) Foto: Arne Dedert/dpa
Die hessischen Dialekte zeichnen sich vor allem durch ihre große Vielfalt aus, sagt der Sprachwissenschaftler und Dialektforscher Alfred Lameli. (Foto Archiv)

Marburg (dpa/lhe) - Mal schnodderig und nuschelig, mal gemütlich und bisweilen rustikal - so klingt der hessische Dialekt für viele Menschen in- und außerhalb des Bundeslandes. Doch das Hessische schlechthin gibt es eigentlich gar nicht, wie der Sprachwissenschaftler und Dialektforscher Alfred Lameli vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Marburger Philipps-Universität sagt. Das Charakteristische am Hessischen sei seine Vielfalt - selbst von Dorf zu Dorf klinge die Mundart unterschiedlich. Davon dürft auch der Hessische Mundart-Preis zeugen, der am Abend von Hessens Heimatminister Ingmar Jung (CDU) im Marburger Lokschuppen verliehen wird.

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Zwei Sprachräume bestimmen hessische Dialekte

Die großen regionalen Unterschiede beruhen auf historischen und sprachlichen Entwicklungsprozessen, aber auch auf der geografischen Lage Hessens mitten in Deutschland, sagt Lameli. Im heutigen Hessen träfen die beiden großen Sprachräume des Niederdeutschen aus dem Norden Deutschlands und des Hochdeutschen aus südlichen Regionen aufeinander, das wiederum in das Mittel- und Oberdeutsche untergliedert sei. Das prägt auch die hessische Mundart: Während sie in nördlichen Landesteilen eher niederdeutsch klinge und den germanischen Dialekten ähnele, habe sich das Hessische weiter südlich im Laufe der Zeit an das Hochdeutsche angeglichen. Hinzu kamen Einflüsse aus anderen Sprachen wie dem Jiddischen oder Französischen.

Tempo der Sprachentwicklung regional unterschiedlich

Auch die Urbanisierung habe stark zur unterschiedlichen Entwicklung der Dialekte beigetragen, sagt der Sprachwissenschaftler. In eher ländlichen Regionen wie dem Lahn-Dill-Kreis etwa, der für seinen ausgeprägten R-Laut bekannt ist, hielten sich sprachliche Phänomene stabiler als im städtischen Rhein-Main-Gebiet. Deutlich zu beobachten sei aber überall, dass viele Menschen ihren jeweiligen Dialekt eher im privaten Umfeld anwenden als am Arbeitsplatz und in der Schule. Dort werde meist eine Standardsprache gesprochen. 

Das war in früheren Zeiten nicht so, wie Lameli verdeutlicht. Jahrhundertelang sei die Landwirtschaft das größte Arbeitsfeld gewesen, daher habe sich im jeweiligen Dorf das gesamte Leben abgespielt. Mehr Vielfalt im Arbeitsleben habe später auch zu neuen Kommunikationssituationen geführt - «in denen man darauf angewiesen ist, auch überregional verstehbar zu sein», so Lameli. 

Mundart-Preis soll für mehr Aufmerksamkeit sorgen

Zur Wahrnehmung des Hessischen habe auch die mediale Präsenz von TV-Sendungen beigetragen. Mehr Aufmerksamkeit soll dem Dialekt jetzt auch durch die Verleihung des Mundart-Preises zuteil werden, was der Sprachwissenschaftler ausdrücklich begrüßt. Dialekte stifteten nicht nur Identität, sondern machten Sprache auch kreativer und stünden für sprachliche Teilhabe.

Sprachführer mit Vokabeln wie Bobbes und Gosch

Wer die Preisträger des mit insgesamt 8.000 Euro dotierten diesjährigen Mundart-Preises sind, will das hessische Heimatministerium vorher noch nicht verraten. Aber wer sich schon einmal einstimmen will, kann auf der Seite der hessischen Landesregierung schmökern: Vom obligatorischen Äbbelwoi (Apfelwein) über Bagaasch (Anhang, Gruppe, Gesindel) und Bobbes (Po, Hintern) über dormelisch (schwindlig) und Gosch (Mund) bis hin zu Kabbes (Unsinn) und dem eigentlich aus dem Jiddischen stammenden Zores (Ärger, Streit, Durcheinander) hält der «Kleine Sprachführer Hessisch für Anfänger» einige unverzichtbare Vokabeln des Hessischen bereit - nebst Übersetzung.