Gefahr im Glas

Welche schockierende Erfahrung ein Laudenbacher mit K.o.-Tropfen gemacht hat

Stefan Kohl aus Laudenbach berichtet über seine beängstigende Erfahrung mit K.o.-Tropfen. Sie zeigt, wie schnell ein harmloser Abend gefährlich werden kann.

K.o.-Tropfen sind geschmacksneutral, farb- und geruchlos – und extrem gefährlich. Bereits nach wenigen Stunden sind sie im Körper kaum noch nachweisbar. Foto: Amelie Michel
K.o.-Tropfen sind geschmacksneutral, farb- und geruchlos – und extrem gefährlich. Bereits nach wenigen Stunden sind sie im Körper kaum noch nachweisbar.

Region. Discolichter, klirrende Biergläser, ausgelassene Stimmung – für Stefan Kohl sollte es ein ganz normaler Partyabend in Mannheim werden. Gemeinsam mit zwei Freundinnen betrat er gegen 20 Uhr eine Bar im Vergnügungsviertel Jungbusch. "Am Anfang war dort echt gar nichts los", sagt der Laudenbacher. Gemeinsam mit seinen Begleiterinnen bestellte er zwei Weinschorlen.

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Doch dann kippte die Situation schlagartig. "Es war, als ob ein Schalter umgelegt wurde", beschreibt Kohl den Moment: "Ich verlor komplett die Kontrolle und konnte mich gerade noch auf die Toilette schleppen, um mich zu übergeben." Was danach geschah, weiß er nur aus Erzählungen seiner Freundinnen – seine eigenen Erinnerungen bestehen lediglich aus schemenhaften Fragmenten.

"Ich war wie im Schlaf"

Der Rettungsdienst wurde gerufen und versorgte ihn vor Ort, bevor er in die Obhut seines älteren Bruders übergeben wurde. "Er hat mir am nächsten Tag erzählt, dass ich wie im Schlaf war. Ich wollte auf Fragen antworten, brachte aber nur einzelne Töne heraus", berichtet der 21-Jährige. Die Sanitäter schlossen übermäßigen Alkoholkonsum schnell aus. Für sie war klar: Hier waren Betäubungsmittel im Spiel. Erbrechen, Schwindel, Erinnerungslücken – Kohls Symptome deuteten auf die Verabreichung von K.o.-Tropfen hin.

Diese Substanzen versetzen Menschen in einen willenlosen und hilflosen Zustand. Täter setzen sie gezielt ein, um sexuelle Übergriffe oder andere Straftaten wie Diebstahl zu begehen. Während Clubs und Festivals oft als typische Tatorte gelten, kommen solche Taten auch auf privaten Feiern, betrieblichen Partys oder Dates vor. In vielen Fällen kennen die Betroffenen die Täter – oft sind es sogar Freunde oder Bekannte.

Flüssig, farb- und geruchslos

Zu den gängigsten Wirkstoffen zählen GHB ("Liquid Ecstasy"), GBL (eine Vorstufe von GHB), Benzodiazepine, Chloralhydrat und Barbiturate. Auch Ketamin wird gelegentlich verwendet. Meistens werden die Substanzen unbemerkt in Getränke gemischt, da sie farblos und geschmacksneutral sind.

In selteneren Fällen werden sie als Pulver, Kapseln im Essen verabreicht. Ein neueres Phänomen ist das sogenannte "Needle Spiking", bei dem die Mittel per Spritze injiziert werden – oft in dichten Menschenmengen auf Festivals oder in Clubs.

Erste Symptome etwa 15 Minuten nach der Einnahme

"Etwa 15 Minuten nach der Einnahme tritt die Wirkung ein und kann bis zu vier Stunden andauern", erklärt Benjamin Hommertgen, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notfallambulanz in der GRN-Klinik Weinheim. Dort werden jährlich drei bis vier Patienten mit Verdacht auf K.o.-Tropfen behandelt.

"Im Blut sind GHB/GBL maximal sechs Stunden, im Urin bis zu zwölf Stunden nachweisbar," sagt Hommertgen. Deshalb sei schnelles Handeln entscheidend. Bleibt der Nachweis aus, werden Betroffene an die klinisch-forensische Ambulanz des Universitätsklinikums Heidelberg verwiesen.

Der versehentliche Konsum dieser schädlichen Substanzen ist keinesfalls ungefährlich: "Eine Überdosierung oder die Kombination mit Alkohol kann lebensgefährlich sein", warnt Hommertgen. Doch besonders belastend ist für viele Opfer die Ungewissheit über das Geschehene – erst recht, wenn Erinnerungsfetzen auf eine Straftat hindeuten.

Zunehmende Fälle, hohe Dunkelziffer

Neben den gesundheitlichen Folgen sind auch die strafrechtlichen Aspekte besorgniserregend: Laut einer Anfrage der CDU-Landtagsfraktion an das Innenministerium Baden-Württemberg erfasste die Polizei 2024 insgesamt 171 Straftaten im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen – ein Anstieg im Vergleich zu 160 Fällen im Vorjahr und 98 im Jahr 2021. Meist handelt es sich dabei um Körperverletzungs- und Rauschgiftdelikte. Auch die Zahl der registrierten Opfer stieg auf 162, darunter 129 Frauen.

Auf regionaler Ebene zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Zwischen 2019 und 2023 wurden im Rhein-Neckar-Kreis acht Fälle polizeilich erfasst – die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher sein. "Viele Opfer erstatten keine Anzeige, oft aus Scham oder weil sie sich an nichts erinnern," erklärt das Polizeipräsidium Mannheim auf Anfrage.

Ein Vorfall, der nachdenklich macht

Für Stefan Kohl ging jene Nacht vergleichsweise glimpflich aus. "Ich gehe offen mit meiner Erfahrung um – wahrscheinlich, weil ich nie das Gefühl hatte, ein potenzielles Ziel zu sein." Er glaubt, dass die Substanzen gar nicht für ihn bestimmt waren.

"Wir hatten uns am Anfang des Abends mit einer Gruppe Jungs angefreundet. Einer von ihnen zeigte starkes Interesse an meiner Freundin", erzählt er. "Wir haben uns ein Getränk geteilt. Ich trank den Rest aus, nachdem es eine Weile unbeobachtet an der Bar stand." Mittlerweile ist er vorsichtiger, wenn er mit Freunden unterwegs ist.

"Ich achte viel mehr auf verdächtige Menschen in meiner Umgebung," betont Kohl. "Und ich passe darauf auf, dass niemand etwas trinkt, das längere Zeit unbeaufsichtigt war."