Drogen-Werbung mit Gratisprobe, Visitenkarte und Sticker
Mit immer neuen Methoden suchen Drogenhändler nach Kundschaft. Koks-Taxis und bunte Aufkleber der Dealer sind nur einige davon.
Berlin (dpa) - Zügig geht der junge Mann zwischen den gut besetzten Tischen einer bekannten Kneipe in Berlin-Neukölln hindurch. Auf jeden Tisch lässt er zwei oder drei bunte Kärtchen in der Größe einer Visitenkarte fallen, nach ein oder zwei Minuten verschwindet er wieder in den Sommerabend. Manche Gäste ignorieren die Karten, andere greifen mäßig interessiert danach.
Die Karte zeigt eine bunte Zeichnung: Zwei junge Frauen und ein Mann mit Sonnenbrillen und Geldbündeln, davor auf einem Tisch Geld, Tabletten, bunte Pillen, Päckchen. «Cocaine, Weed; Hash, Speed, Ketamine, XTC, MDMA» lautet die Liste am Rand. Auf der Rückseite: «Diskret und schnell». Dazu ein QR-Code und eine WhatsApp-Nummer.
Lieferung erfolgt per Auto an Straßenecken
Schon länger kursieren solche Verkaufsangebote von Drogendealern in Berlin und anderen Städten. Verteilt werden sie in Kneipen oder Clubs, auf Straßenfesten und bei Festivals. Der Kontakt läuft über Chatkanäle wie Whatsapp und Telegram. Meldet man sich bei einem Profil, kommt eine schnelle Antwort: «Hi, wie darf ich dir helfen :)» Die Lieferung erfolgt per Auto an Straßenecken.
Und die Werbemethoden der Dealer werden immer dreister. Neben Visitenkarten, Flyern in Lifestyle-Inszenierung in Briefkästen und Aufklebern mit QR-Codes an Laternenmasten in Berlin und Hamburg wurden Werbepäckchen mit Gratisproben verschiedener Drogen gefunden. Im Juli warnte die Berliner Polizei: «Drogen im Briefkasten! Das passiert aktuell in Berlin.» Dazu stellte sie ein Foto von einem Kunststoff-Päckchen mit bunten Symbolen.
«In den Päckchen befinden sich Kokain, Ecstasy, Ketamin, Haschisch, Marihuana oder 3-MMC. Leider sprechen die bunten Päckchen vor allem Kinder an. Deswegen sollten gerade Eltern aktuell besonders vorsichtig sein», heißt es weiter. Und: «Auf keinen Fall öffnen.» Die Polizei betont: «Es ist verboten, Werbung für Drogen zu machen. Es ist verboten, sich auf Anzeigen dieser Art zu melden.»
Nicht nur ein Großstadt-Phänomen
Der moderne und internetbasierte Drogenhandel beschränkt sich nicht nur auf die Metropolen. In der Region zwischen Darmstadt in Hessen und dem Rhein-Neckar-Gebiet Richtung Stuttgart verteilten Drogenhändler ebenfalls Flyer. «Das Phänomen ist auch in Baden-Württemberg bekannt», erklärt das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart.
«So wurde beispielsweise ein verdächtiger QR-Code an einem Lichtmast festgestellt, der zu einem "Shop" in einem Messenger-Dienst führt», so das LKA. «In einem weiteren Fall wurden Flyer in polnischer Sprache, in den Briefkasten einer Arbeiterunterkunft eingeworfen.»
In Werbevideos auf Plattformen wie Telegram werden Pulver und Tabletten ästhetisch inszeniert. Auf den Visitenkarten stehen auch die Preise: «Coco Drugs Delivery. Minimum Order 60 Euro.» Auf der Rückseite stehen die Preise: Weed (Marihuana) 5 g/50 Euro, High Quality Coke (Kokain) 88,2 % 0,5 g/50 Euro.
Internet ist Kontakt- und Vertriebsort
«Der illegale Betäubungsmittelhandel orientiert sich maßgeblich an der bestehenden Nachfrage», stellt die Berliner Polizei fest. «Die Täter bedienen sich dabei der Kommunikationswege, die von der jeweiligen Zielgruppe genutzt werden.» Mit anderen Worten: Das Internet hat die Kneipe oder Straße als Kontakt- und Vertriebsort abgelöst.
Die Berliner Landessuchtbeauftragte Heide Mutter nennt diese Entwicklung «äußerst besorgniserregend», da die niedrige Hemmschwelle zu einer Normalisierung des Konsums beitrage und besonders für Kinder und Jugendliche problematisch sei. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Hamburg kritisiert, die organisierte Rauschgiftkriminalität nehme offenbar keine Strafverfolgung durch Polizei und Staatsanwaltschaft mehr wahr.
Beobachter fragen sich, warum die Polizei nicht einfach Drogen bestellt und dann den Lieferanten festnimmt. «Unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen kann die Polizei Berlin einen Scheinkauf durchführen», hieß es dazu. Konkret wolle man solche Maßnahmen aber aus «ermittlungstaktischen Gründen» nicht erläutern.
Das eigentliche Ziel: die Hintermänner
Nach der Gesetzeslage darf die Polizei bei Scheinkäufen vor allem nicht zu höheren Mengen oder neuen Sorten drängen. Eigentliches Ziel der Polizei seien gar nicht die Lieferanten, also die Fahrer der sogenannten Koks-Taxis, sondern die Hintermänner des Drogenhandels, sagen die Fahnder in Berlin.
Tatsächlich fasst die Polizei in Berlin jede Woche einige der zahlreichen Dealer, die mit Tütchen und Döschen voller Marihuana, Koks und Ecstasy durch die Stadt fahren. Genauso schnell werden sie durch neue junge Männer ersetzt, die Geld brauchen. Neben der «konsequenten Strafverfolgung» sei daher die Prävention wichtig, um junge Menschen von Drogen fernzuhalten.
Höchst gesundheitsschädlich sind in Berlin verkaufte Drogen nicht nur wegen der Rauschgiftanteile, sondern auch wegen der Beimischung unbekannter Substanzen. Das ist eine beliebte Methode der Dealer, um die Menge zu vergrößern und die Gewinne zu erhöhen. Beim vor drei Jahren eingeführte Berliner Projekt Drugchecking können Konsumenten anonym und kostenlos Proben analysieren lassen.
«Verunreinigung, Lebensgefahr»
Das Ergebnis ist deutlich: Von 5.310 Rauschgift-Proben - vor allem Partydrogen wie verschiedene Amphetamine, darunter auch Ecstasy, Kokain und auch LSD - waren knapp die Hälfte (49 Prozent) auffällig. Sie enthielten gefährliche Zusätze oder zu hohe Dosierungen, es gab Verunreinigungen mit unbekannten Substanzen und falsche Bezeichnungen.
So heißt es bei manchen Drogen, die Risiken, die sich aus Wechselwirkungen mit anderen beigefügten Stoffen ergeben, seien nicht absehbar. «Vom Konsum wird abgeraten.» Bei einer kürzlich eingereichten Kokain-Probe steht die Warnung: «Verunreinigung, Lebensgefahr.» Und zusammenfassend schreiben die Experten: «Der Konsum von psychoaktiven Substanzen ist immer mit gesundheitlichen Risiken verbunden.»