In zehn Kommunen werden Fairteiler-Schränke aufgestellt
Lebensmittel nicht einfach wegwerfen. Kooperation mit Lern-Praxis-Werkstatt Weinheim
Martin Buber hätte er bestimmt gefallen, der neue „Fairteiler-Schrank“, der am Dienstag in der unmittelbaren Nähe seiner Statue aufgestellt wurde. Auf dem Platz – dort, wo die Kellereigasse in den Graben mündet – kann man ab sofort noch haltbare Lebensmittel deponieren, die man selbst nicht mehr braucht, über die sich andere aber noch freuen. Es ist der erste von zehn Fairteiler-Schränken, die in ebenso vielen Kommunen im Wirkungsgebiet der Sparkassenstiftung Starkenburg in Kooperation mit Foodsavern von Foodsharing sowie mit der Lern-Praxis-Werkstatt Weinheim platziert werden sollen.
Es ist ein schöner Anblick auf dem Platz um das Buber-Denkmal. Einer, der ein wenig an das Erntedankfest mit seinen reichen Gaben erinnert: Brötchen, Kräppel, Salat, Gurken, Chicorée, Salat und Bananen liegen auf einer Bank. Im nagelneuen Fairteiler-Schrank warten Schokolade, Brotbackmischungen, Tütensuppen, noch mehr Obst und Gemüse und vieles mehr auf Menschen, die die Lebensmittel mit nach Hause nehmen und verarbeiten.
Von privat an privat
Doch man kann sich nicht nur Lebensmittel aus dem Schrank mitnehmen, man darf dort auch welche deponieren. Hier sollen Nahrungsmittel von privat an privat weitergegeben werden. Wer vor der Fahrt in den Urlaub noch zu viel von einem Lebensmittel daheim hat, wer von der Ernte im eigenen Garten etwas abgeben möchte oder wer etwas gekauft hat, das dann doch keiner essen möchte, der soll das künftig nicht mehr in die Tonne kloppen, wie man so schön sagt, sondern es anderen zugänglich machen. Tafeln sowie alle anderen lebensmittelabgebenden Organisationen wie etwa die Heppenheimer Suppenküche haben bei allen zuliefernden Lebensmittelgeschäften und Bäckereien übrigens Vorrang.
Ganz wichtig: Foodsharing ist keine soziale Organisation. Die Lebensmittel im Fairteiler-Schrank werden bedingungslos allen Menschen zugänglich gemacht. „Wir verstehen uns als umweltpolitische Vereinigung und unterscheiden nicht zwischen Arm und Reich“, so die Foodsharer während der Einweihung des Schrankes. Man wolle ein Bewusstsein schaffen dafür, was jeden Tag an Essbarem weggeworfen werde. Jeder darf zugreifen. Es geht hier nicht um Bedürftigkeit, sondern vielmehr darum, Leckeres zu retten.
1,3 Milliarden Tonnen in der Tonne
Rund vier Milliarden Tonnen Lebensmittel werden weltweit jedes Jahr produziert, davon werden sage und schreibe 1,3 Milliarden Tonnen verschwendet. In den Industriestaaten sind 40 Prozent davon noch völlig genießbare Lebensmittel, die im Müll landen, weggeworfen von Lebensmittelhändlern, Zwischenhändlern, Produzenten und Gastronomen. Aber auch in privaten Haushalten wird viel zu viel entsorgt, was man noch essen könnte. Zwei Drittel der gesamten Menge an verschwendeten Lebensmitteln könnten durch Engagement von Lebensmittelbetrieben, Foodsavern und Privatpersonen eingespart werden. Ziel der Foodsharer weltweit ist es, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Das Projekt stelle die Gemeinschaft in Heppenheim in den Vordergrund, sagt Erste Stadträtin Christine Bender. Viele waren gekommen, um die neue Errungenschaft einzuweihen. Viele sind auch nötig, damit das Vorhaben eine Zukunft hat. Es ist ein Projekt, das viele Gewinner hat: „Wir tun was für andere Menschen, für die Umwelt und den Umweltschutz“, unterstreicht Bender.
2023 hatte Andrea Haaf von der Sparkassenstiftung das erste Mal in Mörlenbach einen Fairteiler-Schrank gesehen. „Ich war sofort Feuer und Flamme“, erzählt sie. Und so machte sie es zu ihrem „Herzensprojekt“. Schnell reifte der Plan, zehn dieser Schränke zu finanzieren. Jeder einzelne Schrank entsteht in 140 Arbeitsstunden in reiner Handarbeit. Er ist das ausgetüftelte Ergebnis vieler Überlegungen. Schließlich muss er bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um vom Veterinäramt abgenommen zu werden. Für die Türen und die Außenverkleidung wurde robustes heimisches Lärchenholz verwendet. Der Innenkorpus besteht aus witterungsbeständigen und wasserfesten Siebdruckplatten. Für den Dachbelag wurde zu Zinnblech gegriffen, das mit Schiefer verkleidet wurde. Darüber hinaus gibt es eine solarbetriebene Lüftung, pflegeleichte Ablagen sowie ein stabiles Gestell aus Stahlrohr. Der Schrank schließt magnetisch. Die Schränke werden von Jugendlichen in der Lern-Praxis-Werkstatt Weinheim in Handarbeit angefertigt. Der Schrank ist ein Unikat.
Es ist nicht damit getan, einfach einen Schrank irgendwo hinzustellen und darauf zu hoffen, dass irgendjemand Lebensmittel dort hineinstellt. Das Ganze erfordert ein hohes Maß an ehrenamtlichem Einsatz. In Heppenheim kümmert sich Ingrid Janzen mit ihrem Foodsharing-Aktivisten-Team darum, dass der Schrank bestückt wird. Sollte er einmal leer sein, wird so schnell als möglich nachgefüllt.