Kultur

El Scorcho in Birkenau: Die dunkelste Seite der Macht 

Der in Darmstadt lebende Künstler El Scorcho stellt seine Leuchtkästen noch bis zum 10. Mai in der FOX Lounge in Birkenau aus.

Cooler Typ: El Scorcho, wie er sich nennt, stellt seine Leuchtkästen in der FOX Lounge in Birkenau aus. Die Ausstellung dauert noch bis zum 10. Mai. Foto: Fritz Kopetzky
Cooler Typ: El Scorcho, wie er sich nennt, stellt seine Leuchtkästen in der FOX Lounge in Birkenau aus. Die Ausstellung dauert noch bis zum 10. Mai.

Birkenau. Keine Frage: Man muss die Werke von El Scorcho nicht mögen. Vielleicht findet sie der eine oder andere verstörend oder sogar abstoßend. Wer sich aber darauf einlässt, die Leuchtkästen auf sich wirken lässt, der taucht ein in eine faszinierende Welt der Abgründe und des Horrors. Das Thema Macht spielt in den Werken des Wahl-Darmstädters eine zentrale Rolle, die Macht von ihrer dunkelsten Seite: brutal, menschenverachtend, männlich.

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Es ist ein Heimspiel für den 51-jährigen gebürtigen Birkenauer, als er zur Vernissage in die FOX Lounge am Platz La Rochefoucauld einlädt. Klassenkameraden von früher sind da, Bekannte, aber auch einfach an Kunst interessierte Menschen, die sich selbst ein Bild von einem außergewöhnlichen Mann und seinen Werken machen wollen. Wie immer trägt er kurze Hosen, ein Basecap mit der Aufschrift „King Shit Of Fuck Mountain“ und eine Sonnenbrille, die er später aber ablegt. Sein blaukariertes Hemd trägt er ganz leger über einem T-Shirt.

Ein zwölfminütiger Kurzfilm erleichtert den Gästen, ein Gefühl für die Kunst des ehemaligen Comic-Zeichners zu bekommen. Der Film besteht aus einer scheinbar wahllosen Aneinanderreihung der Elemente, wie sie auch auf den Leuchtkästen zu sehen sind. Außerirdische übernehmen die Macht. Beeindruckend ist zum Beispiel die Sequenz, in der ein älteres Anwesen gezeigt wird. Liebevoll hergerichtet präsentiert sich das Haus, ein gepflegter Garten.

Plötzlich taucht ein UFO auf

Der Zuschauer könnte die Szenerie eigentlich als romantisch empfinden, würde nicht Sekunden später ein UFO auftauchen, das über eine Straßenflucht fliegt und nichts Gutes verheißt. Riesige Insekten, ein Clownsgesicht, das eher Schrecken als Spaß verbreitet, Aliens, die den Tod des amerikanischen Präsidenten verkünden, ein riesiger Haufen von Exkrementen, umschwirrt von einer Fliege. Unterlegt ist das Ganze mit Musik und einem Erzähler aus dem Off.

Erzähler – das ist El Scorcho auch, eine Rolle, die seine Werke für ihn übernehmen. Einer der Leuchtkästen zeigt zum Beispiel eine Collage von Figuren, die nur auf den ersten Blick wie willkürlich angeordnet erscheinen. Eine nackte Frau, deren Brüste und Hintern dem Betrachter als Erstes ins Auge springen. Erst bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass sich die Frau auf einem dreiköpfigen Rieseninsekt räkelt. Tritt der Betrachter einen Schritt zurück, erkennt er, dass das Insekt selbst auf einer Vielzahl von Alienköpfen ruht. Darunter ist ein kleiner Mann mit einer gespaltenen Oberlippe zu sehen. Oder ist es kein Spalt, sondern eher ein schmales Bärtchen?

Immer hochpolitisch

Der Künstler bestätigt: „Ja, das ist Hitler. Er kommt in vielen Bildern von mir vor.“ Aber nicht nur er sieht sich von El Scorcho verewigt. Ist das nicht Trump? Und ist das nicht Putin? Tagespolitisch sind seine Werke nicht, dafür aber stets hochpolitisch. „Seit dem Golfkrieg 1990/91 gab es immer wieder Gestalten, die komplett durchgeknallt sind.“ Der Künstler nennt Gaddafi, Saddam, Assad. Und heute? „Putin, Kim Jong-un, Trump“, sagt er, ohne überlegen zu müssen – womit wir wieder bei der dunklen Seite der Macht wären.

Ein sich wiederholendes Element seiner Bilder ist der Phallus, ein nicht gerade schmeichelhaftes Symbol einer zweifelhaften Männlichkeit. Dann sind da noch die Ausgestoßenen, die Freaks, die Missgestalteten, die Kaputten, die, mit denen „etwas nicht stimmt“, wie man in früherer Zeit wohl gesagt hätte. „Denen hat man früher eine Kappe aufgesetzt, ihnen ein Kostüm angezogen und sie zu Hofnarren gemacht.“ Gerade sie hätten ein ganz besonderes Verhältnis zur Macht gehabt.

Ein weiteres Bild zeigt King Kong, der einen Korb voller Obst auf einen riesigen Penis wirft. Darüber ist wieder das UFO zu sehen. Das U in UFO steht bekanntermaßen für unbekannt, hier könnte es auch „ungeklärt“ bedeuten. Erst bei näherem Hinsehen sind zwei im Vergleich winzige Männer zu sehen, von denen der eine den anderen gleich vom Dach eines Hauses – die ganze Szene spielt auf Hausdächern – stoßen wird. El Scorcho verweist auf einen Fall in den USA, der sich in den 1950er-Jahren ereignet hat. Frank Olsen, ein US-Wissenschaftler und CIA-Mitarbeiter, der angeblich auch an der Forschung über B-Waffen beteiligt war, starb, kurz bevor er seinen Dienst quittieren wollte, durch einen Sturz aus dem Fenster eines Hotels – die näheren Umstände sind bis heute nicht geklärt.

Im Obergeschoss der FOX Lounge sind noch eine ganze Reihe weiterer Leuchtkästen installiert. Die Ausstellung ist bis zum 10. Mai zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.