So perfide sind die Maschen der Betrüger aktuell im Weschnitztal
Sie wollen vor allem eines: an das Geld ihrer Opfer. Gauner überrumpeln im Zweifel sogar jüngere Leute - zwei Polizistinnen klären auf.
Es klingelt, und vor der Tür steht eine Unbekannte. „Ich wollte zu Ihrer Nachbarin, aber sie ist nicht da“, sagt die Frau, völlig erschöpft vom Treppensteigen. „Es geht schon“, japst sie, wirkt aber, als würde sie gleich umkippen. Also bietet ihr die Wohnungsinhaberin ein Glas Wasser an. Während sie es in der Küche holt, macht sich die Fremde blitzschnell auf die Suche nach Wertgegenständen. Erst, als sie die Wohnung verlassen hat, fällt der Diebstahl auf.
Normalerweise würde es für eine solche Szene keinen Applaus geben, doch an diesem Nachmittag ist das anders. Oberkommissarin Annika Netzer und Hauptkommissarin Stephanie Hellermann-von Serkowski, Schutzfrauen vor Ort, halten im Begegnungszentrum einen Vortrag, und dabei geht es auch um den „Glas-Wasser-Trick“, den sie mit verteilten Rollen darstellen.
Sie sind zu Gast bei den „Silberperlen“, in deren Namen Ursula Janitschka Danke sagt für die Möglichkeit, die Räume kostenlos nutzen zu dürfen. Die Idee für den Vortrag hatte Helga Ullmann, die auch den Kontakt zu den Ordnungskräften herstellte. „Es geht heute um Fallstricke, die uns im Alter begegnen können“, erklärt sie eingangs. Die Resonanz ist gut, 38 Besucher sind da, die „Silberperlen“ holen weitere Stühle, damit der Platz für alle reicht.
Wucher und falsche Handwerker
Die Beamtinnen sind in Lorsch, Einhausen und im Weschnitztal unterwegs in Sachen Prävention, und Hellermann-von Serkowski erklärt: „Ich bin oft überrascht und erstaunt, dass die Leute so gutgläubig und gutherzig sind. Sie wollen helfen und werden Opfer von Straftaten.“ Als sie fragt, wer selbst schon Erfahrungen mit Betrug gemacht habe, heben sich zaghaft einige Hände, doch im Laufe des Nachmittags tauen viele Anwesende auf, schildern teils dramatische Vorfälle.
Ein Mann berichtet, dass seine Mutter schon mit Enkeltrickbetrügern und falschen Handwerkern zu tun hatte: „Sie sind herumgelaufen und haben uns gezeigt, was angeblich alles kaputt wäre. Nichts davon hat gestimmt.“ Eine ältere Frau erinnert sich, wie sie Opfer von Wucher wurde; ein Schlüsseldienst, gefunden im Internet, verlangte 500 Euro für seine Arbeit. Da steht der Mann erneut auf: „Ich habe selbst einen Schlüsseldienst in Rimbach und weiß, dass es viele schwarze Schafe gibt, unter denen die Branche leidet. Mehr als 95 Euro sind das Höchste, was verlangt werden darf.“
In beiden Fällen haben die Täter im Sinn, das Opfer zu überrumpeln und zum Bezahlen von viel Geld zu bewegen. Netzer bemerkt nüchtern: „Es geht darum, Sie um Ihr Geld zu bringen.“
Weil der Raum zu hell ist, um die mitgebrachten Filme zu zeigen, disponieren die Fachfrauen um, nennen sich scherzhaft „Laienspieltruppe des Heppenheimer Präsidiums“ und stellen die verschiedenen Einspieler kurzerhand selbst dar. Wie auch diesen: „Hallo, Oma, ich bin‘s“, schallt es aus dem Hörer. Die Angerufene ist verwirrt und rät: „Stephanie?“
„Ja“, kommt die Antwort, und auf die verwunderte Frage, warum die vermeintliche Enkelin so anders klinge, kommt die Frau am anderen Ende der Strippe auch gleich zur Sache: Sie sei verletzt, habe einen Unfall gehabt und müsse jetzt 5000 Euro zahlen.
Kurze Telefonnummern
„Oh Gott, oh Gott“, ruft die besorgte Großmutter und versichert der „lieben Stephanie“, dass sie immer auf die Oma zählen könne. Das Szenario ist vielen in der Runde bekannt und auch, dass nun eine „Freundin“ angekündigt wird, die die Summe abholt. Netzer unterbricht: „Was ist da passiert?“ Vielen Opfern sei im Nachgang nicht mehr klar, dass sie selbst es waren, die den Tätern Informationen gegeben, den Namen der Enkelin genannt haben. Die Hauptkommissarin ergänzt: „Die Täter ziehen sich die Informationen aus dem Gespräch. Die Leute sind geschult.“ Oft würden die Angerufenen aus dem Telefonbuch herausgesucht; „alte“ Vornamen wie Hannelore, Elfriede, Gudrun sind ein Kriterium, außerdem kurze Nummern, sagt die Oberkommissari: „Denn das sind ,Ureinwohner‘.“ Oder zumindest Menschen, die schon lange unter diesem Anschluss zu erreichen sind.
Hellermann-von Serkowski rät, im Gespräch nichts preiszugeben: „Je länger man mit ihnen redet, desto mehr verrät man. Besser, man sagt, dass man gleich zurückruft und dann das Gespräch beendet.“ Auch eine bekannte Nummer sei nicht immer ein Schutz, ergänzt Netzer: Denn über Computerprogramme lasse sich jede beliebige Nummer vortäuschen. Die Polizistinnen erörtern Möglichkeiten, sich eine Geheimnummer zuzulegen; jemand fragt, ob man nicht mit einem falschen Namen auf das Spiel eingehen könne. Doch vor allem empfiehlt Hellermann-von Serkowski, sich an gewisse Regeln zu halten: „Nie über Finanzielles am Telefon sprechen. Niemals Geld an fremde Leute aushändigen.“
Wieder eine gespielte Betrugsmasche. Diesmal geht es um den sogenannten „Schockanruf“. Angeblich ist eine Polizistin in der Leitung, die erklärt, das Haus des Betroffenen sei ins Visier von Einbrechern geraten. Deshalb komme nun ein Kommissar vorbei, um die Wertsachen abzuholen. Die Beamtinnen bauen eine Variante ein: Übergabeort ist jetzt das Amtsgericht. Das klinge ja seriös, bemerkt Netzer, klärt aber auf: „Wir stellen keine Wertsachen sicher. Die müssen Sie schon auf die Bank bringen.“ Mitunter gehört zur Geschichte von den angeblichen Einbrechern auch noch ein perfider Zusatz. „Gucken Sie mal aus dem Fenster“, heißt es dann, „da fährt doch gerade ein Streifenwagen vorbei.“ Das überzeuge auch Zweifler, doch erklärt Netzer, wie einfach und schnell man ein Einsatzfahrzeug in eine bestimmte Straße „bestellen“ kann: indem ein Komplize auf der Wache anruft und einen angeblichen Einbruch meldet.
Zögernd berichtet eine Frau von einer besonders grausamen Variante des Schockanrufs. Jemand meldete sich bei ihr und sagte: „Ihre Tochter liegt gefesselt vor mir auf dem Fußboden. Wenn Sie nicht tun, was ich sage, überlebt sie nicht.“
„Das ist teilweise sehr authentisch“, bestätigt Hellermann-von Serkowski: „Da wird gut geschauspielert, im Hintergrund sind manchmal Schreie zu hören.“ Andere Legenden drehen sich um Verwandte im Krankenhaus, wieder andere Tricks bedienen sich des Internets. Da werden Menschen mit angeblichen Anklagen wegen Kinderpornografie erschreckt – in Wahrheit geht es um Schadsoftware, die man öffnet, wenn man etwas anklickt.
Ob Anrufe oder Internet: Oft würden vierstellige Beträge gefordert, sagt Netzer: Denn Summen in dieser Höhe könnten problemloser überwiesen werden. Nicht alles ist strafbar, erfahren die „Silberperlen“: Manches beginnt als straflose Vorbereitung. Der Versuchstatbestand ist erfüllt, wenn eine Geldforderung eingeht, die Tat ist vollendet, wenn das Opfer tatsächlich gezahlt hat.
Vor der Haustüre warten
Zurück zur Geschichte vom Anfang. Eine Frau ist verwundert: „Ich habe gehört, dass man verpflichtet ist, Leute hereinzulassen.“ Da schütteln die Polizistinnen den Kopf: klares Nein. Wer hinein darf, entscheide der Bewohner. Und selbst wenn die Polizei hinein wolle, brauche sie einen Durchsuchungsbeschluss.
Was nicht heiße, dass man „asozial“ sein müsse, gibt Netzer zu bedenken, und die beiden Frauen zeigen eine Alternative. Es klingelt an der Tür, wieder ist es die Fremde, die zur Nachbarin will. Ein Zettel gefällig? Ein Glas Wasser? Beides bekommt sie. Allerdings muss sie darauf vor der Haustüre warten.
Die „Silberperlen“ sind eine Gruppe Seniorinnen um Ursula Janitschka, die sich alle 14 Tage trifft und auch Veranstaltungen organisiert.