In Fahrenbach herrscht der ganz normale Kerwe-Wahnsinn
Der Umzug im Ortsteil von Fürth glänzt wieder mit einer Fülle an ideenreichen und spektakulären Nummern. Er hat auch eine Lösung für den Schienenersatzverkehr.
„Ausnahmestand“. Diese Umschreibung wird gerne bemüht, wenn in einem Ort Kerwe gefeiert wird. Nirgendwo sonst ist sie aber wohl so zutreffend, wie in Fahrenbach. Wer am Sonntag in dem Fürther Ortsteil war, der weiß, was ein tatsächlicher Ausnahmezustand ist: Bereits eine Stunde vor dem Start des Kerwezugs gibt es in den Straßen rund um den Lerchenberg kein Durchkommen mehr. Von dort oben wird der Zug später in Richtung Ortsmitte ziehen.
Jetzt mischen sich dort laute Musik, Traktorengeräusche und Stimmengewirr zu einer verheißungsvollen Melange. Motivwagen und Fußgruppen suchen ihren „Startplatz“, die Teilnehmer bestaunen die anderen Nummern, es wird gelacht, Bier und Apfelwein werden gereicht und mit jeder Minute steigt die Vorfreude. Bereits jetzt ist klar: Die ungezählten Schaulustigen werden wieder ein Spektakel erleben, das zumindest im näheren Umkreis beispiellos ist.
Diese Schaulustigen strömen zu diesem Zeitpunkt bereits aus allen Himmelsrichtungen in Richtung Fahrenbach. Am Ende werden sie den Zugweg in Dreier- oder Viererreihen säumen. Und sie werden viel zu erzählen haben im Anschluss: Über eine Stunde lang läuft der Zug an ihnen vorbei, lässt sie lachen und staunen gleichermaßen. Es ist bemerkenswert, welche humorvollen und skurrilen Ideen die Fahrenbacher auch diesmal wieder in die Tat umgesetzt haben.
Von herrlichen Kostümen zur Feier von 100 Jahre Wald Disney, über entschlossene Aktivisten, die sich für ein Glas Ebbelwoi an der Theke festkleben, bis zu herrlichem Klamauk beispielspielsweise bei Uschis menschlichem Autoscooter – die Palette ist groß. Kreativ und ideenreich greifen die Fahrenbacher dabei auch aktuelle Themen auf. Dazu gehört selbstverständlich der gestrige Wahlsonntag. Mit einem mobilen Wahllokal nimmt das Kerwevolk seinen Gästen gerne den Gang zur Urne ab. Es gibt sogar echte Wahlzettel, die allerdings am Ende in der Toilette landen – „alles Sch . . .“. Wahlkampf bis zur letzten Minute betreibt die Initiative „Pro Hanf“ – nicht nur aus qualmenden Kleinbus heraus, sondern auch tanzend und mit ganz speziellen Giveaways.
Auch ernste Themen glossiert
Spektakulär ist die Fahrenbacher Alternative zum Schienenersatzverkehr auf der Straße. Wenn die Weschnitztalbahn schon so lange nicht fährt, dann bietet sich doch die Weschnitz als Alternative an. Dafür wird die Flusshaltestelle nebst Fahrkartenautomat eröffnet, an der Kanus und Schlauchboote festmachen. Für kleine Geldbeutel gibt es die „Holzklasse“ (ein Floss) und besser Verdienende nehmen auf der Weschnitzperle Platz. Ein Dampfschiff in voller Größe, das der Skiclub mal eben auf einen Wagen montiert hatte – Fahrenbach eben.
Die ernsten Themen werden nicht ausgespart: Auf dem Kneipenfriedhof beklagen gestandene Männer das Odenwälder Wirtschaftssterben und den Umstand, dass sie ihr Bier nun „dehoam“ trinken müssen. Und während Berlin einen Löwen nicht von einer Sau unterscheiden, dreht sich diese in Fahrenbach längst im knusprigen Zustand über dem offenen Feuer. Dem Klimawandel versucht das Kerwevolk etwas positives abzugewinnen: Weihnachten bei 30 Grad? Das hat doch was!
Detailverliebte Umsetzung
Es ist auch ein Umzug der Gegensätze: Schauerlich geht es bei der Erschaffung des ersten Odenwälders im Jahr 1855 durch Fra nk. en. Stein zu, dafür sind die Eindrücke von der Fahrenbacher Buga umso schöner, bei der laufende Blumenstöcke die Straße bevölkern. Überhaupt sind es wieder die Kostüme – von schrill über phantasievoll bis aufwendig –, die dem Fahrenbacher Kerwezug eine besondere Note verleihen. Die detailverliebten Vorbereitungen scheinen immer wieder durch und ernten viel Anerkennung. Herrlich skurrile Ergebnisse davon sind unter anderem der überdimensionale Billardtisch mit lebenden Kugeln, die Hochwasserrettung der Baywatch-Crew über eine Rutsche oder die mobile Kita mit Seilrutsche und Schaukel. Nur Beispiele für den über 30 Zugnummern währenden „Fahmescher Woahnsinn“ – im positivsten Sinn.
Dazu gehört auch die musikalische Begleitung: Während der Rimbacher Spielmannszug und die Original Odenwälder Trachtenkapelle mit schmissigen Melodien unterhalten, glänzt die „Strosse Kabell“ als skurrile Marching Band eher mit ausgefallenen Choreografien.
Kerweparrer Florian Jäger und Mundschenk Tim Kapp haben es sich in diesem Jahr feudal eingerichtet: Beim „Dinner for two“ lassen sie sich in der Skybar von der Ein-Mann-Küche ihres Vertrauens verwöhnen. Schließlich brauchen sie alle ihre Kräfte für die anschließende Kerweredd – über die wir noch berichten werden.