Mörlenbach: Symbolischer Startschuss für Tunnelbau - Erste Sprengung für Ortsumgehung B 38a
Mit einem symbolischen Knopfdruck und der ersten Sprengung fiel der Startschuss für den Bau des „Hortense-Tunnels“ – das Herzstück der langersehnten Ortsumgehung B 38a.
Mörlenbach. Als die erste Sprengung für den Tunnel vorbereitet wird, muss man unweigerlich an einen Western denken. Denn genau wie in den alten Filmen gibt es auch jetzt ein Kästchen mit Handkurbel, die von Sprengmeister Peter Makel in Bewegung gesetzt wird. Eine Minute lang herrscht gespanntes Schweigen in der großen Runde der Arbeiter, Gemeindevertreter, Ehrengäste und Honoratioren, während der Apparat leise quietscht. Dann drückt Hortense Kadesch einen Knopf, dem ein kurzer Donner folgt. Am künftigen Eingang steigt eine Rauchwolke nach oben, und dann ist er auch schon getan, der symbolische erste Handschlag an der Baustelle für den Tunnel Berkersklamm in Mörlenbach.
Der Tunnel und die Gesamtmaßnahme
Die Ortsumgehung hat, wenn sie fertig ist, eine Länge von 3,9 Kilometern und kostet rund 215 Millionen Euro.
Die hohen Kosten kommen daher, dass 40 Prozent der Strecke über die Großbauwerke laufen.
Der Tunnel Berkersklamm, der nun „Hortense-Tunnel“ heißt, kostet 31 Millionen plus vier Millionen Euro für die technische Ausstattung. Er ist 380 Meter lang, davon 360 Meter „bergmännisch“.
Verbaut werden rund 15 000 Kubikmeter Beton und 1,6 Tonnen Bewehrungsstahl.
Insgesamt werden 153 000 Kubikmeter Erdmasse bewegt.
Die zweispurige Tunnelröhre bekommt neun Meter hohe Stützbauwerke.
Neben dem eigentlichen Tunnel gibt es noch Betriebsgebäude, Löschwasserbecken und eine Rückhalteeinrichtung.
Der Tunnel soll 2027 fertig werden, mit dem Abschluss der Arbeiten an der gesamten Ortsumgehung rechnen die Verantwortlichen 2029 und damit zwei Jahre später als ursprünglich geplant.
Bis dahin brauchen die Anwohner Geduld und starke Nerven: Hessen Mobil teilt mit, dass „die Vortriebsarbeiten bei dem Ausbruch eines Tunnelbauwerks“ in der Regel 24 Stunden und sieben Tage pro Woche laufen.
Weil es am Südportal Fledermäuse gibt und Schonzeiten einzuhalten sind, ist der Vortrieb aus südlicher Richtung nicht möglich. Deshalb wird der Tunnel von Norden nach Süden, in fallender Richtung, gebaut.
Lange Wartezeit
Für die Bauzeit heißt er „Hortense-Tunnel“, denn die Gattin von Bürgermeister Erik Kadesch hat die Patenschaft übernommen. Einem alten Brauch folgend ist sie nun so etwas wie die irdische Vertreterin der Heiligen Barbara, die über die Bergleute wacht. „Das ist eine sehr große Ehre“, sagt die Patin und ist sich der Bedeutung bewusst, die diese Tradition hat. „Eines Tages wird jemand durch diesen Tunnel fahren, ohne daran zu denken, wie viel Arbeit und Mühe dahintersteckt“, fährt sie fort und nennt das Bauwerk „ein stilles, starkes Symbol der Hingabe an die kommenden Generationen“.
An frühere Generationen erinnert dagegen Kaweh Mansoori: „Die Debatten um die Ortsumgehung gehen fünfzig bis sechzig Jahre zurück.“ Der Hessische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum erklärt, es nachfühlen zu können, wenn Menschen so lange auf ein Entlastungsprojekt warten müssten – im Frankfurter Raum, woher er kommt, kennt er Vergleichbares. Umso mehr freut er sich über den Startschuss zu einer Maßnahme, die er einen Meilenstein nennt.
Er sei ein bisschen neidisch auf die Tunnelpatin, grinst er: „Denn ich möchte auch gerne einmal etwas sprengen.“ Weil es nicht so viele Tunnel gebe, habe er Heiko Durth, den Präsidenten von Hessen Mobil, gefragt, ob er vielleicht eine Brücke sprengen könne. Durth erklärt, dass ein Tunnelanstich gegenwärtig nichts Alltägliches sei, und erwähnt die Baukosten: „Ein Meter Tunnel kostet 140 000 Euro.“
Vier Großbauwerke
Zurück zur Ortsumgehung, der künftigen B 38a: Der „Hortense-Tunnel“ ist das erste der vier Großbauwerke. Es folgt der Tunnel „Kisselhöhe“, dessen „bergmännischer Vortrieb“ im Mai oder Juni geplant ist, außerdem die Talbrücken Reisen und Mörlenbach, die in diesem beziehungsweise dem kommenden Jahr begonnen werden sollen.
„Wir reden ‚nur‘ über 3,9 Kilometer Ortsumgehung“, macht Mansoori weiter; aber was das für die Menschen bedeute, sei enorm. Nämlich eine Verkehrsentlastung um 68 Prozent. Technisch sei das Bauwerk sehr anspruchsvoll, geht er auf eine Neuheit ein: Es soll nämlich eine deckellose Fahrbahn geben, die fast ohne Schächte auskommt und einfacher in der Unterhaltung sein dürfte.
Michael Puschel, Leiter der Abteilung Bundesfernstraßen im Bundesministerium für Digitales und Verkehr, kommt auf die generelle Bedeutung der B 38 zu sprechen, die bei Darmstadt beginnt, drei Bundesländer durchquert und bei Wissembourg endet: Für die Region sei sie die zentrale Verkehrsader. Aber: „Für eine tägliche Verkehrsbelastung mit circa 27 000 Fahrzeugen wurde sie nie gebaut.“ Nachdem naturschutzrechtliche Maßnahmen umgesetzt wurden, gehe es mit den Bauarbeiten nun „richtig los“. Und am Ende würden alle profitieren: „Die Anwohner leiden weniger unter Lärm und Abgasen, sie haben mehr Lebensqualität, und die Straße wird sicherer.“ Außerdem komme man künftig schneller voran, und die Region sei noch besser angebunden. Die Tunnel hält er für „absolut sinnvoll“, nicht zuletzt aus Gründen des Landschafts- und Naturschutzes.
„Gewinn für die Region“
Er erwähnt ebenfalls eine Innovation beim „Hortense-Tunnel“. Die Rettungsstollen werden direkt in das Bauwerk integriert: „Das ist bundesweit einmalig.“ Weshalb die Ortsumgehung aus all diesen Gründen ein „Gewinn für die gesamte Region“ sei.
Das zeigt sich auch an der illustren Gästeschar: Die Bürgermeister von Birkenau (Milan Mapplassary), Wald-Michelbach (Sascha Weber) und Rimbach (Holger Schmitt) sind gekommen, Bundestagsabgeordneter Michael Meister, Landtagsabgeordneter Josephine Koebe, die künftige Patin des „Kisselhöhe“-Tunnels, Daniela Engelhardt, und die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach. Bürgermeister Erik Kadesch hat auch Ehrenbürgermeister Lothar Knopf in der Menge gesichtet und erinnert an den unlängst verstorbenen Ludwig Marquardt, einen weiteren Amtsvorgänger, der die Pläne für die Umgehung ebenfalls auf seinem Tisch hatte.
„Ich freue mich, dass wir den heutigen Tag erleben dürfen“, betont er, dass sich die Umgehung auch auf die innerörtliche Entwicklung auswirke. Denn aktuell brauche ein Baustellenfahrzeug eine halbe Stunde, um durch den staugeplagten Ort zu kommen. Er spricht vom steigenden Interesse junger Familien und Gewerbebetriebe, sich in Mörlenbach anzusiedeln, und wirbt für die Info-Veranstaltungen, die regelmäßig angeboten werden, um den Menschen die Angst vor Sprengungen und anderen Belastungen zu nehmen.
Nun geht es über einen geschotterten Weg zum späteren Tunneleingang. Pfarrerin Mirjam Daume-Wolff und ihr katholischer Amtskollege Stephan Weißbäcker sprechen Gebete und Segen, und nach der Sprengung stimmt das Bleicheröder Bergmann-Blasorchester das stimmungsvolle „Steigerlied“ an.
Bevor es nun alle zum Umtrunk in das nahe gelegene Zelt zieht, erklären Makel und sein Kollege Enrico Otto der Lokalredaktion, wie es weitergeht auf der Baustelle: In den kommenden vier Wochen wird alles abgetragen und eine abschüssige Zufahrt zum Tunnel ausgebaggert. Der Spritzbeton an den Böschungen bleibt als Hangsicherung. Und dann wird gesprengt. „Mindestens einmal pro Tag“, sagt Makel, und Otto bemerkt: „Wir sprengen in hartes Granitgestein.“