Nach Handgreiflichkeiten an HBS: Expertin erklärt Aggressionspotenzial bei Jugendlichen
Mitte März hat ein 15-jähriger Schüler seinen Lehrer attackiert. Woher kommen die Aggressionen bei Jugendlichen? Die WNOZ hat sich darüber mit Kinder- und Jugendtherapeutin Irina Seehars unterhalten.
Ausufernde Prügeleien auf Schulhöfen, die mit Handys gefilmt werden, Mobbing in Schulklassen und jetzt noch eine eine körperliche Eskalation auf der Heinrich-Böll-Schule (HBS) in Fürth, die mittlerweile von Polizei und Schulamtsseite gegenüber unserer Zeitung bestätigt wurde. Ein 15-jähriger Schüler hatte dort Mitte März seinen Lehrer geschlagen (wir haben darüber berichtet). Was ist nur mit der Jugend von heute los? Woher kommen diese Aggressionen und der mangelnde Respekt? Wie kann es zu solchen klaren Grenzüberschreitungen kommen? Vor sechs Jahren eröffnete Diplom-Psychologin Irina Seehars ihre Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Rimbach. Seitdem hat sie zahlreichen Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern in Therapiesitzungen Lösungswege aufgezeigt. Wenn jemand weiß, wie die Teenager von heute ticken, dann die approbierte Therapeutin. Sie stand uns für ein Interview bereit.
Frau Seehars, früher war alles besser. Da gab es weniger Aggressionen bei Jugendlichen. Oder trügt der Schein?
Irina Seehars: Schon in meiner Jugend zeigten die Erwachsenen Unverständnis der Jugend gegenüber. Wahrscheinlich ist die Aussage „die Jugend von heute…“ so alt wie die Menschen selbst. Lassen Sie mich den griechischen Philosophen Socrates von vor knapp 2500 Jahren zitieren: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Das heißt, früher war längst nicht alles besser?
Seehars: Keineswegs. Jugendliche sind nicht per se „schlecht“, „unerzogen“ oder „faul“. Die Jugend heutzutage macht sich Gedanken über die Zukunft, viele Jugendliche haben regelrecht Ängste davor. Es gibt Jugendliche mit Depressionen, andere zeigen aggressives Verhalten. Allerdings dürfen wir dies nicht generalisieren.
Wer trägt die Schuld daran, die Eltern?
Seehars: Schuld ist ein harter Begriff. Eltern wollen immer nur das Beste für ihre Kinder. Natürlich spielt die Erziehung eine große Rolle, wie Kinder sich entwickeln. Wir stehen immer in Anhängigkeit zu Bezugspersonen. Nach der Geburt sind das die Eltern, später erweitern sich die sozialen Kreise: so beeinflussen auch Erzieher, Lehrer, Trainer, Freunde die Entwicklung der Kinder. Erziehung ist eine unfassbar schwierige und komplexe Aufgabe, die viel Veränderungsbereitschaft von den Eltern erfordert. So müssen Eltern sich auch hinterfragen, ob sie bei manchen Situationen richtig reagieren.
Professionelle Hilfe
- Wann sollte man mit einem Kind zum Psychotherapeuten gehen? Professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist ratsam, wenn Eltern das Gefühl haben, dass das Kind oder der Jugendliche unter einer psychischen Störung leidet und das Kind nicht angemessen oder ausreichend bei der Bewältigung der Probleme unterstützt werden kann.
- Oft ist die erste Anlaufstelle der Hausarzt. Hier bekommen Eltern Adressen von Psychologen oder Psychotherapeuten in der Nähe.
- Wann wird Psychotherapie von der Kasse bezahlt? Die gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen die gesamten Kosten einer Psychotherapie, wenn eine seelische Erkrankung bzw. eine Störung „mit Krankheitswert“ vorliegt. Beispiele hierfür sind Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Seehars: Wenn Jugendliche am Handy sind, könnten Eltern fragen: „Was machst du da?“ – Also Interesse daran zeigen, was ihr Kind tut und womit es seine Zeit verbringt. Kinder wollen ernst genommen und mitgenommen werden. Über das Zocken hinaus, nutzen Kinder das Internet auch für Hausaufgaben, sie recherchieren. Andere machen kreative Videos oder programmieren. Handy und Co. sind Teil dieser Generation. Zu jeder Zeit gab und gibt es etwas andere Entwicklungen, die die Jugendlichen begleiten: Telefon, Fernsehen, Schallplatten. Bei uns war es früher zum Beispiel der Zauberwürfel.
Was könnte bei dem Vorfall an der Schule den Ausschlag gegeben haben?
Seehars: Was den speziellen Fall in Fürth angeht, da wissen wir zu wenig, was hier den Ausschlag gegeben hat. Wir kennen die Vorgeschichte nicht. Aus psychotherapeutischer Sicht wurde der Affekttoleranzbereich überschritten.
Was bedeutet das genau?
Seehars: Es gibt einen Affekttoleranzbereich, in dem sich die Emotionen von Menschen bewegen, wie Freude, Zufriedenheit aber auch Angst und Wut. Solange wir uns in diesem Fenster des Affekttoleranzbereiches befinden, können wir uns und unsere Gefühle kontrollieren. Die Regulierung der Emotionen ist ein Lernprozess, der ab dem Babyalter einsetzt. Innerhalb dieses Fensters denken wir rational und fühlen uns sicher und wohl.
Und wenn wir dieses Fenster verlassen?
Seehars: Dann erzeugt dies Stress. Die emotionalen Schwankungen werden intensiver. Dann kann es zu aggressiven Handlungen oder auch zu Depressionen kommen, die im schlimmsten Fall sehr spät erkannt werden.
Welchen Anteil trägt an dieser Entwicklung die Corona-Pandemie?
Seehars: Die Erfahrungen in meiner Praxis haben gezeigt, dass durch die Lockdowns diese Symptome noch verstärkt wurden. Bei Kindern und Jugendlichen sind diese Folgen noch deutlicher zu erkennen als bei Erwachsenen. Beispielsweise sind für ein sechsjähriges Kind zwei Jahre Corona-Pandemie ein Drittel seines Lebens – und das in einer wichtigen Zeit seiner persönlichen Entwicklung. Viele Kinder haben sich in dieser Zeit zurückgezogen. Die Folgen sind noch heute sichtbar, weil Kinder damit anderes umgingen als Erwachsene. Erwachsene hatten theoretisch aufgrund ihrer Lebenserfahrung mehr Bewältigungsstrategien, um mit dieser Extremsituation umgehen zu können. Abgesehen davon: Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen ist immer auch ein klares Zeichen von Hilflosigkeit und fehlenden Problemlösestrategien.
Im Fall der HBS-Schule wird der Täter damit zum Opfer?
Seehars: Ich kenne den Fall zu wenig. Somit will ich mich dazu nicht näher äußern. Aus psychotherapeutischer Sicht kann ich mir vorstellen, dass die Beteiligten Unterstützung benötigen, die sie hoffentlich bereits erhalten.