Stahlzeit auf Steinbachwiesen-Open-Air
Die Rammstein-Tribute-Band begeistert in Fürth mit ihrer gigantischen Pyro-Metal-Verbeugung. „Tyrant Eyes“ heizen zum Auftakt ein
Marschmusik tönt aus den Lautsprechern und geht nahtlos in sakrale Chorgesänge über. Sphärische Synthesizer-Klänge vereinen sich mit dem Hämmern des Schlagzeugs, dem vibrierenden Dröhnen der Bässe und den Schreien der Zuschauer. Schaurige Lichteffekte, wabernde Nebelschwaden und gigantische Feuersäulen sind nur ein Teil der aufwendigen Dramaturgie, die die Gruppe „Stahlzeit“ am zweiten Abend des vom FC Fürth veranstalteten Steinbachwiesen-Open-Airs auf der gewaltigen Bühne mit der neuen perfekten Tonanlage präsentiert. Fans und Veranstalter sind erleichtert, dass es bei einem kurzen heftigen Regenguss geblieben ist, die warme Sommernacht scheint gerettet zu sein.
Der Support, die Odenwälder Power-Metal-Band „Tyrant Eyes“, hat die Stimmung schon ordentlich angeheizt. „Feuer frei“ für „Stahlzeit“ und ihren Frontmann Heli Reißenweber, der sich mit düster geschminkter Maske aus dem Nebel herausschält. Sein heiseres Flüstern geht mit seinem tiefen Bass und dem teutonisch gerollten „R“ einher. Reißenweber ist Till Lindemann. Dabei parodiert er ihn nicht, er spielt ihn wie eine Rolle in einem Theaterstück. So jedenfalls erklärte er seine Verwandlung auf der Bühne in einem Interview mit dieser Zeitung, und wie sehr er das verrückte Pyro-Spektakel liebt.
Fans singen begeistert mit
Schon ertönt das Intro „Rammstein“ euphorisch aus tausend Kehlen, die Hände sind erhoben. Reißenweber breitet die Arme wie ein Priester aus. Nicht immer ist er akustisch mit seinem tiefen Sprechgesang zu verstehen, doch wen stört das schon? Hier haben sich die Stahlzeit-Fans eingefunden, die sogar aus Seligenstadt oder Siegen angereist sind, um dieses kleine, aber feine Festival in der Idylle der Steinbachwiesen zu erleben. Sie kennen jeden Text dieser augenzwinkernden Gewaltverherrlichungen und Deutschtümeleien. Sie singen all die preußisch gefärbten Metal-Hits wie „Deutschland“ oder „Waidmanns Heil“ textsicher mit.
Und Stahlzeit gestaltet unermüdlich ihre provokante Performance in verblüffender Rammstein-Authentizität. Gekleidet in Militär-Uniformen lassen sie keinen Schockeffekt aus. Ihr „Zick Zack“ und „Feuer frei“ ist eine einzige bitterböse Satire, die manchmal an eine rockige Wagneroper erinnert. Dazu wird nicht mit Feuer gespart, wenn es praktisch aus allen Rohren schießt und seine Hitze in die vorderen Reihen ausstrahlt. Im Kontrast dazu sorgen Trockeneis-Fontänen plötzlich für empfindliche Kälte.
Dass das Horror-Szenarium ein Spiel ist und nichts mit der rechten Ecke zu tun hat, beweist schon allein das friedfertige generationsübergreifende Publikum. Alle Fans haben einen Riesenspaß an dieser höllischen Inszenierung der Superlative. Für den 120-Dezibel-Industrial-Metal-Rock sorgen fünf Musiker, die das Sound-Rezept des Originals total verinnerlicht haben. Einer davon ist Thomas Buchberger-Voigt an seinem Monster-Drumset, der wie eine hämmernde Rhythmusmaschine mit wütend monotonen Schlägen agiert. Dazu sendet Sam Elflein mit seinem E-Bass düstere Frequenzen aus und sein niedlich klingender Nachname will nicht so ganz zu dem diabolischen Spektakel passen.
Frappierende Ähnlichkeit
Bei den Songs „Pussy“ und „Sehnsucht“ verschmelzen die heroischen Hardrock-Fanfaren mit den verzerrten Gitarrenriffs von Matthias Sitzmann und Vater Mike. Die beeindruckenden Synthesizer-Improvisationen von Keyboarder Ron Huber, der die verschiedensten Musikstile miteinander verbindet, geben dem typischen Rammstein-Sound den letzten Schliff. Doch trotz der frappierenden Ähnlichkeit mit dem Gesamtkunstwerk „Rammstein“ erscheint so mancher Standard im neuen Gewand. Ein Beispiel ist der Song „Sehnsucht“, der in seinem veränderten Tempo kaum zu erkennen ist. Es spricht für „Stahlzeit“, dass hier nicht einfach rauf und runter gecovert wird, sondern der eigene Stempel durchblitzt.
Noch immer erzeugt der Kannibalen-Song „Mein Teil“ die gleiche Begeisterung, wenn der mit Kunstblut beschmierte Sänger einen großen Kessel hinter sich herzieht, die Messer wetzt und dazu mit seinem heiseren Bass jene Worte spricht, die den textsicheren Fans so geläufig sind: „Heute treff‘ ich einen Herrn, der hat mich zum Fressen gern.“ Den gleichen Enthusiasmus ruft der 2009 erschienene Song „Ich tu dir weh“ hervor. Hier fragt man sich schon, warum diese, übrigens brillant getextete Gewaltverherrlichung so euphorisch gefeiert wird. Ist es die gleiche Faszination, die ein guter Horrorfilm auslöst?
Vom neuen Rammstein-Album
Es gibt an diesem Abend auch einen Abstecher in das neue Rammstein-Album „Zeit“ mit dem Song „Lügen“. Hier trifft man auf den schöngeistigen Lyriker Till Lindemann: „Barfuß am Strand langgehen/In den Sternenhimmel sehen/Sich in grüne Wiesen legen/Spazieren gehen im Regen“, rezitiert Heli Reißenweber mit seiner angenehm sonoren Stimme zu elektronischen Klassiktönen, ehe er zu den gewohnt brachialen Rammstein-Bässen ein ernüchterndes „Lügen, alles Lügen“ herausbrüllt.
Um Mitternacht ist die gigantische Show zu Ende. „Stahlzeit“ sieht darin eine Verbeugung vor dem Kunstwerk „Rammstein“. Dabei vergessen sie, dass sie sich nach 20 Jahren sowohl instrumental als auch gesanglich nicht mehr hinter dem Original verstecken müssen. Sie, die große Hallen und Arenen gewohnt sind, verlieben sich in jedem Jahr aufs Neue in das beschauliche, ausschließlich von Ehrenamtlichen so professionell gestaltete Festival in der grünen Oase der Steinbachwiesen.