Von Arbeitsverlust bis Wohnungsnot: So hilft das Psychosoziale Zentrum in Rimbach
Statt monatelangen Wartezeiten gibt es in Rimbach zeitnahe Unterstützung. Ob kostenlose Beratung oder Alltagsassistenz für Erkrankte und Familien - so will das Angebot „SprungSchance“ jungen Erwachsenen helfen.
Rimbach. „Psychische Erkrankungen oder drohende psychische Erkrankungen stehen im Mittelpunkt.“ Das sagt Fides Matejka, Bereichsleiterin der Regionalen Diakonie in Rimbach, als die Lokalredaktion der Einrichtung einen Besuch abstattet. Es geht um die Arbeit des Psychosozialen Zentrums, um seinen Ansatz und um anstehende Veränderungen.
Matejka nennt die Termine in der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle (PSKB) das niederschwelligste Angebot: Es müssen keine Anträge gestellt und keine Kostenzusagen eingeholt werden. Denn es ist für jeden offen und kostenfrei. Betroffene können kommen, Angehörige oder Familien, und bei den „Informations- und Klärungsgesprächen“, wie die vertraulichen Sitzungen heißen, geht es um die Nöte der Besucher, etwa den Verlust der Arbeit oder anstehende Behördengänge. Die Auswirkungen und Belastungen durch Krankheiten sind ganz unterschiedlich, berichtet die Fachfrau: „Psychische Erkrankungen gibt es so viele, wie es Menschen gibt.“
Das Psychosoziale Zentrum
Das Psychosoziale Zentrum in Rimbach betreut Menschen im Weschnitztal und im vorderen Odenwald, außerdem in Gorxheimertal und Lautertal, das in Bensheim ist für die Stadt sowie Zwingenberg und Auerbach zuständig.
Die Rimbacher Einrichtung befindet sich in der Schloßstraße 52; man erreicht sie telefonisch unter 06253/9898-0 sowie per E-Mail unter beratung-rimbach.bergstrasse@regionale-diakonie.de
Im Haus befinden sich neben dem Zentrum auch die Senioren- und die Migrationsberatung, außerdem wird einmal pro Monat ein Frauentreff angeboten.
Die „SprungSchance“ wird über das Jugendamt des Kreises finanziert, die Psychosoziale Beratung zum Teil über den Landes-Wohlfahrtsverband, zum Teil über Eigenleistungen der Diakonie; bis 2024 hatte auch der Kreis Bergstraße einen Anteil.
Etwa 40 Personen arbeiten im Psychosozialen Zentrum. In der „SprungSchance“ sind es drei.
Ausgebildet für Krisensituationen
Eine Traurigkeit oder eine Trauerphase kann übergangsweise eintreten, sich manifestieren oder bleiben; die Berater stellen keine Diagnosen und behandeln keine Krankheiten, sondern empfehlen in diesen Fällen einen Arztbesuch. Das allerdings ist derzeit ein Problem: „Es gibt lange Wartezeiten, zum Teil sind sie monatelang.“
Doch gibt es im Psychosozialen Zentrum ein „multiprofessionelles Team“, wie sie ausführt: „Wir haben Psychologen, Erzieher, Krankenpfleger oder Sozialarbeiter.“ In Gesprächen mit ihnen wird geklärt, wie es für die Ratsuchenden weitergeht. Manchmal sind die Helfer auch mit Krisen konfrontiert; wenn jemand Suizidgedanken äußert, wird beispielsweise der sozialpsychiatrische Dienst hinzugezogen.
Das komme aber nicht oft vor, und noch seltener seien gefährliche Lagen oder Gewaltsituationen, erklärt Matejka, die einen Kollegen bittet, dazubleiben, wenn sie die Empfindung hat, dass etwas nicht stimmt. Doch grundsätzlich sagt sie: „Es ist unser Alltagsgeschäft, auf Krisen eingestellt zu sein. Wir sind alle ausgebildet, mit Konflikten umgehen zu können.“ Und dann angemessen zu reagieren, etwa wenn jemand viel aufgestaute Wut mit sich herumträgt.
Wichtig ist dem Zentrum, möglichst zeitnahe Termine anzubieten, entweder noch in derselben Woche oder spätestens in sieben bis 14 Tagen: „Wir wissen ja, dass es brennt.“ Und wenn sich herausstellt, dass der Bedarf größer ist als angenommen, wird den Menschen die Alltagsassistenz Wohnen angeboten.
So heißt mittlerweile das Betreute Wohnen, und Matejka erläutert, dass es bei der Namensänderung darum geht, „deutlich zu machen, dass wir Unterstützung leisten, damit die Leute es selbst hinbekommen“. Wobei ganz unterschiedlich ist, was sie da jeweils meistern: Bei manchen geht es um die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt, bei anderen um Anträge auf Arbeitslosen- oder Bürgergeld und wieder bei anderen um kleine Stückchen Selbstständigkeit im täglichen Leben.
Ambulante Unterstützung
In der Assistenz geht es auch darum, dass die Patienten daheim wohnen bleiben können. Dieses Angebot muss beim Landes-Wohlfahrtsverband beantragt werden, ein Fachdienst kommt und ermittelt den jeweiligen Bedarf. Bis die Assistenz bewilligt ist, versucht das Zentrum, die Zeit mit ambulanter Unterstützung zu überbrücken.
Es gibt hier vielfältige Problemlagen; manchmal kommt das Jugendamt auf die Rimbacher zu, wenn psychisch kranke Eltern Erziehungshilfe beantragt haben. Es gibt für solche und ähnliche Fälle Jugendhilfe oder eine Teilhabe-Assistenz für Familien.
Ein weiteres Angebot nennt sich „SprungSchance“, und Psychologe Francesco Giordano erklärt, dass es sich an Personen zwischen 18 und 27 Jahren wendet. Damit wird eine Lücke geschlossen, denn in dieser Altersgruppe sind die Jugendämter nicht mehr zuständig und die Jobcenter zum Teil noch nicht. Auch hier wird keine Therapie gemacht, jedoch werden die jungen Leute durch Stabilisierungsgespräche aufgefangen.
Der Grundsatz „Machen müssen sie selbst“ gilt auch hier, doch wird Mut zugesprochen und gestärkt. Hier wie dort sind die Zugangswege zum Zentrum unterschiedlich. So habe vorhin erst die Heppenheimer Vitos Klinik angerufen, und es ging darum, für eine junge Patientin nach ihrer Entlassung eine Anlaufstelle zu gewähren. Giordano sagte zu eingedenk der Tatsache, „dass bestimmte Anträge 100 Jahre brauchen, bis sie durch“ seien – und der Tatsache, dass die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie „Netzwerkpartner“ des Zentrums ist, ebenso übrigens wie das Kreis-Jugendamt.
„Jeder darf zu uns kommen“
Was die Erkrankungen angeht, so bekommt es Giordano mit „einer ganzen Palette“ zu tun, ähnlich wie in der PSKB: Es kommen Betroffene mit Angststörungen, Phobien, Neurosen oder Depressionen. Ein großes Thema sind auch Suchterkrankungen, und Matejka bemerkt: „Es wird nicht zwischen vorübergehend und dauerhaft unterschieden. Jeder darf zu uns kommen.“ Wenn Giordano feststellt, dass sich jemand in einer akuten Depression befindet, so peilt er dasselbe Ziel an wie die Kollegen in der PSKB: die Behandlung durch Fachärzte. Und wenn er ein Stabilisierungsgespräch führt, kommt es ihm auf eins an: „Im allerbesten Fall gehen die Leute mit einem Lächeln und einem Handlungsimpuls nach Hause.“
In ein besseres Leben
„Oder sie können alles mal rauslassen, und das führt dann zu einer Erleichterung“, hat Matejka erfahren. Befragt nach „Erfolgsgeschichten“, erklären beide, wie breit das Spektrum da ist: Jeder noch so kleine Schritt in die Eigenständigkeit ist ein Fortschritt, jede Stabilisierung, jede bewältigte Krise. Manches bleibt den Helfern im Gedächtnis; Matejka denkt da an einen jungen Mann, der es schaffte, ein Studium aufzunehmen und daheim auszuziehen. Andere kamen zurück auf den „ersten Arbeitsmarkt“, wieder andere waren „therapeutisch gut angebunden“, wie sie sagt: „Das hat viele Facetten.“
Giordano erinnert sich an einen anderen jungen Mann, der im Laufe vieler Gespräche erkannte, was für einen langen Weg er schon hinter sich hatte: heraus aus der Sucht und Stück für Stück hinein in ein besseres Leben. Nun werden die Voraussetzungen geschaffen, dass er in geschütztem Rahmen eine Ausbildung anfangen kann. Ein entscheidender Satz kam von ihm: „Ich bin so weit.“
Wenn sie an die gegenwärtige Situation denkt, ist Matejka besorgt: „Der Bedarf steigt. Wir haben viel mehr Anfragen als früher, auch bei der Alltagsassistenz. Es gibt immer mehr Menschen, die Unterstützung brauchen, und die Praxen und Kliniken sind voll.“
Drohende Wohnungslosigkeit
Ein Problem, das sich im Kreis Bergstraße seit gut fünf Jahren immer weiter verschärft, ist das des Wohnraums, sagt Giordano: „Der Markt ist leer gefegt.“ Gefragt sind Räumlichkeiten von bestimmtem Zuschnitt: Sind sie zu groß, winken die Jobcenter ab, weil Obergrenzen überschritten werden. Wird Mietern gekündigt, gestaltet sich die Suche nach einer neuen Bleibe schwierig, bemerkt Matejka: „Da gibt es Leute, die vor der Wohnungslosigkeit stehen, weil es eben nichts Angemessenes gibt.“
Hin und wieder werden die Helfer mit Anfragen nach Wohnungen konfrontiert, weil Ratsuchende glauben, dass das Zentrum Wohnungen vorhält oder vermittelt – was nicht der Fall ist. Und gerade in der „SprungSchance“ bekommen es die Helfer auch regelmäßig mit Wunschträumen zu tun, Illusionen eines begüterten Lebensstils, die in sozialen Medien geweckt und geschürt werden. Dann folgt eine oft harte Konfrontation mit der Wirklichkeit. Doch auch die gehört dazu, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen – im wahrsten Sinne des Wortes.