Rimbach

Diakonie in Rimbach: Wie man Kinder psychisch erkrankter Eltern stärkt

In der Alltagsassistenz wird bei der Betreuung von Familien im Betreuten Wohnen mit der „Marte meo“-Methode gearbeitet

Daniela Heldmann und Fides Matejka (von links) kümmern sich um die Betreuung von Familien psychisch Erkrankter. Heldmann bringt Eltern und Kindern mit der "Marte meo"-Methode einander näher. Foto: Thomas Rittelmann
Daniela Heldmann und Fides Matejka (von links) kümmern sich um die Betreuung von Familien psychisch Erkrankter. Heldmann bringt Eltern und Kindern mit der "Marte meo"-Methode einander näher.

Wie ist es, ein Kind zu erziehen, wenn man selbst nie Kind sein durfte? Wie lernt man, es zu verstehen? Das fragte sich ein alleinerziehender Vater, der psychisch krank war. „Es gab zwar ganz viel Liebe in dieser Familie, aber wenig Verständnis“, sagt Daniela Heldmann. Sie gehört zum „Team Alltagsassistenz für Familien“ bei der Regionalen Diakonie Bergstraße und spricht mit der WNOZ, um zu erklären, wie sie Menschen wie diesem Vater hilft.

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Die gelernte Erzieherin bildete sich fort zum zertifizierten „Marte meo“-Coach und wendet seit vier Jahren bei ihrer Arbeit in der Diakonie die Methoden an, die vor etwa 40 Jahren von der Holländerin Maria Aarts entwickelt wurden. Der Begriff leitet sich ab aus dem Lateinischen und bedeutet frei übersetzt „aus eigener Kraft“. Heldmann sagt: „Es geht um Selbstwirksamkeit. Was kann ich bewirken? Was verändert sich daraus?“

„In die Welt des Kindes gehen“

Es ist ein Prinzip, das mittlerweile in 60 Ländern Anwendung findet. Australien sei Vorreiter und habe gute Erfolge erzielt, erklärt sie. Es geht um Einsichten, die Menschen gewinnen, wenn sie sich selbst agieren sehen. Dazu werden Videoaufnahmen gemacht, die die Familien im Alltag zeigen. Der Vater lernte durch das Anschauen, die Mimik und Gestik des Fünfjährigen zu deuten, beobachtete auch sich selbst und bekam Rückmeldungen von Heldmann.

„In die Welt des Kindes gehen“, nennt sie diesen Schritt, und dazu gehört auch der Bruch mit einem weitverbreiteten Verhalten: Statt wie so oft den Fokus auf das Negative zu legen und es zu betonen, wird der Blick auf die positiven Dinge gelenkt, auf kleine Gesten und winzige Momente, die den Eltern vielleicht selbst nicht bewusst sind. Damit werden die Eltern gestärkt. Hat etwa eine Mutter eine schöne Stimme, dann geht Heldmann darauf ein, fordert sie auf, zu sprechen, ihre Beobachtungen in Worte zu fassen, das Kind einzubeziehen. Außerdem ist Heldmann wichtig, zu überlegen: „Hält der andere das aus, was ich ihm gerade sage?“

Es ist ein schwieriges Feld, auf dem sie und ihre Kollegen arbeiten: Sie betreuen 25 Familien mit insgesamt etwa 50 Kindern, die im Betreuten Wohnen untergebracht sind. Ein Elternteil oder beide leiden an psychischen Erkrankungen – nicht immer stimmen die Voraussetzungen für eine Unterstützung nach „Marte meo“, nicht immer können die Kinder auch daheimbleiben, sondern müssen aus den Familien geholt werden. Fides Matejka, Bereichsleiterin im Teilhabezentrum, hat im Umgang mit den Patienten allerdings einen Wandel beobachtet: „Als ich 2008 angefangen habe, war es oft noch so, dass sich die Leute geschämt haben.“

Bei vielen setzte ein Umdenken ein, als sich der Fußballtorwart Robert Enke 2009 das Leben nahm und bekannt wurde, dass Depressionen der Auslöser waren. Seither brachen Tabus auf, auch wenn es vielen Menschen noch immer schwerfällt, offen über ihre Erkrankung zu sprechen. Das Diakonie-Team kümmert sich um Betroffene und ihre Angehörigen „im Tandem“, erklärt sie – Wiedereingliederungshilfe und Jugendhilfe sind die Kostenträger.

Kinder geben sich oft die Schuld

Es ist kein Randphänomen, mit dem die Diakonie beschäftigt ist. Matejka nennt eine einprägsame Zahl: „Jeder Dritte hat einmal in seinem Leben eine psychische Krise.“ Das reiche von einer kurzen Phase bis zu einem jahrelangen Verlauf und könne unterschiedlich gravierend ausfallen, fährt die 56-Jährige fort. In der Alltagsassistenz dauert eine Betreuung zwischen einem und zehn Jahren. Sie und Heldmann haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder die Krankheit ihrer Eltern oft auf sich beziehen.

„Viele geben sich die Schuld, wenn es den Eltern schlecht geht“, erklärt Heldmann. Sie benennt dann im Gespräch die Ursachen und klärt auf: „Das nimmt eine Last von ihren Schultern.“ In einer akuten Krise nimmt sie die Kleinen „raus“, verlässt die Wohnung, geht mit ihnen auf einen Spielplatz. Im Gespräch vermittelt sie ihnen Selbstbewusstsein – die „Marte meo“-Methode zielt darauf ab, „die eigenen Schätze“ zu entdecken. Bei Kindern ab zehn Jahren arbeitet sie ebenfalls videobasiert, und auch hier kann sie Selbstwertgefühl vermitteln und beim Betrachten der Videosequenzen Fortschritte in Gang setzen.

Ansonsten legt sie ihren Schwerpunkt auf das Coaching werdender Eltern, auf die Begleitung junger Familien und Beratung, etwa wenn es um „Schreibabys“ geht oder eine entwicklungsunterstützende Beratung. Auch hier gilt es, sich in die Kleinen zu versetzen. Heldmann beschreibt eine solche Situation: Das Baby wird gewickelt und dreht den Kopf weg. Die Mutter oder der Vater will schnell fertig werden, hebt den Po an und macht weiter. Zumeist versteift sich das Kind dann, schreit, der Erwachsene reagiert gestresst. Gerade, wenn die Eltern krank sind, fällt es ihnen oft schwer, die Reaktion des Säuglings nachzuvollziehen. „Also sage ich: Gucken Sie doch gerade mal, wo es gerade hinsieht.“ Wenn der Erwachsene das Gesehene benennt, mit dem Kleinen redet, kann er es zurückbringen – und entwickelt seinerseits Verständnis: „Man lernt, die Kinder abzuholen, statt sie zu strafen.“ Oder die Erwachsenen werden aufgefordert: „Lesen Sie einmal im Gesicht des Kindes.“

Viele kleine Schritte

Oft sind es sehr einfache Familien, haben die Eltern einst selbst unter Alkoholmissbrauch und psychischen Krisen von Mutter oder Vater gelitten. Nicht jeder hat das Zwischenmenschliche gelernt, manche haben kein Bauchgefühl. Voraussetzung für eine Therapie ist der Wille der Eltern, etwas zu ändern. Heldmann betrachtet die Videos zunächst alleine und entscheidet, welche Situationen sie „hochhebt“. Hin und wieder schneidet sie ein Bild heraus, das einen Moment der Nähe und Wärme zeigt: „Das können sich die Eltern an den Kühlschrank hängen.“

Es ist ein Weg, der in vielen kleinen Schritten gegangen wird, aber Zuversicht vermittelt, wie Heldmann aus Erfahrung weiß: „Es wird eine Veränderung stattfinden.“ Kinder treten öfter in Kontakt, lächeln, die schönen Momente werden häufiger. Nach vier Wochen gibt es ein „Review“ und die Frage: „Was braucht es?“ Apropos Frage: Vieles, was Erwachsene wollen, wird nicht als Aufforderung formuliert. „Räumst du bitte dein Zimmer auf?“ Das verstehen Kinder als Frage – auf die es auch ein Nein als Antwort gibt. Also ist Heldmanns Empfehlung: „Wenn ich eine Antwort möchte, muss ich ein Fragezeichen setzen. Ansonsten einen Punkt oder ein Ausrufezeichen.“

Die 47-Jährige bildet mittlerweile auch Erzieher nach „Marte meo“ aus, bietet Basistage oder „Practitionerkurse“ mit Zertifizierung an, hält Vorträge und veranstaltet Elternabende. Mit Erfolg: Eltern sagen Danke, schreiben ihr, schicken Bilder. Unlängst schrieb eine Frau, die sehr jung Mutter geworden war: „Es geht mir heute sehr gut, und auch mein Kind entwickelt sich gut; ich bin Ihnen sehr dankbar.“ Ein Erfolg, auf den sie stolz ist.