Wie Abtsteinach von der Überwaldbahn profitieren könnte
Der ÖPNV war Thema einer Versammlung in Abtsteinach. In Teilen der Gemeinde sei man ohne Auto weiter aufgeschmissen. Ernüchterung gab es mit Blick auf die Umsetzung des derzeit auf Eis liegenden Ruftaxis nach Heiligkreuzsteinach.
Wozu braucht Abtsteinach die Überwaldbahn? Wie kommt man ohne eigenen Pkw nach Mackenheim oder Heiligkreuzsteinach? Ist im Abtsteinacher ÖPNV alles paletti? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich das Bündnis für Innovativen Nahverkehr im Überwald und Weschnitztal (INa-Bündnis) bei seinem Infoabend im Goldenen Bock in Ober-Abtsteinach. Nach der Vorstellung des Bündnisses, das sich aus Privatpersonen und sechs Organisationen zusammensetzt, ging es zunächst um die Überwaldbahn, teilt das Bündnis mit.
Bündnis-Sprecher und Überwaldbahn-Experte Sven Wingerter stellte zunächst einige historische Fakten vor. So fuhren 1983 im Jahr der Einstellung des Personenverkehrs nur noch zwei bis drei Züge bis Wald-Michelbach. "Bei diesem miserablen Angebot war es kein Wunder, dass die Menschen der Bahn den Rücken kehrten”, so Wingerter. Selbst die verbliebenen Fahrten stellten offenbar keine passenden Anschlüsse in Weinheim an die Züge nach Darmstadt und Mannheim her, wie ein Zuhörer aus eigenem Erleben von damals ergänzte.
Mit Blick auf die Zukunft seien Kapazitätsausweitungen dringend nötig. "Schon heute sind die Busse im Zulauf auf Weinheim gut gefüllt. Wenn wir mehr Menschen in den ÖPNV locken wollen, braucht es ein überzeugendes Angebot ”. Dazu gehören laut Wingerter Bahn-Direktverbindungen nach Mannheim und Ludwigshafen für die Überwaldbahn-Anlieger. Damit könnten die Buslinien 680 und 681 entlastet werden, um neue Kapazitäten für Fahrgäste aus Abtsteinach und Gorxheimertal zu schaffen.
Mackenheim könnte Standortvorteil gewinnen
Der Abtsteinacher Ortsteil Mackenheim könnte nach den Vorstellungen des INa-Bündnisses einer der Hauptprofiteure einer reaktivierten Überwaldbahn sein. Würde der Haltepunkt Kreidach nicht am ehemaligen Standort, sondern am Mackenheimer Weg reaktiviert, wäre der Abtsteinacher Ortsteil über den Kreidacher Weg nur knapp 600 Meter von einer direkten Bahnanbindung nach Weinheim und Mannheim entfernt. „Das ist eine Strecke, die man auch bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen kann“. Aber auch jenseits der verkehrlichen Nutzen sieht Wingerter mit Blick auf den Abtsteinacher Gemeindehaushalt Vorteile. "Nur die Reaktivierung für den Nahverkehr entlastet den Gemeindehaushalt um 18 000 Euro jährlich. Über Trassennutzungsgebühren für die Infrastrukturnutzung würde Geld vom Bund und dem Land Hessen in den Erhalt der Strecke fließen, die derzeit im Besitz des Kreises und der Überwaldbahn-Anliegerkommunen ist”.
„Ohne Auto aufgeschmissen“
Bündnis-Sprecher Peter Castellanos blickte bei seinem Vortrag über eine Verbesserung des straßengebundenen ÖPNV auf die Orte, die fernab der heutigen Busachsen liegen. Zwar gebe es mit den Buslinien 680 und 681 nach Weinheim zwar ein gutes Grundangebot. Für Menschen, die abseits davon wohnen, sei die Anbindung aber miserabel. Damit spannte Castellanos den Bogen wieder zurück nach Mackenheim. Denn zu den abgehängten Orten in der Region gehöre auch das 100 Seelen-Dorf. Es sei sogar der einzige Ort im gesamten Kreis Bergstraße, der überhaupt nicht mit dem ÖPNV erreichbar sei. Und das, obwohl schon im November 2020 über den Nahverkehrsplan beschlossen wurde, hier abzuhelfen.
"Ohne Pkw ist man in Mackenheim aufgeschmissen. Es gibt dort nur einen sogenannten freigestellten Schülerverkehr, also eine Buslinie, die ausschließlich für Schüler bestimmt und in der Fahrplanauskunft des VRN daher gar nicht auffindbar ist. Diesen Verkehr könnte der Kreis ohne großen Aufwand recht schnell in den ÖPNV integrieren“, schlägt Castellanos als kurzfristige Maßnahme vor.
Mit einem nur nach Abruf verkehrenden On-Demand-Verkehr nach dem Vorbild des „Michelbus“ in Wald-Michelbach könne das gesamte Dorf täglich von früh bis spät flächendeckend erschlossen werden. Wenn man dieses Konzept bis Heiligkreuzsteinach ausweitet, könnte zusätzlich die Netzlücke in den benachbarten Rhein-Neckar-Kreis geschlossen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden.
Ruftaxi-Konzept liegt auf Schreibtisch der Gemeinde
Ein erster Schritt hin zu diesem Zielzustand wäre ein ebenfalls im Nahverkehrsplan enthaltener Lückenschluss mit einer Ruftaxi-Linie. Diese würde zwar etwas seltenerer fahren, als ein On-Demand-Verkehr, wäre aber ohne nennenswerte Kosten schnell umsetzbar. “Seit über einem Jahr liegt auf dem Schreibtisch der Gemeinde Abtsteinach das Konzept dazu vor, ohne dass sich etwas bewegt. Der Kreis Bergstraße und der VRN haben hier die nötige Vorarbeit geleistet, jetzt ist die Gemeinde am Zug”, berichtet Castellanos unter Berufung auf eigene Recherchen.
Am Ende der Veranstaltung waren die Teilnehmer etwas ratlos und enttäuscht über die langsam mahlenden Mühlen der öffentlichen Verwaltung und das "fragwürdige Verhalten des Kreises bei seinem Finanzierungskonzept zur Machbarkeitsstudie für die Überwaldbahn", heißt es weiter. Dennoch bleibe das INa-Bündnis optimistisch und lädt weitere Bürger zur Mitarbeit ein. „Wir sehen uns als Stimme, die die Interessen der ÖPNV-Kunden gegenüber den Verantwortlichen bündelt und stehen weiterhin für Gespräche zur Verfügung. Abtsteinach hat sich 2019 grundsätzlich zur Überwaldbahn bekannt und es dürfte im gegenseitigen Interesse liegen, eine nachhaltige Regionalentwicklung zu fördern“, betonte Castellanos abschließend und kündigte Gespräche mit den Kreistagsfraktionen an, auf die das Bündnis demnächst zugehen wolle.
Die Präsentation zur Veranstaltung und weitere Informationen finden Interessierte auf der Internetseite des Bündnisses.