Wie Inklusion in der Kita Erlebnisland in Gorxheimertal funktioniert
Die kommunale Kita Erlebnisland in Gorxheimertal zeigt beim Thema individueller Förderung Lösungen auf - und das trotz Personalmangels.
Es herrscht reges Treiben an diesem Morgen in der kommunalen Kindertagesstätte Erlebnisland in Gorxheimertal. Während einige Mädchen und Jungen noch frühstücken, sind andere bereits fleißig am Spielen. Da wird getobt, gebaut, gebastelt: Kindergartenalltag in der fünfgruppigen Einrichtung, die 102 Betreuungsplätze für Kinder vom ersten Lebensjahr bis zur Einschulung bietet. 18 Fachkräfte arbeiten hier, dazu eine Hauswirtschafterin, eine Studierende, eine PIA-Kraft (praxisorientierte Ausbildung) und ab Februar zwei Bundesfreiwilligendienstleistende.
Auch in dieser Kita gilt: Jedes Kind ist ein Individuum und entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Es gibt Meilensteine, die ein Kleinkind in einem gewissen Zeitabschnitt erreicht haben sollte. Die Rahmen sind weit gesteckt. Manchmal braucht es von Seiten der Eltern und Erzieher nur ein bisschen Geduld. Manchmal gibt es aber auch einen erhöhten Förderbedarf. Dann spricht man von einer möglichen Inklusionsmaßnahme.
Standardisiertes Verfahren
Inklusion wird im alltäglichen Sprachgebrauch oft gleichgesetzt mit einer Behinderung. Das ist so nicht richtig. Es geht hier auch um Mädchen und Jungen, die hier und da einfach mehr Förderung brauchen. Mal liegt beispielsweise eine Sprach-, mal eine Lernverzögerung vor. Auch in der Kita Erlebnisland werden die kindlichen Entwicklungsschritte beobachtet.
„Aber man braucht ein gutes Verfahren, um allen Kindern gerecht zu werden“, sagt Petra Beisel-Schmidsberger, die Leiterin der Kita. Der Fokus sei sehr individuell. Und so hat sie gemeinsam mit ihrem Team ein standardisiertes Verfahren entwickelt, bei dem bei Kindern in gewissen Altersstufen regelmäßig geschaut wird: Was kann das Kind? Ist eine Inklusion notwendig?
Maßstäbe im Kreis gesetzt
Seit sechs Jahren leitet Beisel-Schmidsberger die Einrichtung. Sie hat Pädagogik und Soziologie studiert und daher einen Blick auf den Job aus verschiedenen Perspektiven. Sie habe Qualitäts- und Handlungsstandards schaffen wollen als Sicherheit für ihre Teammitglieder. „Wir müssen ja das Rad nicht jedes Jahr neu erfinden.“ Der Leitfaden mache es „im Ablauf einfacher und effizienter“.
„Wir haben gemeinsam mit dem Team viele Prozesse angestoßen und durchlaufen und sind gut zusammengewachsen“, zieht sie eine erste Bilanz.
Mit diesem Verfahren hat Beisel-Schmidsberger Maßstäbe im Kreis Bergstraße gesetzt. 40 Fachkräfte aus zahlreichen Kindertagesstätten des Kreises waren kürzlich sogar zu einem Fachtag zur Weiterbildung in der Einrichtung und nahmen viele Ansätze für das eigene Arbeiten mit Kindern mit. Organisiert wurde der Fachtag in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Inklusion in Kooperation mit den Kitas und dem Fachbereich Inklusion des zuständigen Jugendamts. Wichtig für das standardisierte Verfahren und für die Inklusionsmaßnahme selbst: Beides „muss alltagspraktikabel sein“, sagt Beisel-Schmidsberger. Sprich: Die Fachkräfte müssen diese Maßnahmen – auch im Rahmen der derzeit herrschenden Personalsituation – umsetzen können. Und die ist nicht nur im Kreis Bergstraße äußerst mau.
Entwicklungsmeilen kontrollieren
Das standardisierte Kontrollieren der Entwicklungsmeilen findet jeweils um den Geburtstag eines jeden Kindes und in einem halbjährlichen Rhythmus statt. Wie hat es sich entwickelt – motorisch, sprachlich? Wie sind die Tendenzen?
Wird ein Bedarf deutlich, eine gewisse Stagnation sichtbar, dann wird das Gespräch mit den Eltern gesucht, die dann im Idealfall mit dem Kinderarzt oder einem Logopäden Kontakt aufnehmen. „Kinder haben ihre eigenen Entwicklungsschritte“, unterstreicht die Kita-Leiterin. „Wir müssen das individuelle Kind in seinem individuellen Entwicklungs-Ist-Stand sehen und eventuell gezielt unterstützen.“ Mitunter stelle man dann eben auch fest, dass gewisse Sachen im Kindergartenalltag nicht aufgeholt werden. Dann kann es sein, dass ein Antrag auf eine Inklusionsmaßnahme gestellt wird.
Wichtig sei eine gute Zusammenarbeit mit dem Elternhaus. Doch das sei in der Realität nicht immer ein leichtes Unterfangen. „Manche Eltern wollen oder können Entwicklungsdefizite nicht wahrnehmen.“ Mitunter gibt es Sprachbarrieren – und daraus resultierend fällt oft die Möglichkeit der Förderung im Elternhaus weg. Dabei sei die Zusammenarbeit mit den Eltern das A und O.
Kindern Bildungstür öffnen
Zu den Aufgaben einer Kindertagesstätte zählt es generell, Kindern die Bildungstür zu öffnen. Vor allem auch jenen, bei denen das Elternhaus das, aus welchem Grund auch immer, nicht leisten kann. Der Förderbedarf kann ganz unterschiedlich sein. Um eine Inklusionsmaßnahme beim Jugendamt beantragen zu können – auf dem Papier bedeutet das 15 Fachkraftstunden mehr pro Woche – braucht es allerdings einen medizinischen Hintergrund, eine Diagnose. Bei einer Sprachverzögerung könnten das beispielsweise Probleme mit dem Gehör sein. Kommt das Kind „nur“ aus einer Familie, in der nicht deutsch gesprochen wird, rechtfertigt das also keine Inklusionsmaßnahme.
15 Fachkraftstunden pro Woche mehr – das sei nicht viel, wenn man bedenke, dass es Kinder gebe, die eigentlich eine 1:1-Betreuung bräuchten, so Beisel-Schmidsberger. In personell angespannten Zeiten erschwere es das Arbeiten umso mehr. Derzeit laufen zwei Inklusionsmaßnahmen im „Erlebnisland“, es gab aber auch Zeiten, da waren es fünf. „Ich glaube, dass wir eine gute Arbeit leisten“, sagt die Leiterin der barrierefreien Einrichtung.