Rimbach

Wenn aus einer Pflegestelle ein festes Zuhause wird

Was bedeutet es, Pflegestelle für ein Tier zu sein? Die OZ hat die "Tierschutzinitiative ohne Grenzen" besucht und Benni kennengelernt.

Noch lässt Welpe Benni lieber Vorsicht walten und geht erst einmal auf Distanz ... Foto: Fritz Kopetzky
Noch lässt Welpe Benni lieber Vorsicht walten und geht erst einmal auf Distanz ...

Benni ist ausgesprochen schüchtern. Mit großen, bernsteinfarbenen Augen schaut er die Besucher an, will die Arme von Sabrina Pagalies lieber noch nicht verlassen. „Er zahnt gerade“, sagt diese und zeigt einen winzigen Backenzahn, der dem kleinen Rüden ausgefallen ist. Seit gut drei Wochen ist der Welpe nun in Rimbach und hat die Scheu bei Sabrina und Jan Pagalies schon längst verloren. Dabei hat er allen Grund, misstrauisch gegenüber Zweibeinern zu sein. Denn er und seine drei Geschwister wurden auf Kreta von Tierschützern gefunden: Die vier Kleinen waren neben einer Mülltonne ausgesetzt und sich selbst überlassen worden.

„Sie hatten noch Glück“, bemerkt Esther Görlich von der Tierschutzinitiative ohne Grenzen (ToG); seit vielen Jahren engagiert sie sich und kennt auch tragischere Fälle: „Manchmal werden ganze Würfe in die Mülltonnen geworfen, die mehrere Haushalte gemeinsam benutzen. Sie ersticken dann unter den Müllbeuteln, die die anderen Anwohner hineinwerfen.“ Ansonsten werden Jungtiere auch schon mal neben einer Kirche gefunden, und Görlich vermutet: „Wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen.“

... lässt sich dann aber doch von Esther Görlich und Birgit Lange (links und rechts) streicheln, auf dem Arm von „Mama“ Sabrina Pagalies (Mitte). Foto: Fritz Kopetzky
... lässt sich dann aber doch von Esther Görlich und Birgit Lange (links und rechts) streicheln, auf dem Arm von „Mama“ Sabrina Pagalies (Mitte).

Ein guter Start

Die Tiere konnten schon laufen, waren aber in einem erbärmlichen Zustand, ergänzt Birgit Lange: „Sie waren ganz verängstigt, sehr dünn und das Einfangen war mühsam.“ Seit einem halben Jahr ist sie Vorsitzende der ToG; selbst hat sie Katzen, ebenfalls aus dem Tierschutz. Sie und Görlich halten Kontakt mit den zahlreichen Pflegestellen überall in Deutschland. Was genau ist eine Pflegestelle, und wer eignet sich dafür? Das und noch mehr will die Lokalredaktion wissen, als sie Pagalies besucht.

„Eine Pflegestelle gibt dem Tier zunächst mal einen guten Start hier im Land“, antwortet Pagalies, und Görlich erklärt: „Es gibt Pflegestellen, die ein Tier aufnehmen, bis ein Interessent kommt.“ Der Verein nennt sie „Adoptanten“. Außerdem, fährt sie fort, dass es auch Pflegestellen mit der Option einer „Übernahme“ gibt, ebenso wie auch die Direkt-Adoption angeboten wird.

Benni stromert mittlerweile in der Wohnung herum; er ist jetzt ein halbes Jahr alt und noch immer sehr schmal und zerbrechlich. Die Eheleute haben noch einen Tierschutz-Hund, Carlos. Weil der sich mitunter „territorial“ verhält, also Menschen und Heim „verteidigt“, wurde zunächst abgewartet, wie und ob sich die Rüden verstehen. In diesen Fällen kann eine Pflegestelle auch einen Hund zur Probe aufnehmen, und Pagalies sagt: „Diese Option gibt viel Sicherheit und nimmt den Druck raus.“ Also wurde beschlossen, das „Brüderchen“ für Carlos aufzunehmen. Vor gut zwei Wochen kam Benni in Frankfurt an, ein Flugpate war für die Zeit des Transports und pro forma der „Besitzer“ des Hundes.

Das Kennenlernen war für alle Beteiligten „überwältigend“, fasst es Pagalies zusammen: Benni lag erschöpft in seiner Box, „ein Würmchen. Mein Mann war schockverliebt“. Sie verhielt sich zunächst abwartend, schmolz jedoch dahin, als sie den Kleinen bis zur Ankunft in Rimbach auf dem Schoß hielt.

Irgendwann reckte er zaghaft die Nase in die Luft, nahm Witterung in seiner neuen Heimat auf. Dort angekommen, ging es gleich auf einen Spaziergang, und nach einer kurzen Phase des Beschnupperns war bei den Vierbeinern Sympathie da, aus der mittlerweile Liebe geworden ist. „Benni macht Carlos alles nach“, erklärt Pagalies lachend. Die beiden toben, buddeln in der Erde und vergewissern sich immer, dass der andere noch da ist. Abends kuscheln sie miteinander.

Mittlerweile ist klar: Weder Mensch noch Tier will den Kleinen wieder abgeben. Aus der Pflegestelle ist fast unbemerkt ein festes Zuhause geworden, Benni darf bleiben. Auch zwei seiner Geschwister kamen nach Deutschland, und die Vierte im Bunde fand auf Kreta ein Zuhause. „Manche Leute auf Pflegestellen verlieben sich gegen ihren Willen und haben dann so etwas wie ein ,Vorkaufsrecht‘ auf das Tier“, bemerkt Görlich und gesteht, dass das im Fall ihrer Hündin auch so war.

Für rüstige Rentner

Nach wie vor sucht die ToG Pflegestellen, fährt Lange fort: „Denn wir können nur so viele Tiere aufnehmen, wie wir Pflegestellen haben. Die ToG hat kein eigenes Tierheim.“ Mancher wird auch „Dauer-Pflegestelle“, wenn ein Tier, etwa wegen Krankheiten, schwer vermittelbar ist, sagt sie. Außerdem: „Reine Pflegestellen sollen keine Ausgaben haben. Futter und Tierarztkosten werden vom Verein übernommen.“ Wobei das Einige auch selbst zahlen. Mancher Tierfreund entscheide sich auch, ausschließlich Pflegestelle zu sein: „Eine Stelle hatte schon 40 Hunde.“ Und das Abgeben falle leicht, wenn klar sei, dass es das Tier im neuen Zuhause besser habe, etwa weil die Menschen mehr Zeit haben. Letztlich könne man ausprobieren, und das Ganze sei auch etwas für rüstige Rentner, die gerne noch mit einem Hund Gassi gehen, sich aber nicht mehr allzu sehr binden wollen.

Und dann gibt es noch die Kritik, die Fragen, warum man denn Hunde aus Griechenland holen müsse. Dazu sagt Görlich knapp: „Wir würden nie ein Tier holen, dem es auf Kreta so gut gehen würde wie bei uns.“

Mitgliedschaft, Spenden, Patenschaften und Kontaktdaten

  • Die Tierschutzinitiative ohne Grenzen (ToG) wurde 2009 von Mitgliedern der Tierschutzinitiative Odenwald (TSI) gegründet; wegen der Kooperation mit ausländischen Partnervereinen sei schließlich aus steuerlichen Gründen ein eigener Verein zur Hilfe für Tiere im Ausland gegründet worden, teilt die ToG mit.
  • ToG und TSI waren anfangs personengleich, doch wegen unterschiedlicher Zielsetzungen wurde 2021 beschlossen, dass sie von jeweils eigenen Vorständen geleitet werden. Die ToG hat aktuell 115 Mitglieder.
  • Der Verein hat 125 Hunde und 41 Katzen vermittelt, aktuell leben sieben Hunde auf Pflegestellen, deren Zahl wechselt. Für Katzen gibt es zehn; Tiere, die schwer zu vermitteln sind, leben in Dauerpflegestellen. Die ToG hat ihren Sitz in Rimbach und kooperiert seit Jahren mit der Tierschutz-Organisation APAL (Animal Protection And Lifeline) auf Kreta.
  • Gefördert werden Kastrationen von Hunden und Katzen vor Ort, die Versorgung von Streunern, medizinische Versorgung und die Aufklärungsarbeit.
  • Unterstützen kann man die ToG mit Spenden, einer Mitgliedschaft (die pro Jahr 30 Euro kostet), als Pate für ein Pflege-Tier, als „Adoptant“ oder als Pflegestelle.
  • Kontaktieren kann man die ToG unter 06253/972296 oder unter info@tsi-ohne-grenzen.de
  • Spenden kann an bei der Volksbank Kaiserslautern. IBAN: DE14 5409 0000 0001 2922 00.