Weinheim

Das lange Nachspiel des Coronavirus

Am 15. März ist Internationaler Long Covid Awareness Day. Wir haben mit einer Betroffenen aus Weinheim gesprochen. (Aus unserem Archiv.)

Symbolbild. Foto: Mircea Iancu / Pixabay
Symbolbild.

Siebenundsiebzig minus fünfundzwanzig. Zwei Studienabschlüsse versus eine Matheaufgabe aus der zweiten Klasse. Marion Ebbeke* muss grübeln. Ihr ist in dem Moment schlicht entfallen, was „minus“ verflixt noch mal war. Das heißt, sie weiß, dass sie es schon einmal wusste. Aber die Erinnerung ist von einem Nebel verschleiert, in diesem Moment einfach nicht für sie greifbar. Wie ein Wort, das auf der Zunge liegt. Und das doch nicht über die Lippen will. Als es der 47-Jährigen aus Weinheim wieder einfällt, kommt sie auch schnell auf die Lösung. Dafür wird die sie von ihrer Ergotherapeutin gelobt: „Das ging ja viel schneller als bei den letzten Malen!“ Den letzten Malen? Es ist bereits das dritte Mal, dass Ebbeke das Grundschüler-Aufgabenblatt bearbeitet. Die 47-Jährige leidet am Post-Covid-Syndrom. Davon ist laut Robert-Koch-Institut die Rede, wenn Beschwerden mindestens zwölf Wochen nach einer Corona-Infektion noch vorhanden sind oder nach dieser Zeit auftreten und nicht anderweitig erklärt werden können. Experten schätzen, dass 10 bis 30 Prozent aller Genesenen anhaltende gesundheitliche Einschränkungen haben. Eigentlich ist die Weinheimerin eine taffe, kluge Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist.

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Müdigkeit, wo Leistung war

Vor ihrer Corona-Erkrankung im Februar 2022 kümmerte sich die zweifache Mutter um die Töchter, schmiss den Haushalt und hatte ganz nebenbei noch einen anspruchsvollen Beruf, in dem sie Menschen Selbstbewusstsein und eine Richtung im Leben gab. Eine High Performerin, wie man heute sagt, deren innerer Motor immer auf Hochleistung war. Heute plagt sie eine enorme Müdigkeit. Hinzu kommen Schmerzen in Gliedern und Gelenken. Vor allem aber machen ihr kognitive Einschränkungen wie Gedächtnisverlust zu schaffen. Die heftigen Symptome, die die Covid-Erkrankung bei Ebbeke mit sich brachte, nehmen bei der Weinheimerin bereits seit bald zwei Jahren kein Ende. Was die grippalen Symptome anbelangte, war es kein besonders schwerer Verlauf. „Es ging“, erinnert sich die 47-Jährige, „ich hatte Fieber, Husten und Muskelschmerzen. Nichts Ungewöhnliches.“ Nach zehn Tagen war der Schnelltest wieder negativ. Corona war weg. Die Symptome blieben. Bis heute. Eine extreme Fatigue ergriff Besitz von der 47-Jährigen. „Das ging so weit, dass ich überall und in allen möglichen Situationen einfach eingeschlafen bin.“ Zweimal hinterm Steuer: „Gott sei Dank gibt es die moderne Autotechnik. Als der Spurwechselassistent und Abstandssensor losgingen, war das ein regelrechtes Konzert, das mich wieder aufgeweckt hat.“

Es waren nur einige von vielen Alarmzeichen. Ebbekes Motorik verweigerte ihr den Dienst. Sie konnte keinen Flaschendeckel mehr aufschrauben, keine Pfanne anheben. Das Umblättern einer Seite wurde zur schier unlösbaren Geschicklichkeitsaufgabe. Was der 47-Jährigen jedoch am schwersten zu schaffen machte, was ihr bis zum heutigen Tag am stärksten zusetzt, sind die kognitiven Einschränkungen, die sie seit ihrer Corona-Erkrankung plagen. „Der Begriff ,Brain Fog’ trifft es, finde ich, am besten“, sagt die ehemalige Beraterin. Wie als herrsche ein Nebel in ihrem Gehirn, fällt es der 47-Jährigen schwer, klare Gedanken zu fassen. Das zeigt sich bei Ebbeke beispielsweise beim Abruf von Faktenwissen, an Wortfindungsstörungen und Erinnerungslücken: „Ich habe eine riesige Gedächtnisschwäche. Ich muss die Dinge aufschreiben, sonst haben sie für mich nie stattgefunden“, berichtet die Weinheimerin.

Nicht ernst genommen

Von ihrem Hausarzt habe sie sich damals nicht ernst genommen gefühlt. Auf der Suche nach der Ursache ihrer Probleme ging sie von Pontius zu Pilatus. Doch egal, ob Kardiologe, Pneumologe oder Rheumatologe: Alle Fachärzte, die sie aufgesucht hatte, bescheinigten ihr, kerngesund zu sein. „Erst der Neurologe hat das Thema sehr ernst genommen und mich an eine Post-Covid-Ambulanz überwiesen.“ Vor kurzem kam dann der rettende Anruf aus Heidelberg – Marion Ebbeke durfte kommen. Die Ambulanz gehört zur Klinik für Gastroenterologie, Infektionen, Vergiftungen und ist zentrale Anlaufstelle für Post-Covid-Patienten aus Nordbaden.

In der Regel, so erklärt Dr. Friederike Fellenberg, eine Sprecherin beim Universitätsklinikum Heidelberg, werden Patienten von ihren Hausärzten angemeldet. Neuzugänge werden in der Ambulanz zunächst einer ausführlichen Erhebung und Tests unterzogen. „In einer gemeinsamen Entscheidungsfindung werden (weitere) symptomorientierte therapeutische Maßnahmen besprochen“, so Fellenberg weiter. Es wird also quasi ein Programm erstellt, bei dem Betroffene beispielsweise Ergo-, Physio- und Psychotherapeuten sowie Rehas aufsuchen. Die Steuerung dieser Versorgungsmaßnahmen obliegt jedoch dem Hausarzt vor Ort.

Die Ambulanzen an den Universitätsstandorten Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm gewinnen bei der Behandlung von Post-Covid-Patienten wichtige Erkenntnisse über dieses noch so nebulöse Syndrom. Wissen, das im Anschluss den Allgemeinmedizinern im ambulanten Sektor zugutekommt. So schreibt das baden-württembergische Gesundheitsministerium, das die Ambulanzen im Rahmen eines Modellprojekts während der Pandemie initiierte, „eine rasche Überführung wissenschaftlich gewonnener Erkenntnisse in die ambulante Versorgung“ vor, erklärt Fellenberg vom Universitätsklinikum. Das Aufkommen in den Ambulanzen ist jedoch hoch. Die Sprecherin könne zwar keine genaue Auswertung von Patientenzahlen und Wartezeiten liefern. Sie spricht aber von einer „anhaltenden Nachfrage sowie resultierenden langen Wartezeiten“. Auf der Internetseite der Einrichtung steht: „Aufgrund der Vielzahl der Anfragen können wir derzeit nur in geringem Maße Termine anbieten.“ Die gezielte Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten Sektor und der Post-Covid-Ambulanz soll hier Abhilfe schaffen, so Fellenberg.

Von Fatigue über Sprachstörungen bis zu Muskelschwäche: Long Covid und Post-Covid haben viele Gesichter. Foto: CC BY-SA 4.0 DEED / RKI / BZgA
Von Fatigue über Sprachstörungen bis zu Muskelschwäche: Long Covid und Post-Covid haben viele Gesichter.

Marion Ebbeke hatte Glück. Ihr Therapieplan steht bereits. In ihm finden sich wöchentliche Sitzungen bei Physio- und Ergotherapeut wieder, sie geht zum Schwimmen und muss auf eine strikte Ernährung achten. Die ganz großen Erfolge bleiben derzeit zwar noch aus. Aber seit sie ihre Therapie begonnen hat, ist auch noch nicht viel Zeit verstrichen. Was sich deutlich verbessert habe, sei ihre Fatigue. Ihren Lebensalltag bewältigt die zweifache Mutter mit der „Löffel-Methode“. Die Kraft, die sie am jeweiligen Tag zur Verfügung hat, portioniert sie umsichtig. „Bis ich mich und die Kinder fertig gemacht habe und sie aus dem Haus sind, ist allerdings manchmal die Hälfte der Tagesenergie verbraucht.“ Dass sie irgendwann wieder ihren Beruf als Beraterin aufnimmt, hält die Weinheimerin zum jetzigen Zeitpunkt für ausgeschlossen. Aber das sei okay: „Es muss nicht so werden wie vorher.“ Wichtig sei, dass es weitergeht. Vielleicht mache sie ja irgendwann einen Kiosk auf oder leite ein Bed and Breakfast. „Irgendetwas werde ich schon finden“, sagt die 47-Jährige voller Hoffnung.

(*Name von der Redaktion geändert)