Weinheim

Ewigkeitschemikalie: Etliche weitere PFAS-Funde in Weinheim

Funde im Bereich der Weschnitz und auf dem ehemaligen Kreispflegeareal waren erst die Spitze des Eisberges ...

Während die Werte im Westen gering ausfallen, sind sie im Bereich der Weschnitz vergleichsweise hoch. Foto: Grafik: WNOZ / Hydrogeologisches Büro Dr. Berg und Dr. Girmond / Google Maps
Während die Werte im Westen gering ausfallen, sind sie im Bereich der Weschnitz vergleichsweise hoch.

Die Ewigkeitschemikalie PFAS ist an etlichen Punkten des Weinheimer Stadtgebietes nachgewiesen worden. So das vorläufige Ergebnis einer Untersuchung, die vom Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises in Auftrag gegeben wurde. Kernstadt, Norden, Westen, Osten: Hier überall wurden bei der Entnahme von Bodenproben Kleinstmengen der PFAS-Untergruppe PFOS gefunden. Aufgrund ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften finden sich PFOS in Textilien, Feuerlöschmitteln und in der Elektroindustrie. Unter anderem wegen ihrer Langlebigkeit und Gesundheitsrisiken wird der Umweltschadstoff streng von der EU reglementiert und schrittweise verboten.

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Wo wurden PFOS in Weinheim gefunden?

Das Landratsamt hat ein hydrogeologisches Büro mit Sitz in Hirschberg beauftragt, das 33 Untersuchungsgebiete ins Auge fasste. Dort wurden und werden in einer Tiefe von bis zu 30 Zentimetern sowie in einer Tiefe zwischen 30 und 60 Zentimetern Bodenproben entnommen. Ergebnisse liegen für 26 dieser 33 Flurstücke vor. Von den 26 Untersuchungsgebieten wiederum weisen 24 eine Kontamination mit PFOS auf. Mit Ausnahme von Weinheims Süden wurden bislang überall Spuren der Ewigkeitschemikalie gefunden.

Auf welchen Untersuchungsgebieten waren die Werte am höchsten?

In westlicher Richtung traten vergleichsweise geringe Werte zwischen 20 und 130 Nanogramm PFOS pro Liter auf. Deutlich höher sind die Funde im Bereich der Alten und Neuen Weschnitz sowie in Richtung Sulzbach. Nachdem das Regierungspräsidium (RP) in Karlsruhe bereits im Mai Werte von bis zu 3500 Nanogramm pro Liter im Bereich des Oberbodens der Neuen Weschnitz gefunden hatte, weist ein Flurstück zwischen den beiden Ausläufern des Gewässers bis zu 770 Nanogramm auf. Noch höher ist ein Fund im Norden mit bis zu 1500 Nanogramm. Auffällig ist, dass sich alle drei dieser Messpunkte in der Umgebung des Industrieparks Freudenberg befinden.

An und entlang der Weschnitz stieß das Regierungspräsidium auf PFAS. In der Spitze wurden 3500 Nanogramm pro Liter gemessen. Dies im Oberboden der Neuen Weschnitz. Foto: Philipp Reimer Fotografie
An und entlang der Weschnitz stieß das Regierungspräsidium auf PFAS. In der Spitze wurden 3500 Nanogramm pro Liter gemessen. Dies im Oberboden der Neuen Weschnitz.

Was sagt die Unternehmensgruppe Freudenberg zu den Funden vor der eigenen Haustür?

Auf Anfrage, ob und in welchen Bereichen PFAS, insbesondere PFOS, bei Freudenberg zur Anwendung kommen, nennt Sprecherin Martina Muschelknautz Marktsegmente wie Elektromobilität, Energie und Textilien. „Zum aktuellen Stand der Technik lassen sich diese Substanzen in vielen Anwendungsbereichen nicht gleichwertig ersetzen“, so Muschelknautz. Selbst stelle die Freudenberg-Gruppe aber keine PFAS her. Gleichzeitig arbeite die Unternehmensgruppe an Lösungen, um gänzlich auf die Ewigkeitschemikalie zu verzichten. In der Geschäftseinheit Chem-Trend beispielsweise sei das gesamte Sortiment an Trennmitteln auf PFAS-freie Alternativen umgestellt worden.

Wie sieht es mit der Entsorgung aus? Kann ausgeschlossen werden, dass PFAS in Kontakt mit der Weschnitz kam?

„Wir nehmen die gesetzlichen Vorgaben sehr genau – umweltbewusstes Handeln und nachhaltiges Wirtschaften sind Grundbestandteile unserer unternehmerischen Verantwortung.“ Soweit PFAS oder Untergruppen in der Produktion eingesetzt werden, halte sich Freudenberg streng an gesetzliche Regelungen und Vorgaben und entsorge die Materialien ordnungsgemäß.

Stichwort Weschnitz: Wie sind dort die aktuellen Untersuchungsergebnisse des Regierungspräsidiums?

Während das Landratsamt für die Bodenproben in der Fläche verantwortlich ist, fokussiert sich das Regierungspräsidium in Karlsruhe auf die Beprobung in und um die Weschnitz.

Ausgehend von den Messpunkten, die im Mai beprobt wurden (oberhalb des Verteilerwehrs bis zur Querung der B 38), fanden nun Untersuchungen bis zur hessischen Landesgrenze statt. „Nach Westen hin nahmen die Werte rasch ab und jenseits der A 5 waren im Gras der Dämme keine PFAS mehr nachweisbar“, so Sprecherin Irene Feilhauer.

Was sagen die Werte aus? Wann besteht ein Gesundheitsrisiko?

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat den TWI-Wert für die Gruppe der PFOS auf 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche festgelegt. Der TWI-Wert (tolerierbare wöchentliche Aufnahme) definiert die durchschnittliche Menge eines Schadstoffs, die im Laufe eines Lebens wöchentlich verzehrt werden kann, ohne dass daraus eine gesundheitsschädliche Wirkung resultiert. Bei einem Gewicht von 85 Kilogramm wären das beispielsweise 374 Nanogramm pro Woche.

Besteht also eine Gefahr für Bürger?

Eher nicht. Vor allem, weil sie nicht mit höheren Konzentrationen in Berührung kommen. Dr. Andreas Welker, Leiter des Kreis-Gesundheitsamtes, verweist auf eine Untersuchung des Landesgesundheitsamtes im Landkreis Rastatt, wo großflächig PFAS im Boden von landwirtschaftlich genutzten Grundstücken gefunden wurden. „Diese hat gezeigt, dass die Aufnahme von relevanten Mengen der sehr beständigen, aber reaktionsarmen Stoffe hauptsächlich über belastetes Trinkwasser erfolgte“, so Welker.

Was ist mit dem Trinkwasser? Ist es kontaminiert?

Nein. Die Trinkwasserversorgung in Weinheim und Umgebung erfolgt über das Werk in Hemsbach. Dort wird das Grundwasser aus einer Tiefe von 60 bis 100 Metern gefördert. Darüber liegt eine dicke Tonschicht. „Es ist mehr als 500 Jahre alt und garantiert frei von PFAS“, so Stadtwerke-Chef Alexander Skrobuszynski.

Das Trinkwasser wird in Hemsbach gefördert und anschließend verteilt. Foto: Thomas Rittelmann
Das Trinkwasser wird in Hemsbach gefördert und anschließend verteilt.

Und die Verursacher – gibt es hier Hinweise?

Landratsamtssprecherin Silke Hartmann erklärt auf Anfrage: „Zum jetzigen Zeitpunkt wird noch ergebnisoffen in alle Richtungen ermittelt. Konkret belastbare Hinweise auf eine bestimmte Quelle der Verunreinigung liegen derzeit noch nicht vor.“

Wie schätzen Rathaus und Landratsamt die bisherigen Untersuchungsergebnisse ein?

„Wir sind in erster Linie erleichtert, dass bei den Bodenuntersuchungen in Weinheim keine Hotspots festgestellt wurden und die festgestellten Belastungen deutlich unter den Werten aus den Weschnitzdämmen liegen“, sagt Rathaussprecher Roland Kern.

Landratsamtssprecherin Silke Hartmann erklärt, dass fundierte Aussagen zu den Ergebnissen erst nach Abschluss aller Probenahmen und Einholung notwendiger behördlicher Stellungnahmen sowie nach etwaigen weiteren Untersuchungsschritten gemacht werden können.