Saatschule baut "Villa Kunterbunt"
Chillen und bauen: Das Ferienlager "Saatschule" hat am Montag mit 170 Kindern begonnen.
Es ist Viertel nach neun am Dienstagmorgen in Hirschberg-Leutershausen, als die letzten Kinder und Betreuer oben an der Saatschule ankommen. Wie jeden Morgen ist eine lange Schlange von Mädchen und Jungen unterwegs, die den Aufstieg vom Kehrrang bis zu dem Ort angehen, an dem sie zwei Wochen lang ganz viele Wald-Abenteuer erleben werden. Noch sind die Temperaturen angenehm, gerade einmal 20 Grad sind es. Auch ein bekanntes Gesicht ist unter den Wanderern: Bürgermeister Ralf Gänshirt. Mit dem Rad ist er bis zum Treffpunkt am Wanderparkplatz gefahren, von dort aus mit den 170 Kindern und den Betreuern nach oben gelaufen.
Teamerin Monika Schmitt wartet oben schon auf hungrige Mäuler, die es zu stopfen gilt: Sie brutzelt Eier und Bratkartoffeln. Während die Mädchen und Jungen Cerealien, Brot mit Marmelade oder Nuss-Nugat-Creme verspeisen, gibt’s für die Betreuer eine Extra-Wurst. Denn schließlich tragen sie jede Menge Verantwortung und sind obendrein ehrenamtlich unterwegs.
Der Bürgermeister isst erstmal Rührei
An einer langen Tafel, mit roter Tischdecke, mit weißen Tupfen stärken sie sich für die kommenden Stunden. Auch Gänshirt genießt erst einmal ein Rührei und eine Tasse Kaffee. Zum zweiten Mal macht er bei dem Lager an der Saatschule mit. Im vergangenen Jahr, so erinnert er sich, hat er beim Bau der 30 Meter langen Kugelbahn mitgeholfen, die auf den Namen „KullerKiKi“ getauft wurde. Der Bürgermeister will erneut den ganzen Tag mit dabei sein und helfen, wo er gebraucht wird. Das passe ganz gut, „jetzt ist es im Büro recht ruhig“. Ihm macht das Ganze nicht nur großen Spaß, es ist vor allem auch „eine Wertschätzung den Betreuern gegenüber“.
Das Sagen hat hier oben im Wald allerdings nicht der Bürgermeister, sondern Jule Heinz, die Jugendbeauftragte der Gemeinde. Und die trommelt die Kids nach dem Frühstück erst einmal zusammen. Zwei Geburtstagskinder werden gefeiert: Alize, eine Teamerin aus der französischen Partnergemeinde, wird 16, Luan feiert seinen achten Geburtstag. Beide bekommen aus Pflanzen gewundene Geburtstagskränze und natürlich ein Ständchen.
Während der Bürgermeister die Holzwerkstatt und die Kreativwerkstatt in Augenschein nimmt, stehen die Kinder an, um sich Werkzeuge und Eimer zu holen. Weiter geht es mit dem Bau der Hütten. Der Bürgermeister knuddelt derweil Hund Cookie, der die Streicheleinheiten sichtlich genießt. Ein paar Schritte weiter ertönt im Chor ein lautes „Wir wollen Ellen!“. Gemeint ist freilich keine Teamerin mit diesem Namen. Vielmehr stehen die Mädchen und Jungen Schlange an der Ausgabe des begehrten Hanfseils – und das wird ellenweise ausgegeben. Wobei die Ellen je nach Größe des Kinderarms, an dem sie abgemessen werden, ganz schön variieren können. Wozu das Hanfseil benötigt wird, sieht man ein paar Schritte weiter. Seit dem Vortag hat sich einiges getan beim Hüttenbau. Und da spielt das Seil eine wichtige Rolle. Die Gruppe „Forest Bar“ hat daraus auf einer Seite der entstehenden Hütte ein riesiges Netz gewoben. Am Ende soll Farn durchgewoben werden und so eine grüne Wand entstehen.
Der sechsjährige Moritz staunt, was die größeren Jungs alles auf die Beine stellen. Das „Wolfsrudel“ kämpft zur gleichen Zeit mit einem riesigen Stamm, der als Eckpfeiler in den Boden eingelassen werden soll. Mindestens 30 Zentimeter tief haben sie gegraben, nun müsste das Teil mit Lehm und Pflöcken gesichert werden, damit es nicht umfällt und jemanden verletzt. Während die Kinder über eine Lösung diskutieren, hält Teamer Matthias Zwipf den Stamm geduldig fest.
Kinder chillen mehr, als dass sie bauen
Seit zehn Jahren ist der Vater dreier Kinder als Betreuer mit von der Partie. „Weil das hier eine ganz gute Sache ist“, erklärt er. Ein weiterer Vorteil ist, dass die eigenen Kids auf alle Fälle einen Platz bekommen und nicht auf das Losverfahren hoffen müssen. Denn auch in diesem Jahr gibt es wieder viel mehr Bewerber als Plätze für das Ferienlager.
Bei einer anderen Gruppe hat sich gegenüber dem Vortag nicht viel verändert. Sie chillen mehr, als dass sie bauen. „Hey, wir ham Ferien, man“, meint einer. Der „West-Wachturm“ ist dagegen ein regelrechtes Vorzeige-Objekt: Und das liegt ganz offensichtlich daran, dass die beiden Jung-Teamer Noah Raupp (15 Jahre) und Lilja Remde (14) mit ihrem Ehrgeiz die gesamte Gruppe angesteckt haben. Beide waren schon als Kinder dabei. „Jetzt sind wir zu alt. Aber wir wollen, dass andere Kinder auch eine schöne Zeit haben“, erklärt Noah stellvertretend für beide seine Motivation. Lilja sitzt währenddessen im ersten Stockwerk der stabil aussehenden Hütte Nummer 1. Wenige Schritte entfernt entsteht Hütte Nummer 2. Der Clou: Beide Bauwerke sollen mit einer Brücke verbunden werden. „Wir wollen jedes Jahr die größte Hütte bauen“, erklärt Noah.
Die Waldrocker nahe dem Weg bekommen unterdessen unerwartete Hilfe: Ein professioneller Erdbohrer wird angeworfen und gräbt sich in das Erdreich. Da haben sie sich viel Graberei gespart. Mittlerweile packt auch Bürgermeister Gänshirt bei einer Gruppe tatkräftig mit an. „Noch eineinhalb Stunden bis zum Mittagessen“, ruft eine Kinderstimme irgendwo aus dem Unterholz. Reispfanne soll es geben. Ein paar Kinder spielen Tischtennis. Später tagt zum ersten Mal der Hüttenrat. Immer wieder werden auch Käfer beobachtet oder Bäume bewundert – etwa der große Mammutbaum oder die Schirmakazie. Heute steht die große Wald-Rallye auf dem Programm. Da werden die Mädchen und Jungen sicher viel Neues lernen und Spannendes erleben.