Freudenberg und die Nazis: Ein Buch räumt mit einem Weinheimer Mythos auf
In einem 2016 erschienenen Buch arbeitet Joachim Scholtyseck die Unternehmensgeschichte von Freudenberg von den Anfängen bis 1949 auf.
Freudenberg – dieser Name klingt in Weinheim nach Macht, nach Geld und Tradition und es schwingt auch viel Ehrfurcht mit. Nun ist ein Buch erschienen mit dem Titel „Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur“ (Autor ist Joachim Scholtyseck), das auf 650 Seiten die Unternehmensgeschichte von der Gründung 1849 bis 1949 behandelt. Klingt zunächst nach trockenem Stoff. Muss man das wirklich lesen? Die Weinheimer Nachrichten nennen zehn Gründe, warum sich die Lektüre lohnt.
1. Die zentrale Fragestellung ist brisant: Wie tief waren die Freudenbergs in die Machenschaften der Nazis verstrickt? Wie nahe stand Richard Freudenberg (1892 bis 1975) den braunen Machthabern? In welchem Umfang hat das Unternehmen beispielsweise von der „Arisierung“ jüdischer Unternehmen profitiert? Wusste Freudenberg, unter welch grausamen Bedingungen die Testergebnisse auf der „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen zustande kamen?
2. Der Autor Joachim Scholtyseck ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und hat bereits die Geschichte anderer deutscher Familienunternehmen und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus erforscht. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen Hitler“ sowie „Der Aufstieg der Quandts“.
3. Für seine Arbeit hat Scholtyseck nicht nur das Unternehmensarchiv durchforstet, sondern auch Quellen aus 37 weiteren Archiven ausgewertet, unter anderem den National Archives in London und Washington sowie des Center for Jewish History New York und der Gedenkstätte Sachsenhausen. Persönliche Briefe, Militär-Dokumente der US-Army, Vernehmungsprotokolle, Geheimdienst-Akten und Zeugenaussagen von KZ-Aufsehern und Häftlingen in Sachsenhausen.
4. Die Familie Freudenberg hat selbst den Anstoß zur Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Firmengeschichte gegeben – als Reaktion auf die 2010 erschienene Studie von Anne Sudrow „Der Schuh im Nationalsozialismus“, in der Details über die KZ-Schuhprüfstrecke an die Öffentlichkeit kamen.
5. Scholtyseck stellt die Geschichte des Unternehmens und seiner Verantwortlichen in den geschichtlichen Kontext. Er schildert die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Epochen, die Schwierigkeiten, mit denen Freudenberg zu kämpfen hatte, das unternehmerische Selbstverständnis.
6. Der Person Richard Freudenbergs und anderer Familienmitglieder während der Nazizeit nähert sich der Autor unvoreingenommen. „Stellungnahmen gegen Hitler, die vor allem Richard und Walter Freudenberg in den Jahren 1932 und 1933 abgaben, zeigen aufrechte und standhafte Verteidiger der Demokratie“, auch die zahlreichen Ehen der Freudenbergs mit jüdischen Frauen zeigen: Überzeugte Nazis waren sie nicht. Gleichzeitig profitierte ihr Unternehmen von der NS-Politik, beschäftigte Zwangsarbeiter in den Werken, arrangierte sich mit dem System, auch das zeigt Scholtyseck deutlich auf. Er spricht von einer „schiefen Bahn, von der die Unternehmensleitung keinen Absprung fand.“
7. Besonders erschütternd ist Kapitel 15, das sich mit der Beteiligung Freudenbergs an den Materialtests auf der 1940 im KZ eingerichteten „Schuhprüfstrecke“ beschäftigt. Der Autor ist sich sicher, dass Richard Freudenberg sehr wohl über die Hintergründe informiert war. „Zwar ist es unwahrscheinlich, dass er die ,Schuhträger‘ im KZ je selbst zu Gesicht bekam“, doch vier Freudenberg-Führungskräfte standen „in direkter Verbindung zu den Schuhprüfern im KZ Sachsenhausen.“ Ein ehemaliger Insasse, Primo Levi, schreibt in seinen Lebenserinnerungen über Sachsenhausen: „Der Tod beginnt mit den Schuhen.“ Prügel, Schikanen, 35 Kilometer täglich legten die Gefangenen in teils zu kleinen Schuhen ohne Strümpfe zurück, Gewaltmärsche von bis zu 100 Kilometern sind dokumentiert – viele Häftlinge überlebten das nicht.
8. Das Buch räumt auch mit einigen Mythen auf, die in Weinheim hartnäckig kursieren. „Richard Freudenbergs Eigendarstellung als unerschrockener NS-Gegner gehört zum Genre der sattsam bekannten Narrative“, schreibt Scholtyseck. Zwar wurde Freudenberg im Entnazifizierungsverfahren als „entlastet“ beurteilt. „Aber man kann seine Zweifel haben, ob ein solcher Spruch erfolgt wäre, wenn den Ermittlern und der Spruchkammer die Dokumente zur Verfügung gestanden hätten, auf die die heutige Forschung zurückgreifen kann“, schreibt der Historiker.
9. Das Buch ist hervorragend geschrieben und der Leser erfährt nebenbei interessante, unterhaltsame Details über die Familie.
10. Was bleibt? „Scholtysecks Buch erschüttert den Leser“, schreibt Carsten Knop zu Recht in der FAZ. Die Freudenbergs seien eben keine Nazis gewesen, hätten sich aber einem zweckrationalen Denken unterworfen, das in die Zusammenarbeit mit dem Hitler-Regime mündete. Und als Leser fragt man sich unweigerlich, wie hätte man wohl selbst entschieden?