Heidelberg-Weinheim: Wie die Bundestagskandidaten um Stimmen buhlen
Die kürzeste Wahlkampfphase der Bundesrepublik Deutschland steht an. Dabei setzen die Anwärter aus dem Rhein-Neckar-Kreis längst nicht mehr nur auf Wahlplakate.
Rhein-Neckar. Es ist die kürzeste Wahlkampfphase in der Geschichte der Bundesrepublik. Umso intensiver müssen die Politiker versuchen, um die Stimmen der Wähler zu buhlen. Unsere Redaktion hat sich bei den Kandidaten aus dem Wahlkreis Heidelberg-Weinheim umgehört, wie sie im digitalen Zeitalter die Werbetrommel rühren, welchen Stellenwert noch Auftritte in Präsenz genießen und welche regionalen Anliegen bis nach Berlin getragen werden sollen.
Franziska Brantner (Grüne)
Für die Bundesvorsitzende der Grünen sei es wichtig, „vor allem dahin zu gehen, wo man nicht sofort den roten Teppich ausgerollt bekommt“. Ihre Partei möchte sich für ein „bezahlbares Leben“ einsetzen sowie für „ein Land, das einfach funktioniert, und ein starkes Europa“. Beim Klimaschutz solle weiterhin Kurs gehalten und das Land weiter vorangebracht werden. Als Kandidatin möchte sie sich für die Anliegen der Bürger weiterhin im Deutschen Bundestag einsetzen. Hierzu will Brantner ins Gespräch mit den Bürgern kommen und Wahlkampfstände, Haustürwahlkampf und weitere Veranstaltungen (digital und in Präsenz) anbieten.
Gerade auf digitalen Plattformen und klassischen Wahlkampfveranstaltungen sieht Brantner eine gute gegenseitige Ergänzung. Einen Unterschied zwischen älteren und jüngeren Generationen mache sie dabei nicht. Alle Menschen, „egal ob jung oder alt“, sollen ein Angebot erhalten. Orientiert an anderen Parteien wird sich insofern, als dass man „offen für gute Ideen aller demokratischen Parteien“ sei, so Brantner. Was die Gestaltung ihrer Plakate anbelangt, teilte sie unserer Redaktion mit, dass mit klaren Botschaften und einem „herausstechenden Design“ gearbeitet wird. Auf Bundesebene möchte sich Brantner weiterhin für „unsere schöne Region“ und „unseren herausragenden Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort“ einsetzten sowie Schulen, Kitas, Vereine und Initiativen fördern. Für Brantner gehe es im Wahlkampf darum, zu überzeugen. Und sie fügt hinzu: „Klar, so ein Wahlkampf ist sehr intensiv, aber das macht auch Spaß.“
Alexander Föhr (CDU)
Der Bundestagsabgeordnete Föhr setzt während seiner Wahlkampagne auf einen direkten Austausch. Für die Bürger hat Alexander Föhr eine prägnante Aussage: „Für eine Zukunft, die sich wieder gut anfühlt.“ Gerade wegen der kürzeren Vorbereitungszeit sei er seinen Wahlhelfern „unendlich dankbar“ und wüsste, dass dieses Engagement nicht selbstverständlich sei. Verschiedene Generationen adressiere er mit unterschiedlichen Themen. Auch wenn Föhr noch kein einziges Gespräch in der Region geführt habe, „bei dem Großeltern die Zukunft ihrer Enkel egal gewesen wären“. Aus seiner Sicht gehöre zu einer erfolgreichen Kampagne sowohl digitale als auch physische Präsenz. Über zehn Veranstaltungen und zahlreiche Infostände gehören dazu. Ergänzt wird das Ganze durch eine Social-Media-Kampagne. Hinsichtlich kommunaler Belange ist Alexander Föhr wichtig, dass sowohl Städte als auch Gemeinden im Wahlkreis wieder in die Lage versetzt werden, selbst gestalten können. Als Mitglied im Gesundheitsausschuss priorisiere er vor allem den Erhalt der GRN-Klinik. Allgemein möchte er sich für die Gestaltung eines zukunftsfähigen Gesundheitssystems starkmachen. Für ihn stellt sich der Wahlkampf als die Fortsetzung seiner politischen Arbeit als Bundestagsabgeordneter dar. Dafür versucht Föhr, das gesamte Jahr über in „fast jeder freien Minute“ präsent zu sein.
Tim Tugendhat (SPD)
Tugendhat sehe seine Partei insofern im Vorteil, als dass diese „ehrlich mit den Wählern ist“. Da er kein Berufspolitiker sei, möchte er genau das in seiner Kampagne wiedergeben: „Als Kandidat bin ich Außenseiter, aber ich bringe frischen Wind in den Bundestag, auch wenn ich für die älteste Partei Deutschlands antrete – oder vielleicht gerade deswegen.“ Den Bürgern möchte er vor allem eines vermitteln: Zuversicht. Für den Wahlkampf seien bereits über 100 ehrenamtliche Helfer im gesamten Wahlkreis zusammengekommen. Einen Unterschied zwischen den Generationen sehe er zumindest in der Auswahl der Themen nicht. Für Tugendhat ist ein persönliches Gespräch unersetzlich, auch wenn er die zunehmende Relevanz von digitalem Wahlkampf wahrnimmt. In Präsenzauftritten sehe er den Vorteil, dass „man ein Mensch zum Anfassen vor Ort ist“. Einen Vergleich zu anderen Parteien möchte Tugendhat nicht ziehen: „Die SPD ist groß genug, ihre eigenen Themen zu setzen.“
Für die Plakate haben sich die Sozialdemokraten etwas Neues überlegt: QR-Codes. Diese leiten die Bürger auf eine Seite weiter, über die weitere Informationen zu seiner Person zusammengeführt sind. Auf Bundesebene möchte sich Tugendhat für bezahlbaren Wohnraum einsetzen. Auch das Deutschlandticket, eine „Erfolgsstory der Ampelregierung“, solle „unter allen Umständen“ bestehen bleiben. Abschließend teilte Tugendhat unserer Redaktion mit, dass man „auf allen Ebenen, Bund, Land und Kommune, soziale, gerechte und nachvollziehbare Politik“ machen sollte.
Malte Kaufmann (AfD)
Der Wahlkreisvertreter der AfD möchte sich in den kommenden Wochen an Podiumsdiskussionen im Wahlkreis „und darüber hinaus“ beteiligen. Auch stünden diverse Firmenbesichtigungen und Social-Media-Beiträge auf seinem Wahlkampfprogramm. Besonders lobt Kaufmann die Präsenz in den sozialen Medien und die „vielen aktiven Mitglieder“, die für den Wahlkampf Flyer verteilen und Plakate aufhängen. Für die bevorstehende Wahl möchte er den Bürgern vermitteln, dass seine Partei für Heimat, Sicherheit und soziale Marktwirtschaft steht. Auf die Frage, ob bei der AfD zwischen „alter“ und „junger“ Generation unterschieden wird, antwortete Kaufmann: „Beide Zielgruppen haben wir immer im Blick. Beiträge auf TikTok sehen natürlich anders aus als zum Beispiel auf Facebook, YouTube oder X.“ Beim Wahlkampf setze er aufgrund der kurzen Zeitspanne vermehrt auf Social Media, auch wenn diverse Präsenzveranstaltungen zusätzlich durchgeführt werden.
Auf die Frage nach kommunalen Belangen antwortete Kaufmann, er wolle sich auf den Erhalt des Industriestandorts Deutschland konzentrieren, „insbesondere den der Automobilindustrie, die gerade auch für Baden-Württemberg und unseren Wahlkreis wichtig ist“. Für ihn gebe es keinen Unterschied zwischen einem Wahlkampf direkt vor einer Bundestagswahl und dem generellen Versuch, Wähler von den parteipolitischen Ansichten der AfD zu überzeugen: „Das geht Hand in Hand. Wir machen Politik für Deutschland auf allen Ebenen und wollen so lange wachsen, bis wir auch in Regierungsverantwortung kommen.“
Sahra Mirow (Linke)
Das Motto lautet: „Alle reden, wir hören zu.“ Mirow sieht ihre Partei in der Pflicht, in Bildung, Gesundheit und Soziales zu investieren. Die Vermögenssteuer solle wieder eingeführt und „kleine und mittlere“ Einkommen entlastet werden. Für ihre Wahlkampagne möchte sie den Bürgern nahebringen, dass eine „gerechtere Gesellschaft“ möglich ist. Gemeinsam mit ihren Wahlhelfern werden diverse Veranstaltungen organisiert, in regelmäßigen Abständen sollen Infostände aufgestellt, aber auch Haustürgespräche geführt werden. Für die unterschiedlichen Generationen sollen unterschiedliche Formate angeboten werden, sowohl digital als auch in Präsenz. Durch Social Media sehe Mirow die Veranstaltungen in Präsenz aber keineswegs gefährdet. Sie teilte unserer Redaktion mit: „Wichtig ist uns, nah an den Menschen und ihren tatsächlichen Problemen dran zu sein.“ Im Vergleich zu anderen Parteien sehe sie „Die Linke“ als sozial, „auch nach der Wahl“. Hier würden Themen angesprochen, die selbst im Falle einer Regierungsverantwortung nicht ihre Wertigkeit verlieren. Auf der kommunalen Ebene möchte sich Mirow „in Berlin dafür einsetzen, dass das Konnexitätsprinzip endlich wieder eingehalten und die Kommunen ausreichend finanziert werden“. Im Wahlkampf vor der Bundestagswahl erkennt sie lediglich in der Intensität einen Unterschied im Vergleich zur allgemeinen Wählermobilisierung. „Wahlkämpfe bieten eine Zeitspanne der erhöhten politischen Aufmerksamkeit, die wir nutzen wollen, um die wirklich relevanten Themen zu diskutieren“, so Mirow weiter.
Tim Nusser (FDP)
Deutschland könne nur durch einen Politikwechsel „wieder nach vorne kommen“, ist der FDP-Kandidat überzeugt und bezieht sich dabei auf Themen wie die Transformation von Wirtschaft und Mobilität. Was seine Kampagne anbelangt, unterstützen ihn seine Wahlhelfer beim Plakatieren und bei Hausbesuchen. Zudem betont Nusser, dass ihm ein „eigenständiges Social-Media-Team“ zur Seite steht. In Bezug auf die verschiedenen Generationen sehe er die Relevanz darin, „generationsübergreifende Dialoge zu fördern und zu zeigen, dass liberale Politik für alle Generationen Lösungen bietet“. Die Themen anderer Parteien würden zwar verfolgt, die FDP sehe sich aber nicht als Reaktion auf andere, „sondern als eigenständiges politisches Angebot“. Nusser verkörpere die „liberalen Kernanliegen von digitaler Innovation, Erfolg durch Leistung und der angemessenen Gewichtung der Belange der jungen Generation“. Für ihn sei das Konnexitätsprinzip wichtig. „Wer Aufgaben vorgibt, muss auch deren Finanzierung übernehmen“, so Nusser weiter. Für ihn liegt der Fokus – unabhängig vom Wahlkampf– darin, den Menschen zu zeigen, dass „wir ihre Anliegen ernst nehmen – egal, ob gerade gewählt wird oder nicht“.
Von Jannis Schüßler