Modernes Theater

Kinofilm über Weinheim als Heimat: So war das Leben in den 1960ern

Vorführung von „Selbstdarstellung – Lebensläufe aus einer Kleinstadt“ im Modernen Theater. Welche Weinheimer Persönlichkeiten der 1960er der Film zeigt und wann er läuft.

Emil Rensland war ein fingerfertiger Holzbildhauer. Foto: Screenshots: Bayerischer Rundfunk / "Selbstdarstellung - Lebensläufe aus einer Kleinstadt"
Emil Rensland war ein fingerfertiger Holzbildhauer.

Weinheim. Die alte Heimat kann man sich nicht aussuchen. Man wird in sie hineingeboren. In früheren Zeiten verbrachten Menschen im Normalfall ihr ganzes Leben an einem Ort. Es sei denn, wirtschaftliche Not oder Vertreibung zwangen sie, ihre Heimat zu verlassen. Deshalb war Heimat auch schon immer ein geografischer und sozialer Raum, den man sich durch einen schöpferischen Prozess aktiv aneignen kann, wie es die Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus formuliert.

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Impressum

In der Auseinandersetzung mit einem über 50 Jahre alten Filmdokument, in dem fünf Zweiburgenstädter ihr Leben schildern, hatte der Weinheimer Journalist Thomas Veigel die Idee, dieser Definition von „alter Heimat“ die Geschichten von Menschen gegenüberzustellen, die im Ausland geboren wurden, ab den frühen 1960er-Jahren nach Weinheim kamen und sich hier eine neue Heimat erarbeitet haben – ohne die alte zu vergessen. Eine enorme kulturelle und persönliche Leistung. Die Veranstaltung mit Film und Podiumsgespräch findet am Sonntag, 16. Februar, ab 11 Uhr im Kino Modernes Theater im Rahmen der baden-württembergischen Heimattage in Weinheim statt. Der Eintritt ist frei.

Gastwirt Leonhard Seib (KPD) kandidierte 1948 für das Amt des Oberbürgermeisters. Foto: Screenshots: Bayerischer Rundfunk / "Selbstdarstellung - Lebensläufe aus einer Kleinstadt"
Gastwirt Leonhard Seib (KPD) kandidierte 1948 für das Amt des Oberbürgermeisters.

Die Matinee wird veranstaltet von Thomas Veigel für den Grünen Salon sowie von Alfred Speiser und dem Modernen Theater. Zum Podiumsgespräch hat Thomas Veigel, der sein journalistisches Handwerk in den frühen 1980er-Jahren als Lokalreporter in Weinheim und an der Bergstraße lernte, drei Töchter von damals sogenannten Gastarbeitern eingeladen: Rosina Basile aus Italien, Stella Kirgiane-Efremidou aus Griechenland und Carmen Salazar aus Spanien – sie kamen mit ihren Familien in den 1960er-Jahren nach Weinheim. Den „Gastarbeitern“ hat Deutschland einen guten Teil seines Wohlstands zu verdanken.

Premiere bei der Matinee

Vierter Gast ist Aron Mazi Asgari, der als Christ im Iran verfolgt wurde und im Jahr 2015 nach Deutschland geflohen ist. Im Unterschied zu den anderen Gästen hat er seine alte Heimat verloren – eine Rückkehr ist aus heutiger Sicht nicht möglich. Die Besucher der Matinee werden auch eine Premiere erleben: Zum ersten Mal wird Rosina Basile öffentlich Lyrik vortragen, die sie aus dem Gefühl des Hin-und-Hergerissenseins zwischen der alten und der neuen Heimat geschrieben hat.

Grundlage der Veranstaltung ist der Film „In einem Ort wie Weinheim – Soziogramm einer Kleinstadt“. Im Jahr 1966 begann der Filmemacher Michael Fengler, damals enger Mitarbeiter von Rainer Werner Fassbinder und 1971 Mitgründer und erster Geschäftsführer des Filmverlags der Autoren, mit den Aufnahmen.

Wolfgang Daffinger ist einer von fünf Weinheimern, die in dem Film porträtiert werden. Er war von 1962 bis 1996 für die SPD Mitglied des Landtages. Foto: Screenshots: Bayerischer Rundfunk / "Selbstdarstellung - Lebensläufe aus einer Kleinstadt"
Wolfgang Daffinger ist einer von fünf Weinheimern, die in dem Film porträtiert werden. Er war von 1962 bis 1996 für die SPD Mitglied des Landtages.

Die Familie von Michael Fengler war 1945 aus dem damaligen Königsberg in Ostpreußen nach Mörlenbach gekommen, wo sich der Vater als Arzt niederließ. Wegen lange offener Finanzierungsfragen konnte der Film erst 1974 im Auftrag des Bayerischen Rundfunks fertiggestellt werden. Erhalten blieb nur ein 40-minütiger Zusammenschnitt des 90-minütigen Films unter dem Titel „Selbstdarstellung – Lebensläufe aus einer Kleinstadt“. Fünf Weinheimer erzählen darin aus ihrem Leben: Wilhelm Riedel, Wolfgang Daffinger, Hans Hohmann, Emil Rensland und Leonhard Seib. Alle fünf sind in Weinheim geboren, haben hier die Schule besucht, gewohnt und gearbeitet und sind hier gestorben: alte Heimat in Reinform. Sie zeichnen ein Bild ihrer Heimat vom Ersten Weltkrieg bis in die frühen 1970er-Jahre. Die Biografien der fünf Männer sind zum Teil miteinander verknüpft und von der Firma Freudenberg geprägt. Auch mit den Gästen auf dem Podium gibt es Berührungspunkte: Wolfgang Daffinger und Hans Hohmann kann man auch als Integrationskatalysatoren bezeichnen. Dieses besondere Filmdokument wird erstmals im Kino gezeigt.

Schmelztiegel der Kulturen

Weinheim ist wie viele andere deutsche Städte ein Schmelztiegel der Kulturen und neue Heimat für Menschen aus anderen Ländern. In Weinheim leben etwa 7.800 Ausländer aus 120 Nationen, das sind 17 Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon sind bis zu 1.000 Flüchtlinge und Asylsuchende. Einen großen Teil der ausländischen Bevölkerung stellen die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Nachkommen.

1960 kamen als Erste 259 Spanier nach Weinheim; Gastarbeiter anderer Länder folgten. 1979 lebten 3.846 Spanier in Weinheim, was einem Anteil von knapp neun Prozent der Bevölkerung entsprach. Die zweitgrößte ausländische Nationalität in Weinheim waren 1979 die Türken mit 894 Personen, an Position drei folgten die Italiener mit 347 Personen.

Wenn man alle Einwohner mit Migrationshintergrund (im Ausland geboren oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren) zählt, kommt man in Baden-Württemberg auf einen Anteil von fast 40 Prozent.