Heimattage

Modernes Theater: Emotionale Migrationsgeschichte und das Leben in 60er Jahren in Weinheim

„Wir waren zerrissene Kinder“ - emotional beschrieb Politikerin Kirgiane-Efremidou ihre Kindheit zwischen den Kulturen in Weinheim. Ebenfalls führte Journalist Thomas Veigel den Blick auf das Leben der Menschen in den 60er Jahren.

Von links: Aron Mazi Asgari, Stella Kirgiane-Efremidou, Thomas Veigel, Rosina Basile (verdeckt) und Carmen Salazar im Modernen Theater in Weinheim. Foto: Stadt Weinheim
Von links: Aron Mazi Asgari, Stella Kirgiane-Efremidou, Thomas Veigel, Rosina Basile (verdeckt) und Carmen Salazar im Modernen Theater in Weinheim.

Weinheim. Es waren emotionale Erinnerungen an eine Kindheit in Weinheim und doch zwischen den Welten. Am Sonntag fand im vollen Kinosaal des Modernen Theaters eine Film-Matinee unter dem Titel „Neue Heimat“ statt. Dabei wurde zunächst ein über 50 Jahre altes Filmdokument gezeigt, in dem fünf Zweiburgenstädter ihr Leben schildern. Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion statt, bei der drei Töchter von damals sogenannten Gastarbeitern ihre Geschichten erzählten.

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Drei Frauen, drei Erzählungen

„Wir waren zerrissene Kinder“, beschrieb Stella Kirgiane-Efremidou, deutsch-griechische Kommunalpolitikerin, ihr Aufwachsen im Odenwald. „In Deutschland die Griechen und in Griechenland die Deutschen.“ Carmen Salazar, die schon früh in ihrer Jugend Deutsch genauso gut gesprochen hat wie ihre Muttersprache, Spanisch, erinnerte sich an den ersten Schulbesuch, als der Lehrer das Gastarbeiterkind in die letzte Reihe setzte. Sie sollte „mal was malen“. Dass dieses dunkelhaarige Mädchen schon Deutsch konnte, lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Rosina Basile, die in Kalabrien geboren wurde und im Alter von sechs Jahren ihrem Vater ins deutsche Wirtschaftswunderland kam, hat über diese Zerrissenheit sogar ein Gedicht geschrieben. Sie trug es am Sonntagmorgen im bis auf den letzten Platz besetzten Kino „Modernes Theater“ vor. Zuerst auf Italienisch, dann auf Deutsch. Dazwischen stockte ihre Stimme.

„Neue Heimat“, so war die Film-Matinee beschrieben, in der der Weinheimer Journalist Thomas Veigel diese ambivalente Zeit in den 60er-Jahren am Beispiel seiner Heimatstadt beschreibt. Es war die Zeit des Wechsels. In vielen Köpfen nahm der schreckliche Zweite Weltkrieg noch viel Platz ein. Andererseits erlebte die junge Bundesrepublik ihren ersten Aufschwung. Menschen aus anderen europäischen Ländern mussten als Gastarbeiter angeworben werden. Da trafen Welten aufeinander, Deutschlands Gesellschaft veränderte sich im Laufschritt, und mancher kam nicht nach. Weinheim war weit vorne bei dieser Bewegung. Schon 1961 hatte die Firma Freudenberg die ersten spanischen Gastarbeiter geholt, 18 Jahre später hatte Weinheim fast 4.000 Mitbürger spanischer Herkunft.

Zeitzeuge Veigel, 1956 in Weinheim geboren, spannte den Bogen von einem Dokumentarfilm aus den frühen 70er-Jahren zu den Menschen, die damals als Kinder und Fremde nach Deutschland kamen. Das wurde zu einer spannenden Mischung der Erinnerungen – inmitten einer turbulenten politischen Zeit. „Als Thomas Veigel vor einem Jahr begonnen hat, diese Veranstaltung vorzubereiten“, erklärte Weinheims Pressesprecher Roland Kern in seiner Begrüßung, „konnten wir nicht wissen, dass sie in eine Zeit fallen würde, in der die Themen Migration und Integration so erhitzt geführt werden, wie im Moment“. Aber gerade jetzt sei es wichtig, „den Blick auf die positiven Aspekte der Migration zu lenken“. Und Menschen wie die Gäste des Podiums – neben Stella Kirgiane-Efremidou, Carmen Salazar und Rosina Basile noch der 2015 aus dem Iran geflüchtete Aron Mazi Asgari – seien definitiv solche positiven Beispiele gelungener Integration, die „unsere Stadtgesellschaft bereichern“.

Asgari, der als Christ in seinem Heimatland verfolgt wurde, hat sich kurze Zeit nach seiner Ankunft in Deutschland selbst in der Flüchtlingshilfe engagiert. Er arbeitet in seinem gelernten Beruf als Elektrotechniker und hat die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Sein Sohn besucht hier die Schule und den Sportverein. Sie wollen nicht mehr weg.

„Woinemer Sponier“

Mit den drei früheren „Gastarbeiterkindern“ zeichnete Thomas Veigel durchaus empathisch deren Biografie nach. Alle drei Frauen kamen jeweils mit ihren Eltern nach Deutschland, wurden sesshaft, erlebten menschliche Wärme und Gastfreundschaft, aber ebenso wie offen ausgetragene Fremdenfeindlichkeit. Heute sind sie wichtige Säulen der Weinheimer Stadtgesellschaft, ohne die Wurzeln gekappt zu haben. „Wir sind Neigeplackte, aber Woinemer Sponier“, wie es Carmen Salazar beschrieb. Sie bietet übrigens Stadtführungen durch das historische Weinheim in spanischer Sprache an. Auch Stella Kirgiane-Efremidou berichtete von einem Wechselbad der Gefühle: Vom Busfahrer, der sich weigerte, sie und ihre Schwester zu transportieren – aber auch von der Nachbarin, die ihre liebevolle Nachhilfelehrerin wurde.

Wie die Zeit war, in der diese Ankünfte stattfanden, zeigte die Dokumentation „In einem Ort wie Weinheim – Soziogramm einer Kleinstadt“ des Filmregisseurs Michael Fengler, der seinerzeit in Mörlenbach wohnte und sich Weinheim als typische Kleinstadt ausgesucht hatte. Darin werden der damalige NPD-Politiker Wilhelm Riedel, die Kommunalpolitiker Wolfgang Daffinger und Hans Hohmann, der Kommunist und Gewerkschafter Leonard Seib sowie der Künstler und Schöngeist Emil Rensland interviewt und porträtiert – garniert mit Anekdoten der Lokalgeschichte. Von beglückend bis erschreckend, wie die Zeiten halt so sind.

Die Veranstaltung war auch dank der Familie Speiser vom Kino „Modernes Theater“ eintrittsfrei. Es wurden Spenden in Höhe von fast 1.000 Euro gesammelt, die Thomas Veigel dem Begegnungscafé der Liebenzeller Gemeinde in der Nordstadt zukommen lässt.