Nach dem Dachstuhlbrand: Bürger beschweren sich über Einsatz
Der große Einsatz am Sonntagmorgen in Gorxheimertal beschäftigt noch immer die Feuerwehren - und sorgt für emotionale Reaktionen. Ein nachdenkliches Statement geht viral durch die Decke.
Gorxheimertal. Der Dachstuhlbrand in Gorxheimertal sorgt auch Tage später für Aufsehen: Für die Betroffenen wurde kurz nach dem Unglück ein Spendenkonto eingerichtet. Und wie nun am Dienstag deutlich wurde, musste sich die Feuerwehr Gorxheimertal einem weiteren Ärgernis stellen. Wie Gemeindebrandinspektor David Engelhardt erzählt, beschwerten sich Bürger für den Einsatz am frühen Sonntagmorgen. "Müde und erschöpft kommt man mittags gegen 13 Uhr nach Hause und muss noch einen Einsatzbericht anfertigen. Der Sonntag hat sich eh schon erledigt, und dann sieht man diese Beschwerdemails", schildert er.
Eigentlich wollte sich die Feuerwehr Gorxheimertal nicht offiziell dazu äußern. Engelhardt: "Es bringt nichts. Es sind immer die Gleichen, die sich noch dazu anonym melden." Die sich beschweren, weil sie in ihrer Nachtruhe gestört wurden, und die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes infrage stellen. Die in ihren Nachrichten provokante Fragen stellen.
Es sind solche Sätze oder Vorkommnisse wie kürzlich in Lützelsachsen, als ein Anwohner Gartenabfälle verbrannte und die anrückende Feuerwehr am Löschen hinderte. Es sind diese Beleidigungen, Behinderungen und Bedrohungen, von denen auch die Weinheimer Feuerwehr genug hat. Die den Weinheimer Pressesprecher Ralf Mittelbach der Feuerwehr zu solch emotionalen und nachdenklichen Statements auf seinem privaten Facebook-Kanal veranlassen. "Blickwinkel eines frühen Sonntagmorgens, wenn die Nachtruhe abrupt endet. Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, wenn man die Beschwerdemails nach einem Feuerwehreinsatz zur Kenntnis bekommt", startet Mittelbach den Einblick in seine Gedankenwelt, nachdem er von den Klagen der Bürger nach dem Dachstuhlbrand am Sonntagmorgen erfahren hat.
"Ich habe durchaus Verständnis, dass man über den Lärm oder Verkehrsbehinderungen nicht glücklich ist. Aber ich habe mit meinem Beitrag versucht, das Thema aus mehreren Blickwinkeln zu sehen", so Mittelbach. Sein Post wurde bereits über 1000 Mal geteilt. Das Thema stößt auch in der Bevölkerung auf Unverständnis.
Warnung über NINA-App herausgegeben
Wie Mittelbach schildert, dachten die Einsatzkräfte am Sonntagmorgen sogar an diejenigen, die gar nicht in unmittelbarer Nähe zum Brand leben. "Wir haben über die Warn-App NINA einen Alarm veranlasst, damit die Bewohner von Gorxheimertal und im Müllheimer Tal in Weinheim ihre Fenster schließen. Es gab eine massive Rauchentwicklung und die zog sich durch das komplette Tal. Es war richtig neblig."
"Früher war es eine Selbstverständlichkeit, mitanzupacken."
Was den Weinheimer Sprecher der Feuerwehr so stört, dass es "früher eine Selbstverständlichkeit war, mitanzupacken". Heute gehe es nur noch darum, was die Feuerwehr tun muss. "Dabei haben wir mittlerweile massive Probleme, die Flut an Einsätzen zu meistern und neue Helfer zu finden."
Es sei demotivierend, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen. "Was viele Bürger zum Beispiel unterschätzen: Wenn wir durch Tempolimit-Bereiche fahren, müssen wir trotzdem zügig zum Einsatzort kommen. In einer Tempo-30-Zone kann man natürlich als Verkehrsteilnehmer nicht damit rechnen, dass ein Feuerwehrfahrzeug angeschossen kommt. Deshalb sind Blaulicht und Martinshorn auch so wichtig." Würde die Feuerwehr dies aus Lärmschutzgründen unterlassen, müsste sie sich an die Straßenverkehrsordnung halten. "Im Notfall kann das niemand wollen. Wir möchten Menschen in Notlagen helfen und haben auch unsere Anforderungen, wie schnell wir am Einsatzort ankommen müssen, zu erfüllen", so Mittelbach.
"Unsere Fahrer haften, wenn etwas passiert"
Auch für den Hemsbacher Gemeindebrandinspektor Joachim Steilen handelt es sich um eine "frustrierende Entwicklung". "Sicherlich mag das Martinshorn lästig für Anwohner sein, aber es dient der Sicherheit. Und wir setzen es nur dann ein, wenn es auch wirklich notwendig ist." Wie Steilen ausführt, sei diese Entscheidung nicht immer einfach. Schließlich gebe es auch nachts Verkehrsteilnehmer oder Fahrradfahrer, die plötzlich um die Ecke gefahren gekommen. "Unsere Fahrer haften dann dafür, wenn es auf dem Weg zu einem Einsatz zu einem Unfall kommt."
"Da wurde der städtische Vollzugsbeamte angeschrien."
Immer wieder erleben die Feuerwehren, die Einsatzstellen ignoriert werden oder wie Gaffer die Maßnahmen behindern. "Heute ist eine Frau mit ihrem Auto einfach mitten durch die Einsatzstelle gefahren. Als ob wir mit fünf Feuerwehrfahrzeugen - mit Blaulicht - und zahlreichen Feuerwehrkräften auf der Straße nur einen Betriebsausflug machen würden", ärgert sich der Hemsbacher Gemeindebrandinspektor. Es sei auch schon bei einer Reanimation vorgekommen, die aus Pietätsgründen vor den Blicken der Passanten von der Feuerwehr abgedeckt wurde, dass die Passanten trotzdem zahlreich herumgestanden und gegafft hätten. "Da wurde der städtische Vollzugsbeamte tatsächlich von einigen angeschrien, weil er dies verhindern wollte." Steilen betont, dass es nach wie vor eine große Hilfsbereitschaft innerhalb der Bevölkerung gebe. Aber er macht auch deutlich: "Wir nehmen definitiv eine Entwicklung in die falsche Richtung wahr. Der Egoismus nimmt zu."
Ähnliche Worte findet auch David Engelhardt aus Gorxheimertal. Er schränkt zwar ein: "Beleidigungen sind eher in den größeren Kommunen wie Weinheim oder Hemsbach ein Thema und bei uns noch nicht." Auch wenn nach wie vor ein Großteil der Bevölkerung hinter der Feuerwehr steht und immer wieder positive Rückmeldungen kommen: Er nimmt mehr und mehr eine Gleichgültigkeit wahr. Und dann gibt es noch das andere Extrem: Es werden Notrufe getätigt, die gar keine sind. "Da nimmt ein Anwohner ein Wassergeräusch beim Nachbarn wahr und anstatt selbst zu klopfen und der Sache auf den Grund zu gehen, wird lieber die Feuerwehr alarmiert. Wir opfern unsere Freizeit und vernachlässigen unsere Familien dafür." Und wenn es dann doch mal berechtigte Notrufe sind, werden Engelhardt und Co. während der Einsätze oder danach mit Beschwerden konfrontiert.
"Keine Mehrheitsfähigkeit mehr"
"Das ist ein gesellschaftliches Problem geworden. Früher selbstverständliche Grundwerte und Tugenden der Gemeinschaft wie zum Beispiel Eigenverantwortung, Achtsamkeit, Respekt und aktive Nachbarschaftshilfe sind nicht mehr mehrheitsfähig. Stattdessen wird alles immer häufiger auf Hilfsorganisationen abgewälzt, welche diese Grundwerte noch abbilden, in denen sich aber auch immer weniger Bürger aktiv miteinbringen", betont Engelhardt. "Etwas mehr Verständnis und Eigenengagement wären sehr zu wünschen", spricht er aus, was vermutlich immer mehr Einsatzkräften der Feuerwehren durch den Kopf geht.