Nach über 60 Jahren: Warum der KSV Hemsbach die vereinseigene Halle verkaufen muss
Stirbt nach der Halle auch der Verein? Trainingsbetrieb ist komplett in die BIZ-Sporthalle verlegt. Gebäude an der Schillerstraße soll jetzt höchstbietend verkauft werden.
Hemsbach. Gesprochen wird schon lange darüber, jetzt wird es aber ernst: Der Kraftsportverein Hemsbach will seine Halle veräußern und ab der kommenden Woche offensiv in die Vermarktung gehen. Die „Migration“ der aktiven Abteilung in die Sporthalle des Bildungszentrums ist abgeschlossen. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, den Hallenverkauf perfekt zu machen.
Die vereinseigene Halle, die seit sechs Jahrzehnten die Kreuzung Schillerstraße/Schlossgasse prägt, könnte damit bald Geschichte sein. Ein Mitgliederbeschluss verpflichtet den Vorstand dazu, das Gebäude sowie das etwas mehr als 400 Quadratmeter große Grundstück an den Höchstbietenden zu veräußern – ganz gleich, was aus der Immobilie hinterher wird. Ein Abriss ist damit nicht zwingend, aber immerhin denkbar.
Leicht fällt dies keinem der vier Männer, die sich am Mittwochabend in der einstigen Gaststätte im Keller des Gebäudes treffen: Vorsitzender Jürgen Cortelezzi, sein Stellvertreter Bernd Nischwitz und Kassier Albert Löffel haben Kindheitserinnerungen an die Halle, weil sie die schon an der Hand ihrer Väter oder Großeltern erlebt und früh selbst gerungen haben. Die Halle war mehr als eine Sportstätte. „Die Erwachsenen haben unten ein Bier getrunken, wir haben oben in der Halle gespielt“, erinnert sich Albert Löffel an seine Kindheit und bekräftigt: „Das ist Heimat.“ Einzig Schriftführer Andre Bless gehört nicht zum alten „KSV-Adel“, er ist als Elternvater zum Verein gestoßen. Aber auch er kann sich an gar nicht so weit zurückliegende Zeiten erinnern, in denen nach Rundenkämpfen in der Halle anschließend noch ein gemeinsames Bier in der Gaststätte getrunken wurde.
Auch Brandschutz ist ein Thema
Ohne Frage: Mit der Halle geht ein Stück Identität verloren. Keine Frage aber auch: Mit der Halle läuft der Kraftsportverein Gefahr, selbst über die Klinge zu springen. Dach, Heizung, Sanitäreinrichtungen, Brandschutz – die notwendigen Investitionen an der in den Jahren 1961 bis 1964 in Eigenarbeit von Mitgliedern gebauten Halle belaufen sich nach Aussage von Vizechef Bernd Nischwitz auf mindestens 800.000 Euro. Geld, das der Verein nicht hat.
Den Todesstoß erhielt das Gebäude nach einer Brandschutzschau, die vor anderthalb Jahren stattfand und die ähnliche Konsequenzen für die KSV-Halle hatte wie für die Hans-Michel-Halle. Seither dürfen sich nur noch 199 Personen, die sich mit den Örtlichkeiten auskennen, gleichzeitig in der 155 Quadratmeter großen Sporthalle aufhalten, Brandsicherheitswache inklusive. Alleine, um die Brandschutzauflagen zu erfüllen, müsste der Verein einen sechsstelligen Betrag in die Hand nehmen, sagt Albert Löffel.
Dabei laufen dem KSV schon bei der normalen Unterhaltung die Kosten davon. Die Einnahmen aus der Kerwe gehen in der Regel komplett drauf, um die gestiegenen Energiekosten (Gas) und kleinere Reparaturen zu schultern. Früher gab es eine Gruppe von einem guten Dutzend rüstiger Rentner, die sich an ein bis zwei Tagen im Monat um die Instandhaltung gekümmert haben, früher war auch die Bar im Keller noch verpachtet – doch das ist alles Geschichte. Früher wurde die Halle gelgentlich für familiäre Feste an Privatleute vermietet, hier fand in der Vergangenheit auch mal das Gemeindefest der Christuskirche statt oder ein Comedyabend. Doch die Halle liegt mitten in einem Wohngebiet, sagt Löffel. Heute erntet der Verein bei größeren Veranstaltungen regelmäßig Beschwerden über Ruhestörung oder eine zugeparkte Straße.
Auslastung bei nur 20 Prozent
Die ersten Überlegungen, sich von der Halle zu trennen, gab es vor sieben Jahren, erinnert sich Vorsitzender Cortelezzi. Das war auch eine Reaktion darauf, dass die von der Stadt angestoßene Diskussion über den Neubau eines Hauses des Sportes, an der neben dem Kraftsportverein auch der Turnverein beteiligt war, im Sande verlief. Beide Vereine sahen sich nicht in der Lage, die Kosten für einen Neubau zu stemmen. „Zum Kauf eines Bauplatzes hätte es noch gereicht, nicht aber für ein neues Gebäude“, erinnert sich Bernd Nischwitz. Der Turnverein entschied sich, in seiner Halle zu bleiben und diese Stück für Stück zu sanieren, beim mit 220 Mitgliedern deutlich kleineren Kraftsportverein reifte die Überzeugung, sich von seinem Gebäude zu trennen. Das auch in Anbetracht der Tatsache, dass die KSV-Halle nur zu 20 Prozent genutzt wird, wie Vorsitzender Cortelezzi vorrechnet.
Verkaufen kann man aber nur, wenn man eine Alternative hat. Die fand der Kraftsportverein in der Turnhalle des Bildungszentrums. Dort gehen die 70 jugendlichen und 35 erwachsenen Aktiven ihrem Training nach, dort finden mittlerweile auch die Rundenkämpfe statt. Leicht war es dabei nicht, den Verein in die Belegung der Halle zu integrieren und am Anfang lief auch nicht alles glatt, erinnert sich Löffel. Doch seit September trainiert jetzt auch die vergleichsweise große Jugendabteilung im BIZ, am alten Standort in der KSV-Halle findet nichts mehr statt. Für die Lagerung der Matten erhielt der Verein mittlerweile eine Garage zugewiesen. Die wird nach Lage der Dinge nicht reichen, um das gesamte Inventar aus der KSV-Halle unterzubringen, der Vorstand ist jedoch optimistisch auch beispielsweise das Kerweequipment noch unter zu bekommen. Der KSV war bislang einer der wenigen Vereine, die an allen vier Kerwetagen ihre Straußwirtschaft geöffnet hatten. Auch wenn der Platz an der KSV-Halle wegfallen dürfte, wollen sie sich mit einem neuen Konzept und an andere Stelle weiterhin mit einem Angebot in das Volksfest einklinken.
Auch für das Projekt „Ringen und Lernen“, in dessen Rahmen der Verein jugendlichen Mitgliedern eine Art Nachhilfe zukommen lässt, wird an neuem Standort weiterlaufen. Auf der Suche nach einem neuen Raum für die 10 bis 15 Jugendliche starke Gruppe rannten sie bei Realschulrektor Bernd Wigand offene Türen ein, der ihnen die Nutzung eines wenig benutzten Schulraumes angeboten an, um das sehr erfolgreiche soziale Projekt fortzuführen.
Kosten im BIZ deutlich geringer
Finanziell hat sich der Wechsel für den Verein gelohnt. Die Nutzung der BIZ-Halle kostet den KSV gerade einmal ein Zehntel dessen, was die Nutzung der KSV-Halle gekostet hat, rechnet Löffel vor. Das würde sich selbst dann noch lohnen, wenn die Stadt die günstigen Gebühren, die aktuell bei 1,50 Euro pro Stunde liegen, anheben wird. Darüber hinaus entfällt für den Vorstand viel Zeit, die er aktuell noch in die Halle stecken muss. Zumindest künftig, sollte ein Verkauf zustande kommen.
Interessenten hat es schon gegeben, in der kommenden Woche werden weitere Gespräche geführt. Was am Ende dabei herauskommt, auch finanziell, weiß der Verein natürlich nicht. Der aktuelle Bodenrichtwert liegt bei 550 Euro. Bei 407 Quadratmetern Grundstücksgröße könnte da schon ein Betrag jenseits der 200.000 Euro herausspringen, je nachdem ob und wie ein Investor Abrisskosten geltend macht, denkt Kassier Albert Löffel laut nach.
Ein wenig Zukunftsmusik ist dann noch, was mit dem 1907 gegründeten Kraftsportverein selbst wird. „Der Badische Sportbund betrachtet den Verein als Exoten“, sagt Vizechef Nischwitz. Die Mitgliederzahl des KSV sei zu gering, um auf Dauer selbstständig weiterzubestehen, argumentiert der Verband. Stirbt nach der Halle auch der Verein? Im Vorstand wird auf jeden Fall laut darüber nachgedacht, Sparte eines größeren Vereins zu werden. Das wäre dann zwar das Ende des KSV, mit diesem Schritt könnten dann aber sein sportliches Angebot auch in Zukunft erhalten bleiben.