Weinheim

Neue Geschäfte rund um den Rodensteiner

Ein Viertel mausert sich. Gleich mehrere neue Läden holen das älteste Viertel Weinheims aus dem Dornröschenschlaf. Warum gerade junge Frauen wie Loredana Pitzus den Schritt in die Selbstständigkeit gehen.

Loredana Pitzus hat als Hochzeitsplanerin jetzt einen Showroom eröffnet. Foto: Iris Kleefoot
Loredana Pitzus hat als Hochzeitsplanerin jetzt einen Showroom eröffnet.

Sie sind jung, weiblich, kreativ und mutig: Gleich mehrere Frauen haben jetzt im Bereich der unteren Hauptstraße neue Geschäfte eröffnet und werten damit dieses älteste Weinheimer Quartier mit seinem besonderen Charme deutlich auf. Das Viertel rund um den Rodensteiner Brunnen mausert sich. Lange führte es ein Schattendasein unterhalb der Fußgängerzone, etwas ab vom Schuss – viele Gebäude baufällig, Ladengeschäfte leer, Schaufenster blind. Das soll sich jetzt ändern.

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Friseurmeisterin Isabell Schneider mit Wirtschaftsförderer Jens Stuhrmann. Foto: Stadt Weinheim
Friseurmeisterin Isabell Schneider mit Wirtschaftsförderer Jens Stuhrmann.

Die frühere Buchhandlung Hukelum in der Hauptstraße 21 direkt am Rodensteiner Brunnen präsentiert sich nach einer Kernsanierung chic und clean. Der Raum ist hell, es duftet herrlich nach Blumen. Hier hat Loredana Pitzus (30) vor fünf Wochen einen Showroom eröffnet, in dem sie – vom Blumenschmuck bis zum Tischgedeck – alles zeigt, womit sie für ihre Kunden Hochzeiten und andere Events ausstattet. „Das Gestalten von Räumen, das Organisieren und Dekorieren von Festlichkeiten und Events war schon immer meine Leidenschaft“, verrät die junge Frau. Ihre Passion hat die Viernheimerin schon vor Corona zum Beruf gemacht, mit „Loris Love“ kann sie ihren Kunden jetzt auch eine Anlaufstelle bieten, in der sie sich beraten lassen, aber auch direkt am gedeckten Probetisch Platz nehmen können. So gewinnen die Brautleute gleich einen Eindruck, wie die Deko später bei der Hochzeit aussehen könnte.

Ritter Hans von Rodenstein überwacht ganz oben auf dem Jugendstilbrunnen, was sich in Weinheims ältestem Viertel so tut. Und das ist einiges. Foto: Iris Kleefoot
Ritter Hans von Rodenstein überwacht ganz oben auf dem Jugendstilbrunnen, was sich in Weinheims ältestem Viertel so tut. Und das ist einiges.

Sofort vom Standort begeistert

Loredana Pitzus schwärmt: „Ich war sofort begeistert von diesem Standort.“ Keine 1-a-Lage zwar, aber mit erschwinglicher Miete. Und auf Laufkundschaft ist die frischgebackene Geschäftsinhaberin ohnehin nur bedingt angewiesen.

Das geht auch Melanie Reischert und Ulla Lang so. Die beiden Fotografinnen sind auf der Suche nach einem Atelier in der Hauptstraße 6 fündig geworden. Melanie Reischert, selbst Mutter von drei Kindern, hält die besonders glücklichen Momente von Liebes- und Hochzeitspaaren fest. Ihr Schwerpunkt ist eine gefühlvolle Porträt-, Paar- und Babybauchfotografie. Kollegin und Geschäftspartnerin Ulla Lang hingegen rückt fotografisch am liebsten „Plus-Size-Frauen“ ins richtige Licht. Sie sagt: „Mein Wunsch ist es, Frauen zu bestärken und ihnen vielleicht sogar ein Stückchen Selbstliebe zu schenken.“

Die Fotografinnen Ulla Lang (links) und Melanie Reischert fangen die schönen Momente des Lebens mit ihrer Kamera ein. Foto: Privat
Die Fotografinnen Ulla Lang (links) und Melanie Reischert fangen die schönen Momente des Lebens mit ihrer Kamera ein.

„Weinheim passt einfach perfekt zu uns.“

Das Fotostudio ist nur unweit des Showrooms der Hochzeitsplanerin zu finden. So können Synergien genutzt werden. Dass auch die beiden Fotografinnen, die wie Loredana Pitzus aus Viernheim stammen, sich ausgerechnet den Standort Weinheim für ihr Geschäft ausgesucht haben, ist kein Zufall. Melanie Reischert: „Weinheim passt einfach perfekt zu uns.“

Dritte im Bunde der Neuen rund um den Rodensteiner ist Isabell Schneider. Die Friseurmeisterin erfüllt das Gebäude eines ehemaligen Traditionsgeschäftes mit neuem Leben. Isabell Schneider, die in Lützelsachsen aufgewachsen ist, bedient ihre Kundschaft im Friseursalon „Isabell Schneider Hair & Lifestyle“ in den Räumen der früheren Eisenhandlung Gunßer gegenüber der Peterskirche. Nach zehn erfolgreichen Jahren in der Mannheimer Innenstadt und nach den Geburten ihrer beiden Söhne ist die Friseurmeisterin mit ihrer Familie in ihre Heimatstadt Weinheim zurückgekehrt.

Süße Köstlichkeiten serviert Nicole Frey im „Caramel“. Foto: Iris Kleefoot
Süße Köstlichkeiten serviert Nicole Frey im „Caramel“.

Schon mehr Laufkundschaft

Dass immer mehr Leben in die untere Hauptstraße einkehrt, hat auch Nicole Frey von nebenan schon bemerkt. Ihre Konditorei und Kaffeerösterei „Caramel“ ist ein Geheimtipp am Fuße des Viertels. Die 28-jährige Konditormeisterin backt seit 2019 in der Hauptstraße 4 kleine Kunstwerke. In der Auslage glänzt die Glasur auf feinen Törtchen und fruchtigen Tartelettes. Vor der kleinen Kaffeestube sitzen Gäste in der Sonne mit Blick auf die Peterskirche. „Durch die Friseurin haben wir jetzt schon mehr Laufkundschaft“, freut sie sich über die gestiegene Frequenz.

Gleich daneben weiß Immobilienmakler Henrik Kühnert um die Bedeutung eines attraktiven Umfeldes für die Geschäftswelt. Auch er nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass das Quartier jetzt wieder mehr Zuspruch erhält. Er sagt: „Ich habe das Gefühl, die Kunden sind gewillt, für ein individuelles Angebot auch ein paar Schritte weiter zu laufen.“

Eine Institution am Erbsenbuckel

Über die Belebung freut sich ebenfalls Natalie Gumb, die ihr Kosmetikstudio am Rodensteiner seit 13 Jahren betreibt. „Davon profitieren wir schließlich alle“, erklärt sie. Über mangelnde Kundschaft kann sich Ahmet Erciyas nicht beschweren. Er ist mit seinem Obst- und Gemüseladen eine Institution am Erbsenbuckel. Vor dem kleinen Laden in der Domhofgasse wartet gerade ein Mann mit Rollator. „Ich komme gleich raus und bediene Sie“, ruft Ahmet von der Ladentheke ins Freie. Er kennt den Stammkunden gut, weiß um seine Vorlieben bei Obst und Gemüse und um die körperlichen Beschwerden. „Man muss auf die Leute ein- und zugehen“, verrät Ahmet sein Erfolgsrezept. „In größeren Geschäften fehlt oft der persönliche Kontakt.“

Schon lange eine „Institution“ am Erbsenbuckel: Ahmet Erciyas. Foto: Iris Kleefoot
Schon lange eine „Institution“ am Erbsenbuckel: Ahmet Erciyas.

Aufhören oder weitermachen?

Den persönlichen Kontakt zu ihren Kunden pflegt auch Katharina Welcker in ihrem Concept Store für Babys und Kleinkinder „Gretchen“. Vor einem Jahr erfüllte sich die junge Frau den Traum vom eigenen Laden in der Hauptstraße 48. Ihr Mann vertreibt gleich daneben unter dem Namen „WINEheim“ exklusive Weine junger Winzer. Zwar lobt sie die schöne Lage, die nette Kundschaft und den Publikumsverkehr, „aber es reicht einfach nicht“. Sie gibt sich und ihrem Laden nur noch ein halbes Jahr: „Dann muss ich mich entscheiden, ob ich weitermache.“

Katharina Welcker führt das „Gretchen“ seit einem Jahr. Foto: Iris Kleefoot
Katharina Welcker führt das „Gretchen“ seit einem Jahr.

Die Hoffnung bleibt, dass durch die Neuen rund um den Rodensteiner zusätzlicher Schwung ins Geschäftsleben kommt, damit das charmante Viertel vollends aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst wird.