Polizei statt Polonaise auf dem Weinheimer Marktplatz
Nach der Todesfahrt von Mannheim bleibt es am Dienstag auf dem Weinheimer Marktplatz ruhig. Wie Passanten und Gastronomen auf die Absage reagieren.
Weinheim. Nach der Todesfahrt von Mannheim und der Absage der Straßenfastnacht bleibt der Weinheimer Marktplatz am Dienstag narrenfrei. Oder zumindest fast – nur vereinzelt lässt sich ein verkleideter Fastnachter blicken, der sich auf das Motto „Fantasie und Zauberwelt“ eingestellt hat. Statt Harry Potter, Hexen, Feen und Co. zeigen Polizisten Präsenz – mit Einsatzwagen rund um Marktplatz und Fußgängerzone sowie zahlreichen Einsatzkräften, die zu Fuß in der Innenstadt unterwegs sind. Weniger, um tatsächlich für Ordnung zu sorgen, sondern als Ansprechpartner für die Bürger und um ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Die Gelegenheit nutzt eine ältere Dame mit venezianischer Maske, die gerne feiern würde.
Sich nicht die Freiheit nehmen lassen
Trotz Absage hat Marktplatzwirt Andres Salazar in seinem Café Florian alle Hände voll zu tun. Die Terrasse sitzt voller Gäste. Enttäuschung über die Absage der Veranstaltung der IG Marktplatz lässt er sich nicht anmerken. Die Betroffenheit über das Attentat in Mannheim steht ihm ins Gesicht geschrieben: „Ich bin entsetzt, dass innerhalb so kurzer Zeit in unserer direkten Nachbarschaft zwei so tragische Dinge passiert sind.“
Salazar spricht den Opfern sein Beileid aus, sieht in der Absage aber auch ein zweischneidiges Schwert. „Natürlich wollen wir solidarisch sein, aber wir dürfen uns auch nicht die Freiheit nehmen lassen.“ Salazar stellt klar: „Wir haben nicht aus Angst abgesagt, sondern aus Anstand.“ Das sieht Kay Lietz ähnlich. Eigentlich hätte er zur selben Zeit im Bierwagen vor dem Café Florian ausschenken sollen, doch jetzt genießt er selbst ein Getränk in der Sonne. „Dass die Veranstaltung aus Respekt vor den Opfern abgesagt wurde, damit gehe ich konform“, findet der Weinheimer. „Grundsätzlich halte ich es aber für ein falsches Zeichen, weil die Menschen, die so etwas tun wie der Attentäter in Mannheim, ja genau das wollen.“
Da stimmt ihm Marc Stockmann zu. Aus Respekt vor den Opfern hält er die Absage für gerechtfertigt, für das Event selbst sei es schade. Beiden tut die Marktplatz-Gastronomie leid. Kay Lietz: „Der ganze Aufwand für nichts und wieder nichts.“
Ein Zeichen der Solidarität
Verständnis für die Absage der Stadt Weinheim hat auch Ulrike Klötzke-Demuth, die mit einer Freundin auf dem Marktplatz unterwegs ist. „Es ist gut, dass die Stadt Weinheim aus Sicherheitsgründen die Reißleine gezogen hat“, sagt sie. Schließlich habe die Verwaltung am Montag die Entscheidung kurz nach der Tat treffen müssen, zu einer Zeit, als noch nicht einmal klar war, ob es sich um eine politisch motivierte Tat handelte. Die Weinheimerin ist außerdem der Ansicht: „Man muss gerade in diesen Zeiten ein Zeichen der Solidarität setzen.“
Blüten im stillen Gedenken
Im Zeichen der Pietät steht gestern auch der Besuch der Weinheimer Blüten und des Corso-Komitees aus Weinheims Partnerstadt Cavaillon im Rathaus. Aufgrund der tragischen Ereignisse in Mannheim verzichten alle Anwesenden auf Kostüme, um ihre Anteilnahme zu zeigen. Den Gästen aus Frankreich überreicht Oberbürgermeister Manuel Just den eigens für die Heimattage hergestellten Secco, während die Franzosen Wein aus ihrer Region als Präsent mitbringen. Mit den Worten „Man braucht keine Sprache, wo das Herz spricht“ unterstreicht Oberbürgermeister Just die tiefe Verbundenheit zwischen den Partnerstädten. Das Corso-Komitee ist noch bis zum heutigen Aschermittwoch in Weinheim. Die enge Zusammenarbeit besteht seit Jahren, insbesondere durch den traditionellen Wagenbau für den Corso in Cavaillon. Ende Mai reist Andreas Kränze gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der Blüten in die Partnerstadt, um den Wagen für die kommende Saison zu begutachten.
Heringe zum Abschluss
Auch am Aschermittwoch wird die Kampagne nicht ohne einen Abschluss beendet: beim traditionellen Heringsessen, das ebenfalls in ziviler Kleidung begangen wird. Die Freundschaft zwischen Weinheim und Cavaillon zeigt sich so nicht nur in ausgelassenen Momenten, sondern auch in Zeiten des Innehaltens und Gedenkens.