Fastnacht

Schnipp Schnapp Schlips ab: Das waren die Rathausstürme in Weinheim und der Region

Ruckzuck ist der Schlips ein ganzes Stück kürzer. Jedes Jahr am Donnerstag vor Aschermittwoch werden im Rathaus die Krawatten gekürzt - auch in Weinheim, an der Bergstraße und im Odenwald.

Das hat auch gar nicht wehgetan: Im Nu wurde Bürgermeister Köpfle von seinem Schlips erleichtert. Foto: Schollmaier
Das hat auch gar nicht wehgetan: Im Nu wurde Bürgermeister Köpfle von seinem Schlips erleichtert.

Weinheim/Region. Der Donnerstag vor Aschermittwoch ist der Schmutzige Donnerstag - oder Weiberfastnacht. Der Tag markiert den Übergang von Sitzungs- zur Straßenfastnacht. Zumeist sind es Frauen, als Hexen verkleidet, die die Rathäuser stürmen und den Bürgermeistern die Schlipse abschneiden. So lief der Brauch in diesem Jahr in Weinheim, Hemsbach, Wald-Michelbach, Hirschberg, Absteinach und Co. ab.

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Weinheim: Sulzbacher Hutzeln erwischen zwei auf einen Streich

Weinheim. Mit lautem Getöse stürmten sie das Rathaus. Die Sulzbacher "Hutzeln" freuten sich sichtlich, am schmutzigen Donnerstag im Weinheimer Schloss auf die Suche nach Krawattenträgern zu gehen. Mit im Schlepptau hatten sie auch dieses Jahr wieder den ehemaligen Ersten Bürgermeister Dr. Thomas Fetzner – der die Truppe musikalisch begleitete. Die bunt bekleideten Hexen machten zuvor bereits Station im kleinen Rathaus in Sulzbach und brachten von diesem Besuch reichlich gute Laune mit.

Auch im Weinheimer Schloss wurden sie fündig. Neben dem Schlips von Oberbürgermeister Manuel Just musste ebenso die Krawatte von Andreas Buske, Erster Bürgermeister der Stadt Weinheim, dran glauben. Ganz zur Freude der Fastnachtshexen.

Im Dienstzimmer des Oberbürgermeisters überzeugten die Hutzeln mit viel Witz und Charme. Mit Girlanden schmückten sie das Zimmer, sodass es auch jeder im Schlosspark sieht: Die Hutzeln waren im Rathaus.

Die Freude an den Heimattagen war vonseiten der Hutzeln besonders groß. „Wenn es bei den Heimattagen brennt und es fehlt Personal, wir stehen euch auf jeden Fall zur Verfügung “, lautete es vonseiten der Hutzeln. Nach einem kleinen Gläschen Hexenwasser und dem gemeinsamen Essen von Pellkartoffeln mit Quark zogen die Hutzeln gut gelaunt und in prächtiger Feierstimmung weiter.

Schirmherren mal anders: Mit neuen Kopfbedeckungen und gekürzten Krawatten ließen sich Bürgermeister Andreas Buske (links) und OB Manuel Just von den Hutzeln närrisch machen. Foto: Stadt Weinheim
Schirmherren mal anders: Mit neuen Kopfbedeckungen und gekürzten Krawatten ließen sich Bürgermeister Andreas Buske (links) und OB Manuel Just von den Hutzeln närrisch machen.

Hemsbach: Manche Herren tragen sogar extra eine Krawatte

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Auch in Hemsbach fielen am schmutzigen Donnerstag die Narren ein. Genauer: die Hexen des Turnvereins (TV) in schwarzer und lilafarbener Robe. Sie ließen Bürgermeister Jürgen Kirchner und die Rathaus-Belegschaft aber immerhin bis zum Nachmittag arbeiten. Doch dann war Schluss mit Aktenwälzen. Der Brauch will es schließlich, dass die Damen in Verkleidung den Rathausschlüssel an sich nehmen. Und das mit ordentlich Rabatz.

Da wurde die Faschingsmusik einmal ganz laut aufgedreht, mit Sekt zugeprostet und Luftschlangen geworfen. Natürlich hatten die Hexen auch ihre Scheren dabei. Damit rückten sie den Verwaltungsherren zu Leibe, vielmehr: ihren Krawatten. Den Schlips abzuschneiden – das ist das wohl bekannteste Ritual der Weiberfastnacht. Dieser Brauch soll die Rangunterschiede aufheben – zum Beispiel zwischen Chef und Angestellten. Manche sehen darin auch eine symbolische Kastration. Juristisch gesehen gilt das Krawattenabschneiden zwar als Sachbeschädigung, die Hexen aber hatten dazu eine närrische Erlaubnis. Im Rheinland wird der „Krawattenraub“ traditionell mit einem Küsschen auf die Wange entschädigt. In Hemsbach gab’s für alle Sekt und Fastnachtsküchlein.

Frank Herbold, der gemeinsam mit Pia Kreis die Damen am Empfang willkommen hieß, hatte sich extra gerüstet. „Normalerweise trage ich eher seltener Schlips“, meinte er, den Spaß aber mache er gerne mit. Dafür gab’s auch ein paar Luftschlangen um den Hals sowie einen Apfel und einen Muffin. Oberhexe Maria Adamik und ihre Frauen kamen nicht mit leeren Händen.

Mit dem Aufzug ging es dann in den ersten Stock, wo Jürgen Kirchner schon wartete. Gemeinsam sangen die Frauen „A-ram-sam-sam“ – und Kirchner hieß sie mit den Worten: „Für euch scheint sogar die Sonne“ willkommen. Da wurde gebusserlt und umarmt. Diese Hexen sind gern gesehene Gäste der Verwaltung. Auch weil sie mit Geschenken kommen. Gestrn gab es eine Hexentasse. Vorschläge, was Kirchner daraus trinken könnte, gab es auch – und zwar in gereimter Form: „Macht dir die Verdauung Mühe, trinke Brühe. Tu Erde und auch Samen draus, dann gehen im Täschen Blumen auf. Und willst du mal den Groschen sparen, die Tasse hilft ihn aufzubewahren. Erscheint die Welt grau und fade, mach ´ne Tasse Schokolade. Sitzt traurig du auf dem Hocker, trink eine Tasse Mokka. Bist du müde und schläfst nicht ein, trinke aus der Tasse Wein. Und ist ein Freund doch mal bei dir, gib ihm aus der Tasse Bier. Dorscht dich schafft, trinke Saft. Sorge und tut was weh, dann trinksch halt aus der Tasse Tee. Und sagt zu dir jemand dummer Tropf – dann schlägst du sie ihm über den Kopf.“ (mpa)

Hatten eine gute Zeit zusammen: Bürgermeister Jürgen Kirchner und die TV-Hexen, die gestern das Rathaus stürmten. Foto: Fritz Kopetzky
Hatten eine gute Zeit zusammen: Bürgermeister Jürgen Kirchner und die TV-Hexen, die gestern das Rathaus stürmten.

Laudenbach: Mit Trommeln zum Krawattenschnitt

Laudenbach. In Laudenbach hat Lilly fette Beute gemacht. Anfangs hat sich die dicke, silbergraue Krawatte noch nach Kräften gewehrt, dann war sie gegen die kleine Fastnachterin aber chancenlos. Mit ein paar kräftigen Schnitten war das schmucke Garderobenstück passé. Das Opfer: Bürgermeister Benjamin Köpfle. Der katholische Kindergarten Abenteuerland ließ sich beim traditionellen Rathausbesuch am Schmutzigen Donnerstag um halb 11 auch nicht von prasselndem Regen entmutigen. 20 Minuten lang tanzten und sangen die Kinder mit ihren Erzieherinnen und dem Bürgermeister fröhlich vorm Amtsgebäude.

Angerückt waren sie mit Trommeln und ein paar Musikboxen. Zum Finale nahm sich die kleine Lilly dann ein Herz und ging dem Rathauschef furchtlos an den Kragen. Der spielte natürlich mit – und freute sich über den etwas anderen Rathausbesuch am Donnerstagvormittag.

Das hat auch gar nicht wehgetan: Die kleine Lilly aus dem katholischen Kindergarten Abenteuerland erleichterte Bürgermeister Köpfle von seinem Schlips. Foto: Schollmaier
Das hat auch gar nicht wehgetan: Die kleine Lilly aus dem katholischen Kindergarten Abenteuerland erleichterte Bürgermeister Köpfle von seinem Schlips.

Hirschberg: Die Apfelbachhexen stürmen das Rathaus

Hirschberg. Es war ein wahrlich schmutziger Donnerstag. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht, Kälte und Nässe krochen in die Knochen. Das tat der guten Stimmung aber keinen Abbruch. Denn der Brauch verlangt es nun mal, dass die Apfelbachhexen zu Beginn der fünften Jahreszeit das Hirschberger Rathaus stürmen, um von Bürgermeister Ralf Gänshirt den Schlüssel zu erbeuten. Gestern wurde der Rathauschef aber von Werner Volk vertreten. Lautstark fielen die Damen in schaurig-schöner Verkleidung in das Rathaus ein.

Zuvor waren sie mit Traktor und Anhänger laut hupend und „Helau“ rufend mit Hermann Reisig von Großsachsen nach Leutershausen gefahren. „Ich wurde genötigt“, erklärte der Fahrer unschuldig mit erhobenen Händen. Eigentlich habe er nur in den Weinberg fahren wollen, dann sei er zwangsverpflichtet worden. Das kam freilich nicht von ungefähr. Gattin Karin und die fünfjährige Enkelin Carla waren unter den wilden Apfelbachhexen. Unterwegs hatte die Gruppe im Fahrtwind einen Hut verloren, die Sitzbank war auf der Rolle durchgebrochen. Trotzdem waren sie super aufgelegt.

Althexe Ilse Vogelgesang stach mit roter Perücke aus der Masse hervor, Organisation und Leitung hatte sie zuvor aber Heike Tomczak übergeben. Limoncello und Sekt hielten warm und die Laune aufrecht. Aus der Musikbox lief Partymusik. Auf dem Rathausvorplatz warfen die Damen Bonbons – auch durchs Fenster des Bürgermeisters im ersten Obergeschoss.

Erste Vorboten dessen, was dann folgte. Mit dem lauten Gesang „Jetzt sind die Hexe do“ stürmten sie das Rathausgebäude. Die Männer im Rathaus hatten sich gewappnet. Während Bürgermeister Ralf Gänshirt ohnehin häufig Krawatte trägt, hatte sein Stellvertreter Werner Volk extra eine für die Damen umgeschnallt. „Ab und an trage ich schon mal Schlips“, so der Bürgermeister-Stellvertreter augenzwinkernd. Lang aber konnte er die nicht präsentieren. Schnipp, schnapp, die Krawatte war ab. Im Sitzungssaal brachten die Hexen noch das Ständchen „Jedes Johr im Winter“, mit dem einschlägigen Refrain: „Wenn die Apfelbachhexen durch die Straßen ziehen. Hirschberg helau, helau“ zur Melodie von „Wenn et Trömmelche jeht“. Ilse Vogelgesang las ein Gedicht vor, und auch Heike Tomczak hatte ein paar Zeilen vorbereitet: „Bürgermeister denkt, oh je, wenn ich die Hexen seh, dann geht’s mir an den Kragen. Dann hab ich nix mehr zu sagen.“

Mit diesen Worten übernahmen die Hexen laut kreischend den Rathausschlüssel. Dann gab es Sekt, Saft und Kräppel für alle, die Damen präsentierten außerdem ihren „Wir fahren mit dem Bob“-Tanz. Bis Aschermittwoch ist Hirschberg nun in Hexenhand. (mpa)

Noch lacht Bürgermeister-Stellvertreter Werner Volk. Sekunden später stand er ohne Krawatte da. Foto: Fritz Kopetzky
Noch lacht Bürgermeister-Stellvertreter Werner Volk. Sekunden später stand er ohne Krawatte da.

Närrische Frauen übernehmen kurzzeitig die Regentschaft im Wald-Michelbacher Rathaus

Auch im Wald-Michelbach Rathaus wissen die Frauen der Verwaltung zu feiern und so forderte pünktlich um 11.11 Uhr die närrische Zeit ihr erstes Opfer. Während im Rathaus und davor der normale Arbeitsalltag weiterlief, musste die Krawatte des Chefs, Bürgermeister Dr. Sascha Weber, herhalten und wurde sogleich um einige Zentimeter kürzer gemacht.

Mit bunten Kostümen, ausgefallenem Kopfschmuck und einer großen Schere bewaffnet, hatte der gut ausgesuchte Schlips des Bürgermeisters keine Chance, als ihm die närrischen Mitarbeiterinnen an den Kragen gingen. Der Stimmung des Rathauschefs tat dies jedoch keinen Abbruch und so wurde erst einmal mit der weiblichen Belegschaft auf das bevorstehende Fastnachtswochenende angestoßen. In gemütlicher Runde und bei Kräppeln und Getränken wurde die Weiberfastnacht ausgelassen gefeiert – zumindest für ein, zwei Stunden, denn dann hieß es für alle wieder zurück an die Arbeit.

In Wald-Michelbach ist es schon seit Jahren eine gute Tradition, dass die Mitarbeiterinnen an Weiberfastnacht – wenigstens kurzzeitig – die Macht übernehmen. Die Krawatten der Kollegen sind somit an diesem Tag nicht sicher, auf jeden Fall muss der Schlips des Bürgermeisters dran glauben.

Weber nimmt den närrischen Angriff jedoch nicht nur gelassen hin, sondern nutzt jedes Jahr auch die Gelegenheit, seine Krawattensammlung um ein älteres Exemplar zu verringern, wie er augenzwinkernd verriet.

Am Donnerstag musste die Krawatte von Bürgermeister Dr. Sascha Weber dran glauben. Sie wurde um einige Zentimeter kürzer gemacht. Der Rathauschef nahm den närrischen Angriff jedoch augenscheinlich gelassen hin. Foto: Fritz Kopetzky
Am Donnerstag musste die Krawatte von Bürgermeister Dr. Sascha Weber dran glauben. Sie wurde um einige Zentimeter kürzer gemacht. Der Rathauschef nahm den närrischen Angriff jedoch augenscheinlich gelassen hin.

Vorschulkinder stürmen das Rathaus in Abtsteinach

Auch in Abtsteinach wird der „Schmutzige Donnerstag“ fröhlich gefeiert. Die Gemeinde Abtsteinach ist die Fastnachtshochburg im Odenwald. Am „Schmutzigen Donnerstag“ sind es jedoch nicht die närrischen Frauen vom OKACLU, die zum Sturm des Rathauses aufbrechen, sondern seit vielen Jahren übernehmen die Kindergärten diese lustige Aufgabe. Und so waren es auch gestern wieder die Vorschulkinder der drei gemeindlichen Kindertagesstätten, die für Karnevalsstimmung – und abgeschnittene Krawatten – im Rathaus sorgten.

Die Kleinen der Kindergärten „Wirbelwind“, „Stoanischer Abenteuerland“ und „Kinderinsel“ marschierten mit ihren Erzieherinnen pünktlich um 10 Uhr in der Ortsmitte auf, um dann mit Helau und Gesang das Verwaltungsgebäude zu überfluten. Unterstützung gab es schnell von den Mitarbeiterinnen, die ebenso wie ihre männlichen Kollegen bunt kostümiert waren. Und auch das Prinzenpaar vom OKACLU, Dominik I. vom Schützenhof zur Hardbergquelle und seine Lea I., gab sich die Ehre und unterstützte die Kinder beim Rathaussturm.

Keine Gnade ließen die Kinder bei den Chefs walten. Bürgermeister Sven Bassauer bekam ebenso die Krawatte abgeschnitten wie Hauptamtsleiter Stefan Pape und Bauhofleiter Armin Schmitt. Aber auch für die kleinen Besucher gab es einige Überraschungen. So entpuppte sich Schmitt als Magier, der die Kinder mit kleinen Zaubertricks verblüffte, wofür er natürlich viel Applaus erhielt.

Mit von der närrischen Partie war zudem die Seniorengymnastikgruppe des FC Ober-Abtsteinach, die mit dem bekannten Eiertanz für zusätzliche Stimmung sorgte und die Großen und die Kleinen noch bei einer Polonaise durchs Rathaus mitnahm. „Und es gab auch noch einige Tänze“, wie der Bürgermeister im Gespräch mit unserer Redaktion verriet.

So wurde fröhlich gefeiert und alle verbrachten einige närrische Stunden im Rathaus. „Fastnacht wird bei uns richtig gelebt – und das auf Stoanische Art“, erklärte die Gemeindeverwaltung auf ihrer Facebook-Seite.

Beim Rathaussturm am "Schmutzigen Donnerstag" war auch das Prinzenpaar vom OKACLU mit von der närrischen Partie. Bürgermeister Sven Bassauer und seinen männlichen Kollegen wurden die Schlipse gestutzt.       Foto: Gemeinde Abtsteinach
Beim Rathaussturm am "Schmutzigen Donnerstag" war auch das Prinzenpaar vom OKACLU mit von der närrischen Partie. Bürgermeister Sven Bassauer und seinen männlichen Kollegen wurden die Schlipse gestutzt.      

Was es mit dem Brauch auf sich hat

Die Frauen haben an diesem Tag die "Macht". Der Schlips fungiert dabei als Symbol der "Männlichkeit". Seinen Ursprung hat der Brauch bereits im Mittelalter. Damals galt der Tag den Bewohnerinnen von Nonnenklöstern. An Weiberfastnacht nahmen sie sich eine Auszeit vom strengen Leben im Kloster. An diesem Tag durften sie tun, was sie sonst nicht tun durften, wie zum Beispiel tanzen.

Und das mit den Krawatten? Das Abschneiden der Krawatten kam erst im 19. Jahrhundert. Die Welt des Karnevals war männerdominiert und im Jahr 1824 taten sich Frauen in Bonn zusammen und stürmten das Rathaus und schnitten deren Krawatten ab. Von da an breitete sich der Brauch aus. Weiberfastnacht war also der Tag, an dem die Frauen das Karnevalsregiment übernahmen.