Frauen stürmen die Rathäuser an der Bergstraße und im Odenwald
Die Weiberfastnacht hat am Schmutzigen Donnerstag einige prominente "Opfer" im Odenwald und an der Bergstraße gefordert. Den Landrat des Rhein-Neckar-Kreises Stefan Dallinger und auch die Bürgermeister wurden nicht verschont.
Der Schmutzige Donnerstag ist DER Tag im Jahr, an dem sich männliche Amts- und Würdenträger mit Krawatten-Vorliebe ganz besonders in Acht nehmen müssen. Die närrischen Weiber erobern die Rathäuser und schneiden den Herren die Zipfel ab. So geschehen natürlich auch am 8. Februar 2024 im Odenwald und an der Bergstraße. WNOZ-Reporter waren dabei:
Hirschberger Hexen sind zu früh
Die Apfelbachhexen sind auf Zack. Kurz vor 11 Uhr fahren die zwei Autos mit den acht Hexen aus Hirschberg-Großsachsen vor dem Rathaus vor. „So sehen Hexen aus“ singen sie und stürmen das Rathaus, um die Amtsgeschäfte zu übernehmen. Im Foyer wird mit den „Herren der Schöpfung“ kurzer Prozess gemacht. „Schnipp, schnapp die Krawatt is ab“ schreien die froh gelaunten Faschingsfrauen und halten ihr Trophäe in die Luft. Mit dem altbekannten Lied „Saase Helau“ rennen sie ins Dienstzimmer des Bürgermeisters Ralf Gänshirt. Der weiß, was ihm blüht. Wenige Sekunden später ist seine erste Krawatte gekürzt.
Apfelbachhexen bei Bürgermeister Gänshirt
Da der offizielle Rathaussturm üblicherweise erst um 11.11 Uhr erfolgt, und die Pressefotografen erst hierzu kommen, erklärt sich der bestens gelaunte Bürgermeister dazu bereit, noch eine Krawatte zu opfern. Auch sie ist im Nu ein Stück kürzer. „Hurra, hurra, wir sind wieder da - mit der ganzen Hexenschar. Rathaus gestürmt, Krawatten sind ab, den Rathausschlüssel ham ma geschnappt. Der Bürgermeister denkt: Oh weh, oh weh, wenn ich schunn die Hexen seh, geht‘s mir an den Kragen und ich hab nix mehr zu sagen. "Helau“, heißt es von Sprecherin Heike Rohr-Tomuschat. Gänshirt lacht und wünscht tolle Tage. Und da die Hexen lange durchhalten müssen, gibt es eine Wegzehrung: Sekt und Kräppel. Zudem erhalten sie noch eine Kiste Sekt von Teutsch und Hirschberg Gutscheine.
Und während alle so nett ins Plaudern kommen, schwärmen die Hexen dem Rathauschef vom schönen Pfarrer Friedel Goetz vor. „Los dir doch ah die Hoar wachse“, raten sie Gänshirt. Der winkt lachend ab: „Ihr müsst mich nehmen, wie ich bin.“ Die Hexen haben eine andere Idee fürs Rathaus: ein Männerballett. Zum Schluss gibt es noch ein kleines Missgeschick, denn beim großen roten Rathausschlüssel bricht ein Teil ab. Dies scheint schon öfters passiert zu sein, wie der Bürgermeister feststellt, als er das abgebrochene Teil in der Hand hält. Alle lachen und stoßen mit einem Glas Sekt an. Die Mehrheit der Hexen stammen von der Katholischen Frauengemeinschaft Großsachsen, die 74-jährige Hexenmama Karin Meitzler vom MGV Sängerbund. Die anderen Hexen heißen Gabi Eschwey, Petra Fading, Andrea Kreis, Heike Rohr-Tomuschat, Ingrid Klohr, Gudrun Hehmann und Nicola Ahrens.
Weiberfastnacht auch im Landratsamt in Heidelberg
Weiberfastnacht im Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis: Punkt 11.11 Uhr stürmte am Schmutzigen Donnerstag eine Horde von närrischen Mitarbeiterinnen der Kreisbehörde – mit spitzen Scheren bewaffnet – das Büro von Landrat Stefan Dallinger. Auch andere männliche Führungskräfte bekamen die „Frauenpower“ zu spüren und die Krawatten gestutzt. Der Kreis-Chef trug die „Entmachtung“ mit Humor und belohnte die Narrenrunde mit Getränken und heißen Würsten.
Bürgermeister Dr. Sascha Weber wird "Opfer" der Fastnacht
Schmutziger Donnerstag, 11.11 Uhr. Vor dem Wald-Michelbacher Rathaus ist alles friedlich, lediglich einige Bürger gehen ein und aus. Doch hinter den Kulissen geht es närrisch zu. Die weibliche Belegschaft, bewaffnet mit buntem Kopfschmuck und einer großen Schere, hat es auf die wichtigste Krawatte des Rathauses abgesehen – nämlich die des Bürgermeisters Dr. Sascha Weber.
Ein "schmutziger" Trick
Weber selbst hat sich in weiser Voraussicht den Schlips umgelegt, von dem er sich am ehesten trennen könne. „Und die, die am besten zum Anzug passt“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Vor einiger Zeit sei ein Kollege besonders kreativ gewesen, verraten die Närrinnen. Der habe sich die Krawatte – ganz unauffällig – mit Draht verstärkt, damit diese sich nicht so leicht durchtrennen lassen würde.
Dabei dürfte Webers Schlips allerdings das einzige Opfer der Fastnachtsschere gewesen sein. Denn viele männliche Kollegen tragen gar keinen mehr. Stattdessen könnten die Schnüre der Kapuzenjacken herhalten, überlegte die Truppe.
Wie es am Donnerstag vor dem Faschingswochenende Tradition ist, haben mit dem Rathaussturm die Narren, ganz ohne Widerstand, die Herrschaft über die heiligen Hallen Wald-Michelbachs übernommen. „Was sie allerdings damit wollen, weiß ich auch noch nicht“, verrät der um eine Krawatte kürzere Weber augenzwinkernd. Bei Kräppeln und Getränken haben die Fastnachtsweiber aber bereits einige Ideen. An der großen Tafel wird fleißig beratschlagt: Um 12 Uhr Feierabend machen. Den Schreibtisch als Fußablage zu benutzen. Den Stuhl nur noch in Liegeposition zu stellen. Ein Sushi-Band, das frische Delikatessen durch alle Büros liefert.
Mit dem Krawattenschnitt und der Weiberfastnacht am Abend ist der Startschuss für den närrischen Endspurt gefallen. Einer der Höhepunkte ist Abtsteinacher Boa Narhalla am kommenden Sonntag, waren sich die Närrinnen einig.
Fastnacht in Oberflockenbach
Pünktlich um 11.11 Uhr stürmten die Faschingsfrauen in Oberflockenbach das Rathaus und übernahmen mit Musik von Volker Cestaro und Kurt Jäger den Rathausschlüssel. Natürlich wurde auch eine Krawatte geopfert, die von Ortsvorsteherin Heide Maser fachmännisch abgeschnitten wurde. So wurde bei Musik und viel Spaß noch einige Zeit weitergefeiert.
Fastnacht auch im Weinheimer Rathaus
Es kann ja schon mal vorkommen, dass man (oder frau) an Fasching doppelt sieht. Insofern wunderten sich die Sulzbacher „Hutzeln“ am Donnerstag im Weinheimer Rathaus auch nicht, als sie es auf einmal mit drei Krawattenträgern zu tun hatten: Oberbürgermeister Manuel Just empfing die Fastnachtshexen aus dem Ortsteil traditionsgemäß im Dienstzimmer. Erstmals hielt der Erste Bürgermeister Andreas Buske geduldig die Krawatte hin – und sein Vorgänger Dr. Torsten Fetzner ließ es sich aus alter Verbundenheit nicht nehmen, mit den „Hutzeln“ auf Tour zu gehen. Er hatte auch schon Sulzbachs Ortsvorsteher Frank Eberhardt im kleinen Sulzbacher Rathaus beim Rathaussturm tapfer zu Seite gestanden.
OB Just war auf den Damenbesuch trefflich vorbereitet – sogar mit einer kleinen improvisierten Büttenrede. „Andreas is der neie Torsten, owwe awwer mit weniger Borschden“, reimte er zur Freude der Gäste – und seines Stellvertreters. Aber er schüttete auch sein Herz aus und spielte augenzwinkernd auf aktuelle politische Themen des Frühjahrs an. „Immer wenn wir denke, jetzt ist alles klar“, klagte er, „kummt um die Eck än onnerer aus soim Versteck, un gründet aus soim eigene Motiv – ä Bürgerinitiativ“.
Ein Trost für den Rathauschef mit gekürzter Krawatte: Die „Hutzeln“ sind auf seiner Seite. So kam es tröstend entgegen: „Lieber Monuel, du hoggschd zwische de Stühl und hosch än schwere Stond, zur Lösung hift dir nur doin wache Verstond.“
In Hemsbach ist Jürgen Kirchner "fällig", in Laudenbach Benjamin Köpfle
Schnipp, Schnapp – Krawatte ab. Mit dem traditionellem Rathaussturm läuteten die Narren in der Region am schmutzigen Donnerstag die heiße Phase der Fastnacht ein. In Hemsbach gingen die Hexen im Rathaus auf Trophäenjagd, in Laudenbach rückte der Kindergarten Abenteuerland Bürgermeister Benjamin Köpfle zu Leibe.
Die schwarz-lila gewandten Zauberinnen machten in Hemsbach keine Gefangenen. Schnurstracks marschierten das Hexengefolge mit spitzem Hut und Gläschen unter „Oberhexe“ Maria Adamik ins Büro von Jürgen Kirchner. Ganz so boshaft waren die Hexen aber nicht – stattdessen überbrachten sie sogar nachträgliche Geburtstagswünsche in gereimter Form. Als Geschenk gabs für den Bürgermeister dann noch ein Tütchen mit italienischen Kostbarkeiten. Der „Boijemoschda“ nahm’s mit Humor und Freunde und belohnte die „närrischen Weiber“ mit Kräppeln, Sekt und Gutscheinen fürs Max. Die Hexen machten daraufhin wieder die Stadt unsicher.
Einige Kilometer weiter regnete es Seifenblasen statt Konfetti. Traditionell rückt in Laudenbach der katholische Kindergarten Abenteuerland am schmutzigen Donnerstag an und besucht das Rathaus. Mit einer kleinen Parade in Schlafanzügen statt teuren Kostümen, viel Musik und Getöse lockten die vielen Kinder auch Chef des Hauses auf den Vorplatz. Dem ging es genau wie Amtskollege Jürgen Kirchner an den Kragen – ein paar Scherenschnitte später war die grün-weiß gestreifte Krawatte ab. Ein kleines „Geschenk“, das die beiden Bürgermeister ihren närrischen Besuchern gerne opferten. hr/kum/i.k.