Buchclub Weinheim

Zusammen liest man weniger alleine

Vor drei Jahren gründete Lisa Feyertag den „Zweiburgen Buchclub“. Die Resonanz zeigt – einem Leseclub fiebern viele Weinheimer entgegen. Heute treffen sich 16 Frauen regelmäßig, um über Bücher zu diskutieren und ihre Freundschaft zu pflegen.

2022 gründete Lisa Feyertag den Zweiburgen Buchclub durch einen Social Media Aufruf. Foto: Lisa Feyertag
2022 gründete Lisa Feyertag den Zweiburgen Buchclub durch einen Social Media Aufruf.

Weinheim. C.S. Lewis sagte einmal: „Wir lesen, um zu wissen, dass wir nicht allein sind.“ Und die Frauen, die sich im evangelischen Gemeindezentrum in Weinheim um den großen Holztisch versammeln, wissen das auch. Schon von Weitem ist ihr Lachen zu hören. Auf dem Tisch stehen selbstgebackene Käseschnecken, Waffeln und Zupfkuchen. Durch die geöffneten Fenster des Gemeindesaals strömt ungewöhnlich laue Februarluft herein. Über den Köpfen des Buchclubs leuchtet die Wachenburg und verleiht dem Treffen eine magische Atmosphäre. „Ich habe mir ein paar Zitate aus unserem aktuellen Buch herausgeschrieben. Die würde ich euch später gerne vorlesen“, sagt Sandra und wedelt mit ihrem E-Reader vor den anderen herum. „Aber nicht spoilern, ich bin noch nicht ganz fertig“, bittet Katharina und blättert in dem Buch vor ihr auf dem Tisch. „Ich freue mich, dass ihr heute Abend hier seid“, eröffnet Gründerin Lisa Feyertag das Treffen.

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„Vor dem ersten Treffen war ich sehr aufgeregt und hätte fast einen Rückzieher gemacht.“

Fast drei Jahre ist es her, dass die Weinheimerin einen Aufruf zum ersten Buchclub-Treffen auf Facebook und Instagram teilte und damit den Grundstein für die Gruppe legte. „Ich bin neu hierhergezogen und habe Anschluss gesucht. Da ich nicht feiern gehe und relativ viel arbeite, gab es wenig Möglichkeiten für mich neue Leute kennenzulernen“, erzählt die 31-Jährige. Sie habe gar nicht damit gerechnet, dass die Idee eines Buchclubs so gut ankomme. „Mir haben viele Frauen geschrieben, dass sie gerne lesen und genau so einen Ort zum Austauschen suchen.“ Als dann noch eine örtliche Buchhandlung Lisas Aufruf in den sozialen Medien teilte, kommt eine Anfrage nach der anderen. „Vor dem ersten Treffen war ich sehr aufgeregt und hätte fast einen Rückzieher gemacht“, erzählt die Social Media Managerin.

Das erste Treffen des Buchclubs fand in der Woinemer Hausbrauerei statt. Foto: Lisa Feyertag
Das erste Treffen des Buchclubs fand in der Woinemer Hausbrauerei statt.

Kein Club der toten Dichter

Buchclubs haben längst ihr verstaubtes Image abgelegt. Oprah Winfrey hat einen. Reese Witherspoon ebenfalls. Beide haben aus einem Hobby ein erfolgreiches Geschäftsmodell gemacht. Witherspoons Kanal folgen mittlerweile fast drei Millionen Menschen auf Instagram. Internettrends wie BookTok schaffen virtuelle Buchclubs mit Mitgliedern rund um den Globus und ermöglichen so einen weltweiten Austausch über die eigenen Lieblingsbücher. Mittlerweile gibt es sogar eigene Festivals für Leseclubs, bei denen sich Autoren mit Mitgliedern von Literaturkreisen treffen, um sich über ihre Werke auszutauschen und gemeinsam in die Welt der Literatur einzutauchen.

Es gilt ein striktes Männerverbot

Der Weinheimer Buchclub zählt mittlerweile 16 Mitglieder – ausschließlich Frauen. Seit seiner Gründung gilt in Lisas Club ein striktes Männerverbot, ein Thema, das auch beim heutigen Treffen diskutiert wird. Sandra gibt zu bedenken: „Wir sind eine tolle Gruppe, ich weiß nicht, ob ein Mann vielleicht die Dynamik stören würde.“ Für Lisa steht fest, der Club ist als Safe Space für Frauen gedacht und soll es auch bleiben. Fürs Erste sind sich alle einig: Der einzige „Mann“ im Club und auf den Lesewochenenden bleibt Lisas Golden Doodle „Phönix“. „Der ist so flauschig und lässt sich wunderbar kuscheln“, schwärmt Claudia.

Die Mitglieder des Clubs sind so unterschiedlich, wie die Bücher, die sie lesen. Stolz erzählt die 52-jährige Claudia von ihrer eigenen Bibliothek – die zählt mittlerweile über 3000 Bücher. Über Facebook hat sie den Club entdeckt und war sofort begeistert von der Idee. Die 56-jährige Margit ist in einer Druckerei groß geworden und hat noch den traditionellen Beruf der Schriftsetzerin gelernt. Lachend erinnert sie sich: „Ich bin froh, dass ich überhaupt dabei sein darf – beim ersten Facebook-Aufruf gab es noch eine Altersgrenze!“ Doch schnell wird klar: Im Weinheimer Buchclub spielt das Alter keine Rolle. Zwei Generationen sitzen am Tisch und diskutieren mit gleicher Begeisterung über alte Klassiker wie über die aktuellsten Fantasyromane. Das jüngste Mitglied, die 22-jährige Marlene, bringt es auf den Punkt: „Ich mag’s hier – es ist einfach toll mit euch.“

Auch Autorin Ingrid Noll war schon Gast des Buchclubs. Foto: Lisa Feyertag
Auch Autorin Ingrid Noll war schon Gast des Buchclubs.

„Wer den Hammer hat, hat das Wort“

Beim heutigen Treffen dreht sich alles um das Buch des Monats: If He Had Been with Me von Laura Nowlin. „Im Februar stand ein Roman auf dem Programm, für März kann über ein humorvolles Buch abgestimmt werden“, erklärt Lisa. Am Monatsende wird das gewählte Buch in einer ausführlichen Diskussion besprochen. „Dabei kann es schon mal hitzig werden“, sagt Sabrina und erinnert an die Debatte über das Januarbuch. Minna von Barnhelm, ein Klassiker, der nicht bei jeder gut ankam.

Kaum hat sie das gesagt, greift Sitznachbarin Katharina in ihre Tasche und zieht mit einem Grinsen einen schwarzen Richterhammer hervor. Durch die Runde der Frauen geht ein Lachen. „Bei unserem ersten Treffen im Brauhaus lag hinter mir im Schrank ein Fleischerhammer, ich fand den cool“, erklärt Sandra die Situation. Schnell entstand die Idee, selbst einen Hammer zu kaufen, um diesen bei Gesprächen oder Vorstellungen herumzugeben. „Wer den Hammer hat, hat das Wort“, fügt Katharina hinzu.

„Der Club ist als Safe Space für Frauen gedacht und soll es auch bleiben.“

Mittlerweile ist es 21 Uhr und die Gespräche drehen sich längst nicht mehr nur um ein einzelnes Buch. Die Frauen tauschen sich aus. Welches Buch liest die Sitznachbarin? Welche Serien sind momentan besonders gut? Doch immer öfter geht es auch um persönliche Themen. Die 59-jährige Beate berichtet von ihrem letzten Arbeitstag und freut sich auf die neu gewonnenen Freiheit, die jetzt vor ihr liegt. Marlene erzählt von dem Kinofilm, den sie sich gleich anguckt und hofft, nicht dabei einzuschlafen.

Lesewochenende und Autorenvorlesung

Der Abend des Buchclubs geht langsam zu Ende. „Meistens versammeln wir uns für unsere Treffen hier, manchmal organisieren wir auch Vorlesungen in den Wohnzimmern unserer Mitglieder“, erzählt Lisa. Die kommenden Monate wurden von der Gründerin akribisch geplant. Durch ihre Arbeit steht sie in engem Kontakt mit Autoren und Verlagen. Ihre Idee, Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu Vorlesungen in den Buchclub einzuladen, ist mittlerweile zum Selbstläufer geworden. „Wir haben für dieses Jahr so viele Anfragen von Autoren aus der Region bekommen, damit hätte ich noch vor einigen Jahren niemals gerechnet.“ Auch das anstehende Lesewochenende in einem Ferienhaus in Reichelsheim, wird von den Mitgliedern entgegengefiebert. Sandra ist sich sicher: „Für mich sind das die besten Tage im Jahr.“

Jedes Jahr ein Highlight: Die Lesewochenenden in Reichelsheim. Foto: Lisa Feyertag
Jedes Jahr ein Highlight: Die Lesewochenenden in Reichelsheim.

Kurz vor 22 Uhr ist schließlich Schluss. An der Tür des Gemeindezentrums versammelt sich die Gruppe ein letztes Mal. Die Stimmung ist entspannt, das Lachen hallt noch immer durch den Raum. Sandra ist die Erste, die sich auf ihr Fahrrad schwingt und nach Hause radelt. In Grüppchen machen sich auch die anderen auf den Heimweg und verteilen sich in der Weinheimer Fußgängerzone. Der Buchclub ist für heute beendet – doch in zwei Wochen wird sich die Frauengruppe wieder an dem großen Holztisch unter der Wachenburg versammeln, um ihre Leidenschaft, die Bücher, miteinander zu teilen.