Warum jetzt alle Weinheimer ein Stück vom Amtsgericht abbekommen sollen
Alle zahlen, aber die wenigsten sehen es von innen: das Weinheimer Amtsgericht. Direktorin Eva Lösche möchte das nun ändern.
Wenn unbescholtene Bürger das erste Mal einen Gerichtssaal von innen sehen, prallen meist Welten aufeinander. Denn die große Allgemeinheit hat in ihrem Leben eher wenig mit der Justiz am Hut. Die Direktorin des Weinheimer Amtsgerichts, Eva Lösche, möchte, dass sich das ändert. Sie will das Gebäude für Kunst, Kultur und gesellschaftliche Diskurse öffnen. Dass die Veranstaltung, die hierfür den Start markieren wird, den Namen „Zwei Welten“ trägt, ist aus mehreren Gründen passend.
Erfolgreiche Testläufe
„Der Bürger hat das Gebäude bezahlt und erhält es mit seinen Steuergeldern. Aber außerhalb der öffentlichen Prozesse hat das Gebäude für Weinheimer keine Funktion“, erklärt die Direktorin im Gespräch mit unserer Zeitung. Seit Kurzem gibt es hier Bewegung. Bereits beim diesjährigen Tag der „Offenen Ateliers“ öffnete das Amtsgericht als einer von 13 Veranstaltungsorten seine Pforten. Das insgesamt erfolgreiche Format lockte nach Angaben der Direktorin allein ins Amtsgericht 1300 Besucher. Vergangene Woche fanden nun auch Lesungen des Literaturfestivals in den Hallen der Justiz statt. Neben der „Lady of Crimeheim“, Ingrid Noll, gaben sich etwa Michael Kobr und Saskia Berwein die Ehre.
Nach diesen erfolgreichen Schlaglichtern plant Eva Lösche nun etwas Beständigeres. Kunst und Kultur sollen nicht nur zu Besuch im Amtsgericht vorbeischauen, sondern bleiben.
Autodidaktin und gelernter Profi
Unter dem Titel „Zwei Welten“ werden Newcomerin Lösche und der armenischstämmige Profi-Künstler Tigran Grigoryan mit einer gemeinsamen Ausstellung ihrer Werke den Anfang machen. Die Vernissage, bei der unter anderem Oberbürgermeister Manuel Just sprechen wird, findet am Sonntagvormittag des 20. Oktober um 11 Uhr statt. Die Federführung hat der Kunstförderverein Weinheim, der sich auch künftig darum kümmern wird, dass Ausstellungen das Amtsgericht beleben.
Ziel ist, dass interessierte Weinheimer grundsätzlich zu den Öffnungszeiten des Amtsgerichts in den Treppenhäusern und Fluren Kunst erleben können. Aber auch weitere Formate sind in Planung. Nicht alles ist spruchreif. Doch Eva Lösche verrät jetzt schon, dass sie sich auch gut vorstellen kann, Podiumsdiskussionen im Gericht abzuhalten. Bei der Moderation solcher Veranstaltungen hat sie bereits Erfahrung.
Es hat sofort gefunkt
Doch zurück zur Auftakt-Ausstellung von Lösche und Grigoryan. Die beiden haben sich im Rahmen der „Offenen Ateliers“ 2024 kennengelernt – und es hat sofort gefunkt. Trotz des Titels „Zwei Welten“ gibt es doch so einiges, das die beiden Künstler verbindet. „Die Farbenfröhlichkeit zum Beispiel“, sagt Grigoryan, der die Kunstakademie in der armenischen Hauptstadt Jerewan als Meisterschüler absolvierte. Das Spiel mit den Farben nimmt im Schaffen beider Künstler eine große Rolle ein. Grigoryan malt mit ihnen ein Stück Heimat in seine Bilder, die warmen Töne transportieren das südliche Klima Armeniens.
Eva Lösche taucht mit ihren Farben in eine ganz eigene Sinnwelt. Die Richterin nimmt ihre Außenwelt und inneren Gefühle in großen Teilen mit ihnen wahr. Die besondere Form dieser Sinneswahrnehmung wird Synästhesie genannt. Von ihr ist die Rede, wenn Sinne mehr als nur den dafür vorgesehenen Bereich im Gehirn anregen. Dann lösen Töne beispielsweise Geschmäcker aus, Gerüche fühlen sich etwa rau oder weich an.
Autodidaktin Lösche arbeitet sehr intuitiv, lässt Farben und Formen insbesondere bei ihren abstrakten Werken aus sich heraussprudeln. Auf die Leinwand werden sie oftmals unkonventionell gebracht: Utensilien wie Plastikfolien oder die Gummilippe eines Bauhaus-Spachtels kommen zum Einsatz.
"Ich stehe nie vor einer leeren Leinwand"
Beim studierten Künstler Grigoryan sieht das etwas anders aus. Er arbeitet mit konkreten Vorstellungen. Wenn ihn ein zeitgenössisches Thema packt, die Rolle und der Umgang mit dem Smartphone in unserer Gesellschaft beispielsweise, lässt es ihn nicht mehr so schnell los. „Ich bekomme immer mal wieder die Frage: ‚Tigran, was denkst du, wenn du vor der leeren Leinwand stehst?‘ Ich sage dann immer: ‚Ich stehe nie vor einer leeren Leinwand.‘“
Der Künstler ist technisch so versiert, dass ihm sein Hang zum Detail manchmal zum Verhängnis wird. Seine Werke sind mitunter so realistisch, dass sie für Fotografien gehalten werden. Etwas, das man als Kompliment verstehen könnte, das Grigoryan aber gar nicht so gefällt. „Ich muss mich beim Malen oft bremsen“, sagt er. Manchmal tritt er also noch einmal einen Schritt zurück von der Leinwand und entledigt sich mancher Details. „Ich könnte schon so malen, dass es wie ein Foto aussieht. Aber das ist nicht, was mich interessiert. Dafür gibt es doch tolle Kameras“, so Grigoryan.
Bei so viel Vielfalt entdecken Besucher mit Sicherheit noch mehr als „Zwei Welten“. Besonders spannend wird es, wenn zwischen Gegenpolen Brücken geschlagen werden. Wie bei der Justiz und der Kunst, die in Weinheim künftig Hand in Hand gehen sollen.
Die Vernissage zur Ausstellung „Zwei Welten“ von Eva Lösche und Tigran Grigoryan findet am 20. Oktober um 11 Uhr im Weinheimer Amtsgericht statt.