Weinhheim/Wald-Michelbach

Vom Gerichtssaal ins Atelier: Eva Lösche zeigt ihre künstlerische Seite

Eva Lösche, Strafrichterin und Direktorin am Weinheimer Amtsgericht, ist bekannt für ihren Gerechtigkeitssinn. Doch hinter der Fassade der Juristin verbirgt sich eine leidenschaftliche Künstlerin, die sich nach Jahren der Zurückhaltung endlich dazu entschlossen hat, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ihre Kunst, geprägt von einem seltenen neurologischen Phänomen, bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt ihrer Farben und Gefühle.

In ihrem Atelier badet Richterin Eva Lösche in ihren Farben, wie sie es selbst ausdrückt. Foto: Fritz Kopetzky
In ihrem Atelier badet Richterin Eva Lösche in ihren Farben, wie sie es selbst ausdrückt.

Als Strafrichterin macht man sich nur wenige Freunde, dafür aber jede Menge Feinde. Viele Juristen meiden die Öffentlichkeit. Auch noch im Rampenlicht zu stehen: Das ist für die meisten undenkbar. Eva Lösche, Direktorin am Weinheimer Amtsgericht, stellt hier keine Ausnahme dar. Zumindest bislang: Denn die Künstlerin in ihr gibt es bereits viel länger als die Richterin. Ihre unzähligen Werke endlich Ausstellungsluft schnuppern zu lassen, das ist ein Drang, dem Lösche nach Jahren der Zurückhaltung nicht länger widerstehen kann. Beim Besuch unserer Redaktion erzählt die Richterin, warum sie sich ausgerechnet nach der wohl strapaziösesten Zeit ihrer Karriere zu diesem Schritt entschlossen hat und welche Rolle ihre Synästhesie bei dieser Entscheidung spielt.

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Foto: Fritz Kopetzky

"Sie sehen, es steht etwas voll hier. Das hat mit der Ausstellung zu tun", sagt die Richterin, als sie in ihr Haus hineinführt. An jeder Wand hängen knallige Malereien und Collagen. Ein strenger Blick aus einem kubistisch angehauchten Männergesicht verfolgt einen auf dem Gang. Schon verliert sich das eigene Auge in einem Werk, das nur ein paar Schritte entfernt hängt. Einem abstrakten Wasserfall aus Rot und Blau mit einer kleinen, gelben Fußnote an der linken unteren Ecke des Hochformats. Die drei Farben bilden die absolute Dominanz in den Arbeiten von Eva Lösche. Einer Frau, für die die Farben viel mehr sind, als bunte Masse. Die Richterin nimmt ihre Außenwelt und inneren Gefühle in großen Teilen mit ihnen wahr. "Was mit mir los ist, habe ich erst mit Anfang 20 herausgefunden, als ich auf einen Artikel zu dem Thema gestoßen bin."

Nummern werden zu Farben

Die besondere Form der Sinneswahrnehmung wird Synästhesie genannt. Der Begriff kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet "mitempfinden" oder "zugleich wahrnehmen". Von Synästhesie ist die Rede, wenn Sinne mehr als nur den dafür vorgesehenen Bereich im Gehirn anregen. Dann lösen Töne beispielsweise Geschmäcker aus, Gerüche fühlen sich etwa rau oder weich an. In Eva Lösches Fall bekommen Zahlen und Buchstaben eine Farbe - und umgekehrt. Bei ihr werden eine Zahlenkombination oder ein Wort zur Farbpalette: "Deswegen vergesse ich auch selten etwas, kann mir Nummern auch nach Monaten noch merken."

Was verbindet sie mit Rot, Blau und Gelb, den Farben, die ihre künstlerischen Arbeiten so prägen? Die Richterin muss überlegen: "Rot ist für mich eine Fünf oder ein E, Blau ist das A und die Vier, Gelb ist die Drei und hat unterschiedliche Buchstaben. Das changiert ein wenig mit dem Farbton. Gelbbeige, das ich viel benutze, ist für mich zum Beispiel ein V." Zusammen lässt sich daraus Eva bilden, fällt der Künstlerin auf und sie lacht: "Gut, das kann jetzt auch Zufall sein!"

Foto: Fritz Kopetzky

Nicht nur Sinne bekommen bei Lösche eine Farbe. Auch Gefühle drückt sie mit ihnen aus. Der Richteralltag, er ist geprägt von dunklen Tönen: "Ich blicke oft in menschliche Abgründe, erlebe viel Leid. Man geht professionell damit um, aber vieles belastet natürlich. Wenn zum Beispiel eine Gruppe den Staat ablehnt und der Staat plötzlich mein Gesicht hat", erzählt sie mit Blick auf die Prozesse während der Corona-Pandemie.

Der herausragendste und zugleich strapaziöseste war die Verhandlung um eine Weinheimer Ärztin im Januar, der vorgeworfen wurde, mehr als 4000 falsche Maskenatteste ausgestellt zu haben. Der Prozess wurde vom lautstarken und teils aggressionsgeladenen Protest sogenannter "Corona-Kritiker" begleitet. Auch die Medizinerin selbst erklärte sich als ausgesprochene "Masken-Gegnerin". Der Hass gegen Staat und Gesetzgebung vieler Einzelner kanalisierte sich und traf geballt auf die Richterin. "Ich stand acht Wochen unter Polizeischutz, selbst an der Supermarktkasse war mir gedroht worden", erzählt die Direktorin des Amtsgerichts heute. Und doch war es kurz nach dieser Zeit, als Lösche sich dazu entschied, mit ihrer Kunst an die Öffentlichkeit zu gehen.

Den Kontrast zu den dunklen Gefühlen stellt bei der Richterin seit jeher das Spiel mit zumeist warmen Farbtönen dar. Sie führt in ihr Atelier: "Hier bade ich in den Farben", erklärt sie. Dort experimentiert sie mit Material, Umwelt und Technik. Dann kommen eher ungewöhnliche Utensilien zum Einsatz wie Plastikfolien oder die Gummilippe eines Bauhaus-Spachtels. "Die Dinge entwickeln sich von alleine, sobald man aufhört, über sie nachzudenken", findet sie. Immer wieder produziert Lösche Chaos, um es dann in einer Ordnung einzufangen. Triebe, Wünsche, Emotionen - das seien die wilden Aspekte des Menschen. Erziehung, Selbstfindung, Sozialisation - sie stellen die Struktur dar.

Chaos bekommt Struktur

Dieser Gegensatz lässt sich in vielen ihrer Bilder wiederfinden. Die abstrakte Acrylarbeit "Wasserfall" zum Beispiel scheint auf den ersten Blick eine wilde Vermengung von lang und kurz gezogenem, verwischtem und vermischtem Weiß, Blau und Rot zu sein, die immer wieder vom Gelb durchtrennt werden. Die Andeutung einer Geometrie verleiht diesem vermeintlichen Wirrwarr jedoch einen ordnenden Rahmen. Und der Rahmen wiederum trägt eine Abfolge eben dieser zunächst so wild scheinenden Farbmischung.

Die zweite große Konstante in ihrem künstlerischen Schaffen sind die Gemälde mit starker kubistischer Note. Die Ölpastelle "People 2" (Leute zwei) reduziert eine Reihe von Frauen (oder womöglich auch Männern) auf geometrische Figuren. Ein androgynes Weltbild findet sich in vielen ihrer Arbeiten. Mit der wiederkehrenden Figur Lola will sie dieses auf die nächste Ebene ihres künstlerischen Schaffens heben. Mal sitzend, mal von der Seite - aber nie von vorne - ist die augenscheinlich weibliche Gestalt zu sehen. In einem ihrer künftigen Werke soll sich das ändern: Mit der Ansicht von Lolas Vorderseite wird mit dem vermeintlichen Frauengeschlecht aufgeräumt.

"Mein Job ist meine Berufung und das Malen meine Leidenschaft", sagt Eva Lösche über sich. Gegensätze gehören zum Menschen. Sie ziehen sich, wie man so schön sagt, an. Und so ist es vielleicht gar nicht so gegensätzlich, dass die Richterin sich ausgerechnet um jene Zeit, in der die Öffentlichkeit sich für sie als so bedrohlich aufplusterte, dazu entschied, sich in deren Rampenlicht stürzen. Als bestünde es aus den Farben in ihrem Atelier, in denen sie so gerne badet.

Eva Lösche zeigt ihre gesammelten Werke zum ersten Mal in ihrer Ausstellung "People 'n Stuff" im Rathaus Wald-Michelbach. Vom 12. November bis zum 31. März werden die Werke die Etagen der Verwaltung zieren. Zugänglich sind sie während der Öffnungszeiten. Eine Vernissage mit musikalischer Begleitung von Thaddäa Hauck findet am 12. November um 15 Uhr statt.