Warum Kunstliebhaber ins Weinheimer Amtsgericht strömen
Eine Eva mit Schlangentattoo, Gespräche statt Zeugenaussagen und am Ende sogar ein Hauch von "Studio Ghibli". Das Amtsgericht ist künftig für Kunst und Kultur geöffnet!
Gemälde statt Beweisfotos, Grußworte stellvertretend für Plädoyers, Gespräche anstelle von Zeugenaussagen: Schlussendlich gab es am Sonntag immerhin ein Urteil im Weinheimer Amtsgericht. Das lautete bei der Eröffnung der Ausstellung "Zwischen zwei Welten", die Werke der Künstler Tigran Grigoryan und Eva Lösche zeigt: schuldig im Sinne der Anklage.
Passt das zusammen?
Kunst und Justiz? Der Gegensatz könnte zunächst einmal nicht größer sein. Aber nur zunächst: Das stellte Claudia Stauffer, stellvertretende Direktorin am Amtsgericht, in ihrer Begrüßung heraus, als ihr Blick 30 Kilometer gen Süden schweifte - auf das Amtsgericht in Schwetzingen. Hans Moser, dessen Direktor a.D., hatte es bereits vorgemacht und den Verein "Kunst im Amtsgericht" initiiert. Seine Motivation sei unter anderem gewesen, dass er den Menschen das Unbehagen vor der Justiz nehmen wollte.
In Weinheim wiederum wird der Kunstförderverein dafür verantwortlich zeichnen, dass das Amtsgericht auch über "Zwischen zwei Welten" hinaus zum Anziehungspunkt für Kulturliebhaber wird. Weinheimer werden dort ab sofort grundsätzlich zu den Öffnungszeiten in den Treppenhäusern und Fluren Kunst erleben können. Aber es soll auch weitere Formate geben: Lesungen, Podiumsdiskussionen und mehr seien denkbar, wie Amtsgerichtsdirektorin Lösche bereits in der Vergangenheit gegenüber WN/OZ erklärte.
Amtsschimmel hat als Wappentier ausgedient
"Was Kunst anbelangt, spielen wir schon in einer ganz guten Liga. Aber es gibt noch Luft nach oben", so Oberbürgermeister Manuel Just im Gerichtssaal, der so rappelvoll war, dass die Besucher bis auf den Flur hinaus standen. Bei dem ganzen Pessimismus, der manchmal in Amtsstuben herrsche, freue er sich über die Ausstellungen, die Besuchern Kraft geben. Das Wappentier des Amtsschimmels habe ausgedient. Stattdessen berichtete der Rathauschef, dass man sich mit dem Kunstförderverein bereits dahingehend besprochen habe, noch mehr Gas zu geben für Kunst und Kultur.
Gerhard Berger, Vorsitzender des Kunstfördervereins, nahm den Ball gerne auf. "Weinheim stehen offene Ateliers einfach gut zu Gesicht", sagte er auch mit Blick auf das Format "Offenen Ateliers", das 2024 in die Weinheimer Kulturlandschaft gekommen ist, um wegen seines Erfolgs zu bleiben (das nächste Mal bei den Heimattagen 2025). Zu den 13 Schauorten und 29 Künstlern zählten auch das Amtsgericht und Hausherrin Eva Lösche. Nun beobachtete Gerhard Berger zufrieden, dass sich abermals etliche Besucher "in die Fänge der Justiz" begeben - der Kunst wegen.
Und natürlich wegen der Künstler. Der Titel "Zwischen zwei Welten" könnte kaum treffender sein: "Oggersheim und Armenien, studierter Künstler und Autodidaktin", so zwei der Welten zwischen Tigran Grigoryan und Eva Lösche in der Aufzählung von Caroline Messelhäuser. Die Kunsthistorikerin malte den Besuchern ein Bild von der Arbeit der beiden Kreativen. Beziehungsweise skizzierte - sie wolle sich heute kurzhalten, versprach sie dem auf die Ausstellung gespannten Publikum.
Die Autodidaktin
Eva Lösche, die Autodidaktin, die bereits seit ihrer Jugendzeit male, bezeichnete Messelhäuser als "wahnsinnige Schafferin, die zuweilen an drei Werken parallel arbeitet". Ursprünglich gegenständlich, sei das Schaffen Lösches im Laufe der Zeit immer abstrakter geworden. Die Bandbreite: von androgynen Gestalten bis zur Farbkomposition. Die Farben: Primäre und Komplementäre - mal hart abgegrenzt, mal gehen sie ineinander über. Die Technik: Grundiert, gespachtelt, gemalt. Zusammen ergebe das: Werke, mitunter haptisch, immer tiefgründig.
Der Berufskünstler
Die figurativen Werke von Tigran Grigoryan seien so "fantastisch gut" und die Details seiner Gemälde wirkten so wirklich, manch einer halte sie für Fotorealismus - fälschlicherweise. Berufskünstler Grigoryan war als Restaurator tätig, fertigte auch Auftragsarbeiten wie Wandmalereien, zauberte Bühnenbilder und begleitet regelmäßig Schulprojekte wie das in Hemsbach, wo aus grauen Trafohäuschen farbenfrohe Hingucker wurden. In seinen Gemälden greift er aktuelle Themen auf, führte Caroline Messelhäuser weiter aus.
In manchen holt er sie auch in die Gegenwart: Beispielsweise in dem Bild, das die biblische Geschichte von Adam und Eva aufgreift. Die verführerische Schlange ist ein Tattoo auf Evas Arm. Ein anderes Gemälde zeigt drei Frauen, die starr in ihr Smartphone blicken: "Das sehen sie tagtäglich, dafür müssen sie nur einmal durch die Weinheimer Fußgängerzone gehen", so die Kunsthistorikerin lächelnd.
Ein Hauch von "Studio Ghibli"
Rie Kanemoto, die in Tokyo Klavier und in Mannheim Musikpädagogik studierte, entführte die Besucher mit ihren Stücken in eine dritte Welt - die Klangwelt. Chopin, Debussy, Bach: Das Stück, das am meisten Applaus einheimste, sollte keines der drei großen Meister sein. Stattdessen begeisterte die Lehrerin an der Musikschule Badische Bergstraße mit einem Stück aus ihrer eigenen Feder. "Ich und zwei Welten" erinnerte an das harmonische Chaos der Titelmusik von Filmen des "Studio Ghibli" - verträumt, dramatisch, fröhlich. Diese Gefühlspalette passte gut zur Farbpalette, in die sich die Besucher im Amtsgericht dann erwartungsvoll stürzten.